Keine Milch ohne Zicklein

Der Verbrauch von Ziegenmilch und Ziegenmilchprodukten ist in den letzten Jahren gestiegen. Gründe sind unter anderem die Nachfrage nach regionalen Qualitätsprodukten, der vergleichsweise leichte Einstieg in die Milchziegenhaltung, die Vielfalt sowie die gute Verträglichkeit der Ziegenmilchprodukte. Dies begünstigte eine Ausweitung der Milchziegenhaltung im Haupterwerb.

2014 wurden in Deutschland auf 273 Betrieben rund 35.000 Milchziegen gemolken; Betriebe mit weniger als 15 gemolkenen Tieren wurden bei dieser Zählung nicht berücksichtigt. Die meisten Betriebe liegen in Bayern. Es folgen Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen. Die größten Tierbestände finden sich ebenfalls in Bayern. Hier folgen Thüringen und Sachsen mit sehr hohen Tierzahlen von teilweise über 1.000 Ziegen pro Betrieb.

Diese Daten stammen aus  einer erstmalig durchgeführten Studie von Bioland, der Beratung Artgerechte Tierhaltung (BAT) und des Thünen-Institut. Laut des entsprechenden Abschlussberichts der fast 300seitigen „Systemanalyse der Schaf- und Ziegenmilchproduktion in Deutschland“  wurden  2014 rund 24 Millionen Liter Ziegenmilch gemolken. Etwa die Hälfte der Milch stammte von Biobetrieben.

Keine Milch ohne Kitze

Milchziegen werden in der Regel einmal jährlich besamt oder gedeckt, um eine höchstmögliche Milchmenge zu erzeugen. Da Ziegen in der Regel Zwillinge zur Welt bringen, sprechen wir hier von  70.000 oder mehr Ziegenkitzen (Zicklein) jährlich, Tendenz steigend.  

Was PROVIEH und andere Tierschutzverbände bereits vor Jahren anmahnten, belegt nun die aktuelle Studie von Bioland, BAT und Thünen-Institut. Hier heißt es: „Das Problem der Vermarktung der nicht als Nachzucht benötigten Kitze wurde als gravierend bewertet.“ Während sich die Nachfrage für Ziegenmilch gut entwickelt, fehlen leider die Lösungen für den Verbleib der männlichen und weiblichen Kitze, die nicht für die Nachzucht behalten werden. Ähnlich wie bei den Hochleistungsrassen der Milchkühe lohnt es sich auch bei den Ziegen wirtschaftlich kaum, die Kitze zu mästen. Die männlichen Tiere der Hochleistungsrassen setzen nicht so viel Fleisch an. Hinzu kommt: Während in anderen europäischen Ländern, wie in etwa in der Schweiz, Ziegen(kitz)fleisch regelmäßig auf den Tisch kommt, ist dies in Deutschland eher die Ausnahme.

Dazu heißt es in der Studie: „Eine Ausdehnung der Ziegenmilchproduktion wird auch zu einem wachsenden Angebot an Schlachtkitzen führen. Hierfür sind zeitnah Lösungsmöglichkeiten für eine nachhaltige Verwertung dieses hochwertigen Nebenprodukts aus der Milcherzeugung zu erarbeiten und umzusetzen.“

Einige Betriebe vermarkten das Zickleinfleisch oder das Fleisch von Jungziegen direkt ab Hof oder auf Wochenmärkten. Andere verkaufen die Kitze an konventionelle Mastbetriebe oder geben sie zur Tierfutterherstellung ab.

Wie auch bei der Kälberaufzucht ist es für die meisten Biobetriebe unrentabel, die männlichen Kitze aufzuziehen, da ihnen aufgrund der Ökoverordnung untersagt ist, den preiswerteren Milchaustauscher zu verwenden. So sind mehr als ein Viertel der Kitze zur Zeit der Vermarktung weniger als drei Wochen alt. Die wenigsten Tiere werden auf dem Hof ihrer Geburt großgezogen. Insgesamt werden geschätzte 90 Prozent der männlichen Kitze früh verkauft. Vom fühlenden Lebewesen zum lästigen Nebenprodukt ist es ein sehr schmaler Grat.

Qualvolle Transporte

Jährlich treten tausende Tierkinder – verkauft an Viehhändler – lange  Reisen an, teils quer durch Europa. Am Ende der beschwerlichen Transporte steht eine Mastphase unter meist widrigen Bedingungen. Hinter vorgehaltener Hand und in einigen Internetforen sowie in der Presse kursieren auch Gerüchte, dass  Jungtiere direkt nach der Geburt getötet werden: „Immer wieder wird in der Branche von schwarzen Schafen unter den Ziegenhaltern berichtet, die die wertlosen männlichen Ziegenlämmer direkt nach der Geburt töten. Beweisen lässt sich dies aber nicht.“, schreibt etwa die Badische Zeitung am 7. November 2016.

Aus Sicht der Ziegenhalter sind Politik und Forschung gefragt, tiergerechte und gleichzeitig wirtschaftliche Aufzucht- und Mastverfahren zu entwickeln und zu fördern. Neue Vermarktungsmöglichkeiten müssen erschlossen werden, damit die Tiere nicht zu einer „überschüssigen Ware“ werden.

Die Studie selbst zeigt diverse Lösungsansätze auf.

Diese reichen vom Sperma-Sexing, also der Besamumg mit vorausssichtlich weiblichen Eizellen und beispielsweise  einer Kopplung mit Käse (Direktvermarktung), Weidemast, Nutzung in der Landschaftspflege, bis hin zu Verbesserung des Images/ der Wertigkeit von Kitzfleisch. Vorbilder sind dabei andere europäische Länder wie die Schweiz und Österreich.

Ein weiterer Ansatz sind auch sogenannte Ethikbeiträge.  Hier wertschätzt der Verbraucher, dass die männlichen Kitze zur Mast auf dem Hof bleiben und zahlt beispeilweise für Milchprodukte des Ziegenhalters einen Mehrbetrag, vergleichbar mit der Bruderhahninitiative bei Legehennen.

Eine viel konkretere Lösung scheint das Durchmelken zu sein. Einige Betriebe stellen ihre Ziegen vor der Geburt nicht trocken und belegen sie nach der ersten Geburt nicht wieder. So können die Tiere bis zu mehrere Jahre durchgehend gemolken werden. Insgesamt ist die Milchleistung sogar höher. Praxistests aus Österreich zeigen, dass zudem die Futterkosten niedriger sind und die Kitze dieser Mütter  gesünder und kräftiger sind.

PROVIEH stellt sich allerdings die Frage, ob diese Lösungen wirklich die richtigen sind.

Denn die häufig  „genutzten“ Hochleistungsziegen haben eine niedrige Lebenserwartung und leiden häufig unter gesundheitlichen Problemen. Über kurz oder lang könnte mit Erhöhung der Herdengrößen und Intensivierung der Milcherzeugung auch bei der Ziegenhaltung das Einzeltier immer weiter in den Hintergrund rücken und nur noch die Milchleistung zählen.

Müssen wirklich immer mehr Milchprodukte produziert und konsumiert werden? Wäre es für die deutschen Ziegenhalter nicht sinnvoller mit bestmöglicher Tierhaltung und alten, robusten Ziegenrassen auf „Klasse statt Masse“ zu setzten? Ziegen sind hochsensible Lebewesen. Sie stellen, verglichen mit anderen „Nutz“tieren, sehr hohe Ansprüche an Umgang und Haltung.

PROVIEH wünscht sich achtsame Ziegenbetriebe, die ihre Tiere wesensgemäß halten, nach Möglichkeit durchmelken und die ihre (wenigen) Kitze selbst aufziehen.

 

 

Kathrin Kofent

13. Juli 2017

© Fotos: flymann1111/ Pixabay; onkelramirez1/ Pixabay

 

Weitere Informationen sowie den Abschlussbericht der Studie unter: www.provieh.de/ziegen