Keine Resistenzbildung durch Antibiotika?

13.01.2012: „Antibiotika sind gar nicht so schlimm.“ „Resistenzbildung gibt es kaum, und die Rückstände im Hähnchen- und Schweinefleisch sind so gering, dass sie auf den Menschen keinerlei Wirkung haben.“ Das behauptet Dr. Jürgen Harlizius, Leiter des Schweinegesundheitsdienstes der Landwirtschaftskammer NRW, in einem Interview mit der Landwirtschaftlichen Zeitschrift (LZ) Rheinland.

Dr. Harlizius gab an, es würde immer nur vor dem Krankenhauskeim MRSA gewarnt. Doch bei den meisten Nutztieren gäbe es den Keim fast ausschließlich als Typ ST398, an dem nur selten Menschen erkrankten. Weiter meint er gegenüber der LZ, der Einsatz von Antibiotika sei nicht abhängig von der Größe des Bestandes. In jeder Haltungsform gäbe es Infektionskrankheiten, die den Einsatz von Antibiotika unabdingbar machen. Doch durch Desinfektion und Reinigung der Mastställe könne man - dank der praktischen Vollspaltenböden - nach jedem Mastdurchgang die Durchfallerkrankungen deutlich reduzieren. Der Mann verharmlost damit die wunden Punkte der industriellen Tiermast, die PROVIEH schon seit seiner Gründung im Jahr 1973 anprangert:

    Das Tier wird rücksichtslos dem Haltungssystem angepasst, damit letzteres kostengünstig zu handhaben und zu reinigen ist.
    Die Bestände werden immer größer, weshalb sich Infektionskrankheiten noch schneller auf immer mehr Tiere ausbreiten.
    Diese hausgemachten Infektionskrankheiten müssen später mit massiven Antibiotika-Gaben bekämpft werden.

Denn die Tiere leiden durch die mangelhaften Haltungsbedingungen auf nackten Betonvollspaltenböden, ohne angemessenes Beschäftigungs-material, mit zu vielen Artgenossen auf zu engem Raum, in schlechtem Stallklima, an Zugluft usw. fast immer unter Stress. Die „Lösung“ für dieses Problem liefert die Pharmaindustrie in Form von Antibiotika. Damit behält sie nicht nur die Legimitation, massenhaft Medikamente zu verkaufen, sondern fährt auch Jahr für Jahr astronomische Gewinnsummen ein.

Gesunde Tiere durch artgemäße Haltung

Die Ursachen für die Erkrankungen in den Intensivmastställen liegen nicht allein in den Spaltenböden, der drangvollen Enge oder fehlenden Beschäftigungs- und Rückzugsmöglichkeiten. Schuld ist auch die einseitige Zucht auf Leistung – gerade in der Schweinezucht. So liefern die Deutsche Landrasse (DL) und das Deutsche Edelschwein (DE) die modernen Masthybride für die Intensivmast. Diese Tiere nehmen nicht nur am schnellsten zu, sondern sie sind auch besonders krankheitsanfällig. Von den Robustrassen Duroc und den Piétrain – letztere sind beliebt für ihre Fleischfülle – werden heute vor allem die Eber zur Einkreuzung in DL und DE-Sauen herangezogen. Die viel gepriesene „Vitalität“ der beiden Rassen schlägt bei den Kreuzungsnachkommen allerdings kaum durch. Auch findet man Duroc- oder Piétrain-Sauen in der intensiven Schweinehaltung äußerst selten, und wenn, dann nur um neue Eber zu produzieren.

Es gibt Schweine, die auch heute noch im Freiland leben. Das sind natürlich nicht die oben genannten Masthybriden, die ohne die regelmäßige Gabe von Antibiotika sofort ihren Krankheiten erliegen würden. Diese Tiere wären Wind und Wetter nicht gewachsen und würden sich beim Wühlen im Boden mit den natürlich vorkommenden Keimen infizieren. Der Leitfaden der Universität Kassel zur Freilandhaltung von Mastschweinen hingegen zeigt, dass bei Schweinen der Robustrassen Bunte Bentheimer, Deutsches Sattelschwein, Rotbuntes Husumer oder Wollschwein der ständige Aufenthalt im Freien das Immunsystem enorm stärkt. Folglich sind Krankheiten bei Freilandschweinen kein Thema, Antibiotika brauchen sie kaum oder gar nicht. Auch die Outdoor-Schweine in England sind beispielgebend für eine solche naturgemäße Haltung. Sicher ist eine Freilandhaltung aus verschiedenen Gründen nicht überall möglich. Ein Offenfrontstall mit Stroheinstreu, Auslauf, optimalen Besatzdichten und getrennten Funktionsbereichen bietet auch gute Rahmenbedingungen für ein gesundes Wachstum ohne Antibiotika. Auf NEULAND-Betrieben wird diese Haltungsform seit vielen Jahren erfolgreich praktiziert.

Neuer Gesetzesentwurf zu Antibiotika in der Tiermast

PROVIEH ist nicht prinzipiell gegen Antibiotika. Es muss erlaubt sein, ein krankes Tier mit einem Antibiotikum zu behandeln – im Ausnahmefall, nicht aber als Prophylaxe für den gesamten Bestand. Wir kritisieren die routinemäßige Behandlung, die nicht nur in den Mastställen in Nordrhein Westfalen (NRW) zum Antibiotika-Missbrauch geführt hat. Krank werden die Tiere vor allem durch zu enge Besatzdichten. Wie oben beschrieben, kann man Schweine auch so halten, dass sie nicht krank werden, so dass Antibiotika tatsächlich nur in Einzelfällen angewendet werden müssen.

In den letzten Wochen schilderten die Medien ausführlich den routinemäßigen Antibiotika-Missbrauch in der intensiven Hähnchenmast. Sie beriefen sich dabei auf eine Studie aus NRW, aus der hervorging, dass in 96,4 Prozent aller untersuchten Fälle unverhältnismäßig viele Antibiotika eingesetzt wurden. Nachweislich wurden die Antibiotika zumeist nur zwei bis drei Tage eingesetzt – zu kurz für eine Therapie, aber lang genug für eine illegale Mastförderung (wir berichteten). Inzwischen wurden ähnliche Missstände aus Niedersachsen, Thüringen und Brandenburg bekannt. Bereits im April 2011 waren Antibiotika in der Intensivmast ein Thema im EU-Parlament. Eine Expertenrunde bestätigte in einem „Entschließungsentwurf“ die Resistenzbildung von Krankheitserregern, worauf die EU-Kommission einen mehrjährigen Aktionsplan gegen resistente Krankheitserreger in die EU-Tiergesundheitsstrategie aufnahm.

Auf den aktuellen Antibiotika-Skandal reagiert Agrarministerin Ilse Aigner mit einem eiligen Gesetzesentwurf, der den Einsatz von Antibiotika auf ein „absolut notwendiges Mindestmaß“ beschränken soll. Doch das neue Gesetz ist zu lasch, es bietet in der Praxis etliche Schlupflöcher. Deshalb bleibt fraglich, ob sich durch das Gesetz viel ändern wird. Antibiotika als Prophylaxe sind schon seit Jahren nicht mehr erlaubt, doch eingeschränkt wurde ihr Einsatz nicht. Papier ist geduldig, und bis zur praktischen Umsetzung ist es oft ein mühsamer Weg.

In Holland sind seit dem 1. Januar 2012 die „Reserveantibiotika“ der Humanmedizin (Cefalosporine und Fluorquinolone), die bisher noch gegen multiresistente Bakterien wirken, in der Mast verboten. Erst jetzt kommen auch die deutschen Behörden langsam in Bewegung: In Nordrhein-Westfalen wurde nun eine Datenbank eingerichtet, die den bundesweiten Einsatz von Antibiotika in der Hähnchenmast kontrollieren soll.

Susanne Aigner

PROVIEH-Fachreferat


Weiterführende Quellen:

  • Resistenzbildung durch Antibiotika? (04.01.2012)

    Das vollständige Interview können Interessierte in der LZ Rheinland LZ 1/2012 nachlesen oder auf Anfrage bei der Pressestelle des Rheinischen Landwirtschafts-Verbandes unter Telefon 0228/ 52 006 529 oder info@rlv.de anfordern.

  • Leitfaden für die praktische Umsetzung einer Freilandhaltung von Mastschweinen

Frühere PROVIEH-Berichte: