Kühe in Indien – Heiligtum oder Leckerbissen

Mit den Straßen der indischen Hauptstadt Neu-Delhi assoziieren viele von uns ein totales Verkehrschaos, große Menschenmengen und: Kühe. Im totalen Gedränge der Autos stehen sie fast überheblich da und schauen unbekümmert in die Gegend. Da fällt es schwer zu glauben, jemand könnte hier den heiligen Tieren etwas zu Leide tun. Doch tatsächlich steht Indien seit 2014 auf Platz Eins der führenden Rindfleischexporteure und Milchproduzenten.

Auf den ersten Blick scheint es ein Widerspruch in sich zu sein. Die Kuh wird in den meisten Regionen Indiens als heilig angesehen. Es ist überwiegend verboten, sie zu töten oder ihr auf jegliche Weise Schaden zuzufügen. Dies ist auch der Grund dafür, dass sich die Tiere kreuz und quer völlig frei durch den Verkehr bewegen dürfen. So können sich die Kühe von Nahrungsmitteln am Straßenrand ernähren, während niemand auf die Idee kommen würde, sie dabei zu stören. Die Verletzung oder Tötung einer Kuh gilt im Hinduismus sogar als Mord. Außerdem sei die Kuh eine Lebensspenderin. Sie verdient es, bis zum letzten Tag ihres Lebens gepflegt zu werden und in einem eigenen Altenheim glücklich zu sterben, so die Überzeugung der Hindus. Darüber hinaus haben jegliche Gaben des Tieres für die meisten Inder eine religiöse Bedeutung. Überraschenderweise erlebte Indiens Landwirtschaft aber in den letzten Jahren eine Wendung. Innerhalb von zehn Jahren hat sich der Export von Rindfleisch mehr als verdreifacht. Ähnlich erging es der Milchproduktion, die heutzutage den wichtigsten Agrarzweig Indiens darstellt. Jährlich exportiert Indien mehr als 150 Millionen Tonnen Milch und über zwei Millionen Tonnen Rindfleisch.

Religiöse Unterschiede

Diese Entwicklung führt zu Spannungen innerhalb des Landes. Hindu-Nationalisten kämpfen für ein landesweites Verbot zur Schlachtung der Kühe. Radikale Gruppen verüben sogar gewalttätige Angriffe auf Fleischtransporter, bedrohen Verkäufer und behindern die Arbeit an Schlachthöfen. Ihr Ziel ist es, diese Entwicklung zu stoppen. In Indien gibt es aber natürlich nicht nur Hindus, sondern auch große Gruppen von Christen und Muslimen. Ihnen ist das Töten von Rindern nicht verboten, wodurch vor allem Personen dieser Bevölkerungsgruppen die Arbeit mit den Kühen übernehmen. Einige setzen sich dafür ein, die Rindfleischbranche auszuweiten. Hinzu kommt, dass das Rindfleisch für ärmere Bevölkerungsgruppen oft eine günstige Alternative zu Geflügelfleisch darstellt.

Definition „Rindfleisch“

Bei der Frage nach den Ursachen für das rasante Wachstum des Rindfleischexports spielt die genaue Bedeutung des Wortes „Rindfleisch“ eine wichtige Rolle. Indien verfügt über eine große Population an Wasserbüffeln, die als Büffelfleisch- und Milch in die öffentlichen Statistiken miteingehen.  Ebendiese sind offiziell die Hauptquelle des Rindfleisches sowie der produzierten Milch und werden in Indien nicht als Kühe oder heilige Tiere angesehen.

Gesetzliche Bedingungen

Darüber hinaus unterscheiden sich die Heiligkeit der Kuh sowie die Schlachtvorschriften in den unterschiedlichen Bundesstaaten Indiens. In einigen Regionen ist das Töten von Kühen strengstens verboten. In dem Bundesstaat Andhra Pradesh ist es aber beispielsweise erlaubt, ältere Bullen zu schlachten, die als „unproduktiv“ gelten und keine Arbeit mehr verrichten können. So werden viele Rinder oft in die Regionen transportiert, in denen die Regierung eine Schlachtung duldet. Außerdem besteht der begründete Verdacht, dass neben den von der Regierung freigegebenen Schlachthöfen auch illegale Schlachthöfe existieren. Auf diese Weise ist es möglich, die als heilig geltenden Tiere über Umwege doch auf den Teller zu bringen.

Nicht alle Kühe in Indien haben also das Glück, als heilige Geschöpfe die Straßen zu erobern und unbeschwert zu altern. Auch in Indien werden sie zahlreich als „Nutz“tiere gehalten. Und es könnte durchaus möglich sein, dass sich dieser Industriezweig noch wesentlich vergrößert.

                                                                                                                       Rieke Goetz

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