Leiden für Frischkäse – Europas größte Ziegenintensivtierhaltung in Deutschland geplant

24.11.2009: Wie PROVIEH berichtete (siehe Heft 03-2009, pdf 1,6 MB), will die niedersächsische Firma Petri-Feinkost eine industrielle Anlage zur intensiven Haltung von bis zu 7500 Milchziegen nebst Nachzucht und Böcken errichten. Das Vorhaben auf dem Gelände der ehemaligen Domäne Heidbrink (Niedersachsen, Landkreis Holzminden, Samtgemeinde Polle) ist ein gewaltiges Pilotprojekt zur industriellen Intensivtierhaltung von Ziegen. In dieser Größenordnung wäre es das erste seiner Art in Europa. Eine Genehmigung könnte einem Dammbruch gleichkommen. Der Ziegenhaltung und -zucht droht eine ähnliche Industrialisierung, wie in der Rinderhaltung zur Kuhmilchproduktion bereits geschehen.

In Deutschland hat die Ziegenhaltung im Vergleich zu früher nur geringe Bedeutung. Noch vor zwei Generationen galt die Ziege als "Kuh des armen Mannes" und war weit verbreitet. Doch in den letzten Jahrzehnten nahmen die Bestände mehr und mehr ab. Heute werden im Bundesgebiet etwa 150.000 Ziegen gehalten, davon ca. 10 % im ökologischen Landbau. Bestände im zwei- bis dreistelligen Bereich sind üblich. Ein durchschnittlicher Ziegenhof hält etwa hundert Tiere, meist als Nebenerwerb zu anderen landwirtschaftlichen Produkten. Betriebe, die ausschließlich Ziegenmilch erzeugen, sind eher selten.

Ziegenmilch gilt als gesund

Immer häufiger treten bei Erwachsenen und Kindern Allergien gegen Kuhmilchprodukte auf. Deshalb erfreuen sich Ziegenmilch und Ziegenmilchprodukte einer stetig wachsenden Beliebtheit in der Bevölkerung. Diesen Markt hat auch die Firma Petri-Feinkost aus dem niedersächsischen Ottenstein für sich entdeckt, bekannt als Hersteller von Frischkäse der Marken "Petrella" und "Crementell". In die Erzeugung des Ziegenfrischkäses "Crementell" fließen rund 20 Millionen Liter Ziegenmilch pro Jahr, bisher überwiegend aus Frankreich, den Niederlanden sowie aus Sachsen und Bayern. Doch in Zukunft will Petri rund ein Viertel dieser Ziegenmilchmenge in unmittelbarer Nähe seines Fertigungsbetriebes selbst produzieren: In Europas größtem Ziegenstall, mitten im niedersächsischen Landschaftsschutzgebiet Wesertal. Geplant sind drei Großställe zu je 50 mal 80 Metern, also 4.000 m² Stallfläche. Jedem Tier stünden somit nur 1,6 m² Fläche zur Bewegung zur Verfügung (zum Vergleich: Eine kleine Matratze von 90 x 180 cm Größe hat eine Fläche von 1,62 m²). Ein Freilauf der Tiere, also Auslauf- oder Weidehaltung, ist nicht vorgesehen. Die Ziegen sollen das ganze Jahr über im Stall gehalten werden.

Ganzjährige Stallhaltung unzulässig

Die Pläne von Petri-Feinkost stoßen bei Tierschützern, bei Umwelt- und Naturschützern und auch bei den Anwohnern der Domäne Heidbrink auf massive Kritik. Im Auftrag des niedersächsischen Landtagsabgeordneten Christian Meyer (Bündnis 90/DIE GRÜNEN) erstellte der Jurist Dr. Christoph Maisack von der Internationalen Gesellschaft für Nutztierhaltung (IGN) ein Rechtsgutachten. Darin wird vor allem die geplante ganzjährige Stallhaltung der Ziegen kritisiert. Der Gutachter legt dabei eine Vorgabe des Europarates aus dem Jahr 1992 zur Haltung von Ziegen zugrunde. Demzufolge sollten Ziegen möglichst nicht das ganze Jahr über im Stall gehalten werden. Vielmehr sollten sie regelmäßig ins Freie gelassen werden, da Ziegen einen großen Bewegungsdrang haben. "Soll-Vorschriften" sind im Tierschutzrecht und im Verwaltungsrecht grundsätzlich mit der gleichen Verbindlichkeit zu betrachten wie "Muss-Vorschriften", die eine Regelung strikt vorschreiben. Eine Abweichung von der Regel lässt eine Soll-Vorschrift nur ausnahmsweise zu, wenn besondere, "atypische" Umstände vorliegen. Solche besonderen Ausnahmefälle könnten eventuell vorliegen, wenn ein seit langem bestehender Ziegenbetrieb aus wirtschaftlichen Gründen keine Auslaufflächen neu anlegen kann. Die Ziegenställe der Firma Petri sollen aber erst errichtet werden. Deshalb können für dieses Vorhaben auch keine Ausnahmen von der Soll-Vorschrift geltend gemacht werden. Vielmehr muss die neue Anlage so zukunftsweisend gebaut werden, dass sie unter Beachtung der aktuell geltenden Bestimmungen ohne jegliche bauliche Einschränkung den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen zur Optimierung der Tiergerechtheit entspricht. Auslauf ist also nach Vorgabe des Europarates zwingend erforderlich!

Der Rechtsexperte Dr. Maisack kommt zu folgendem Schluss: „Eine baurechtliche oder immissionsrechtliche Genehmigung kann dem Ziegenhalter nicht erteilt werden, da das Vorhaben gegen das Tierschutzgesetz und damit gegen eine öffentlich-rechtliche Vorschrift verstößt." Damit sei der Landkreis zu einem Einschreiten gegen die Ziegenfabrik verpflichtet, da eine ganzjährige Stallhaltung ohne Freilauf nicht zulässig und nicht artgerecht sei.

Zicklein sind kein Abfall!

Eine Ziege muss einmal jährlich lammen, um kontinuierlich Milch zu geben. Von Januar bis Februar kommen die Zicklein zur Welt. Meist werden Zwillinge, manchmal auch bis zu vier Lämmer pro Mutterziege geboren. Nach der Geburt bleiben die Lämmer in der Regel maximal fünf Tage bei der Mutter. Danach werden sie von der Mutter getrennt. Die für die Zucht und als Ersatz älterer Milchziegen geeigneten Lämmer werden im Betrieb mit Milchaustauscher aufgezogen. Das Schicksal der restlichen Jungtiere, vor allem das der Böcklein, ist oft unklar. Als Nachkommen einer hoch gezüchteten Milchrasse haben sie nur geringen Fleischansatz und sind kaum zu vermarkten. In einem industriellen Ziegenmilchbetrieb besteht daher kein Interesse daran, sie groß zu ziehen. Das Tierbaby wird zum lästigen Abfallprodukt. Nach Aussagen von Brancheninsidern ist es in der industriellen Ziegenhaltung nicht ungewöhnlich, die überzähligen Lämmer unmittelbar nach der Geburt zu töten. Manchmal werden sie auch zur Mast nach Frankreich und die Niederlande verkauft. Da in Deutschland nur wenige Menschen Ziegenfleisch essen, sind hierzulande kaum Abnehmer für die Ziegenlämmer zu finden.

Unter natürlichen Umständen kämen in den geplanten Ställen der Firma Petri-Feinkost von Januar bis März etwa 14.000 Lämmer auf die Welt. Das würde die laufende Milchproduktion unterbrechen und wäre auch arbeitstechnisch kaum zu bewältigen. Deshalb wird angestrebt, dass die Milchziegen in Gruppen zeitversetzt ihre Lämmer zur Welt bringen. Dazu muss der Brunstzeitpunkt der Ziegen durch Hormongabe beeinflusst und verschoben werden. Das kann dadurch geschehen, dass mit einer Hormonlösung getränkte Schwämmchen in die Vagina der Tiere eingeführt werden. Andere Möglichkeiten, den Hormonhaushalt entsprechend zu beeinflussen, sind die künstliche Steuerung des Hell-Dunkel-Rhythmus im Stall oder die Verabreichung von Methionin an die Ziegen.

Eine Arbeitsgruppe der Tierärztlichen Hochschule Hannover unter Leitung von Prof. Ganter wird in der Anlage von Petri-Feinkost ein wahres Forschungsparadies vorfinden. Sie soll in großem Stil Versuche zur Verschiebung der Laktationen (Milchproduktion nach der Geburt der Lämmer) durchführen. Hätten sie mit ihren Experimenten Erfolg, würden alle vier Monate in Polle mehr als 3000 Ziegenlämmer geboren. Der natürliche Jahresrhythmus und das Wohlbefinden der Tiere würden erheblich beeinträchtigt, die Ziegen zu Versuchsobjekten abgewertet. Nach Informationen der Bürgerinitiative vor Ort sind zudem nur 10 Mitarbeiter für die Ziegenmilchfabrik eingeplant. Wie diese neben den täglich anstehenden Arbeiten auch die Muttertiere und ihren Nachwuchs hinreichend betreuen sollen, ist kaum nachvollziehbar.

Ziegen als Produktionsmittel missbraucht

PROVIEH kritisiert seit seiner Gründung im Jahr 1973, dass Nutztiere in der industriellen Landwirtschaft als Produktionsmittel missbraucht und ihre Lebensbedürfnisse zugunsten der Gewinnmaximierung massiv verletzt werden. Was in der intensiven Rinder-, Geflügel- und Schweinehaltung bereits grausamer Alltag ist, droht nun in der Ziegenhaltung fortgesetzt zu werden. Nicht die Haltungstechnik wird den Bedürfnissen der Tiere angepasst, sondern die Tiere werden für den reibungslosen Ablauf der industriellen Produktionsprozesse passend gemacht. Das bedeutet Tierquälerei im Namen der Gewinnmaximierung.

Ob für Petri-Feinkost eine artgerechte Haltung der Milchziegen in ihrem Projekt überhaupt eine Überlegung wert ist, entzieht sich jeder Beurteilung. Selbst dem Landrat sollen bislang noch immer keine Einzelheiten zur geplanten Haltungsform vorliegen. Lediglich unverbindliche Projektskizzen mit Fotos eines niederländischen Vorbild-Betriebes von 2500 Ziegen wurden eingereicht, ein konkreter Bauantrag noch nicht gestellt. Für den Bau der Anlage müssen rund 8 ha Fläche aus dem Landschaftsschutzgebiet Wesertal heraus genommen werden. Frühestens am 21. Dezember 2009 soll im Kreistag von Holzminden über diese Teillöschung abgestimmt werden.

24.11.2009, Susanne Aigner und Kathrin Kofent