Mehr Geld für Forschung zur Ebermast

02.12.2009: Der jüngste Beschluss der Gesellschafterversammlung von QS, Forschungsprojekte zur Erkennung von Ebergeruch am Schlachtband und zur sensorischen Bewertung von Fleisch finanziell zu unterstützen, ist ein wichtiger weiterer Schritt in Richtung Kastrationsverzicht. PROVIEH begrüßt es, dass damit die Umstellung auf die Mast unkastrierter männlicher Schweine (Ebermast) in Deutschland weiter zügig vorangetrieben werden kann.

Wir teilen die Einsicht des Vorsitzenden des QS-Fachbeirats, Franz-Josef Möllers, dass nur ein gemeinsames Vorgehen zum generellen Ausstieg aus der Kastration der Verantwortung für den Tier- und Verbraucherschutz gerecht wird. Umso mehr befremdet es uns als Fachverband, dass aus Tierschutzkreisen immer lautstärker die Umstellung auf die Kastration unter Isoflurannarkose oder auf die Immunokastration gefordert wird. PROVIEH warnt davor, Zeit und Ressourcen auf die Einführung teurer und wenig praktikabler Zwischenlösungen zu verschwenden, statt alle Bemühungen gemeinsam auf den schnellstmöglichen Kastrationsverzicht zu richten.

Das bei der Isofluranbetäubung verwendete Gas kann die Leber und das Nervensystem des Anwenders schwer schädigen. Es ist in Deutschland noch nicht zur Behandlung von Schweinen zugelassen. Eine Isoflurannarkose müsste zudem von einem Tierarzt vorgenom-men werden. Das zu leisten wäre für die heutige Zahl der Nutztierärzte unmöglich, bei über 80.000 Schweine haltenden Betrieben und über 25.000.0000 zu kastrierenden Ferkeln pro Jahr. Die Betäubungsgeräte sind mit rund 10.000 € Anschaffungspreis sehr teuer. Die Mehrzahl der Schweine haltenden Betriebe in Deutschland haben weniger als 50 Mastplätze und könnten eine solche Anschaffung wirtschaftlich nicht verantworten. Selbst mittelfristig wären die Geräte nicht in ausreichender Stückzahl verfügbar. Und was oft verdrängt wird: Isofluran wirkt sich hochgradig klimaschädlich aus.

Die branchenweite Einführung einer Isofluranbetäubung bei der Kastration ist also auch als Übergangslösung nicht geeignet. Selbst mit Hilfe eines viele Millionen schweren Investiti-onsfonds – auf Kosten aller Branchenbeteiligten wie in Holland – wäre eine Umstellung für die Schweine haltenden Betriebe nicht zu leisten. Weitere Argumente liefert ein Blick in die benachbarten Niederlande. Dort wurde auf Druck von Tierschutzorganisationen und Verbrauchern eine CO2-Betäubung verbindlich eingeführt. Doch Lieferengpässe für die Geräte machten die Umstellung schwierig. Und es wurde außer Acht gelassen, dass die aufwendige Betäubungsprozedur für die Ferkelproduzenten im Alltag höchst lästig ist. Nach jüngsten Umfragen stehen die CO2-Geräte mittlerweile bei den meisten Betrieben ungenutzt in der Ecke und als Konsequenz wird die völlige Abschaffung der Kastration in der Branche vorangetrieben. Einige niederländische Lebensmitteleinzelhandelsketten bieten bereits heute schon Eberfleisch an. Geliefert wird dieses unter anderem aus Deutschland.

Die zweite scheinbare Alternative zur Ebermast, die Immunokastration mit dem Präparat "Improvac" der Firma Pfizer, würde in Deutschland an der kritischen Haltung der Verbraucher scheitern. Verbraucherstudien aus der Schweiz und unsere eigenen Gespräche mit einigen führenden deutschen Lebensmitteleinzelhandelsketten bestätigen das. Der biochemische Eingriff in das Hormonsystem der Schweine wird bei Menschen ohne wissenschaftliche Vorbildung allzu leicht fälschlich mit den Hormonskandalen der Vergangenheit in Verbindung gebracht. Der Lebensmitteleinzelhandel befürchtet daher, mit Schlagzeilen wie "XYZ verkauft tonnenweise Hormonfleisch" in die Medien zu gelangen. Auch unter den Landwirten findet die Immunokastration kaum Zuspruch. In den meisten Betrieben wird es nur mit großen Mühen umsetzbar sein, kurz vor Mastende allen männlichen, dann bereits über 100 kg schweren Mastschweinen die notwendige zweite Spritze an die geeignete Stelle hinters Ohr zu setzen. Obendrein gibt es für das Verfahren zwar Erfahrungswerte, aber keine Erfolgsgarantien seitens des Herstellers. Auch bei einer branchenweiten Umstellung auf die Immunokastration bestünde die Notwendigkeit, mögliche Impfversager als potentiell geruchsauffällige Tiere sensorisch zu bewerten. Eine Geruchserkennung am Schlachtband wäre wie bei der Ebermast erforderlich.

PROVIEH weiß, wie sensibel die Verbraucher auf das Thema Ferkelkastration reagieren und wie groß der Zuspruch für die Mast unkastrierter männlicher Schweine ist. Sie wird von den Kunden weithin als das natürlichste und tierschutzgerechteste Verfahren angesehen. Umso wichtiger ist es, alle gemeinsamen Anstrengungen darauf zu richten, dass die Umstellung so früh wie möglich geschieht. Ein Zeitrahmen von etlichen Jahren, wie er unlängst von Teilnehmern der Konferenz "Improving the quality of pork for the consumer" genannt wurde, ignoriert den Verbraucherwillen und die guten praktischen Erfahrungen jener Erzeuger, die bereits Eber mästen. Mögen jene Experten keine schnelle Lösung erwarten – die Verbraucher und PROVIEH tun es.

Wir distanzieren uns allerdings ausdrücklich von den jüngsten Forderungen anderer Tierschutzorganisationen, Ferkel ab sofort nur noch unter Betäubung zu kastrieren. Dem Realitätsverlust einiger Experten, die behaupten, die Umstellung auf Ebermast könne erst ab dem Jahr 2019 erfolgen, gleichfalls mit Realitätsverlust in Form von nicht umsetzbaren Forderungen zu begegnen, halten wir für unverantwortlich.

Die Ebermast wird die Ferkelkastration ersetzen, so viel ist sicher. Sie wird aber auch schneller einführbar sein als eine branchenweite Isofluranbetäubung und besser beim Verbraucher akzeptiert werden als die Immunokastration mit Improvac. Mit Rücksicht auf die Bedürfnisse von Handel und Erzeugern halten wir an realistischen Zielen und dem von uns seit Beginn unserer Kampagne gepflegten konstruktiven Dialog mit allen Branchenbeteiligten fest.

Sievert Lorenzen, Vorsitzender PROVIEH