Milch: Bundeskartellamt empfiehlt Erzeugergemeinschaften für eine Stärkung der Milchbauern

18.03.2010: Genossenschaften schützen Bauerninteressen nicht ausreichend laut Zwischenbericht zur Sektoruntersuchung Milch.

In der durchgeführten Untersuchung beleuchtet das Kartellamt die Machtverteilung zwischen Erzeugern, Molkereien und Handel. Dafür befragte das Amt 36 Molkereien und fast den gesamten Lebensmitteleinzelhandel. Ergänzt wurden die Befragungen durch Gespräche mit Unternehmen und Interessenverbänden.

Die Zwischenergebnisse der Untersuchung zeigen, dass die bestehenden Genossenschaften nicht dazu taugen, den Bauern eine starke Stellung im Markt zu sichern. Die Möglichkeit zur Gründung regionaler Erzeugergemeinschaften wird vom Gesetzgeber zwar erlaubt, von den Bauern bisher aber kaum genutzt. Solche Erzeugergemeinschaften haben die Möglichkeit, mengenbegrenzende Maßnahmen und Preisabsprachen vorzunehmen. So könnten sie zu einer Stärkung der Erzeuger und fairen Preisen beitragen. Heute haben die Bauern - wegen des mangelnden Organisationsgrades - kaum Einfluss auf die Gestaltung der Preise. Deshalb empfiehlt das Bundeskartellamt ausdrücklich die Gründung und Bündelung von Erzeugergemeinschaften.

Unterdessen ist für 2010 keine wesentliche Verbesserung auf dem Milchmarkt zu erwarten. Das European Milkboard (Europäischer Dachverband der Milcherzeuger, EMB) meldet sogar fallende Erzeugerpreise. Demnach seien die Preise in Frankreich von 29 auf 26 Cent pro Liter gesunken. In den Niederlanden erreichte man bei der Campina Molkerei im Dezember 2009 noch 37,75 Cent pro Liter, im Februar 2010 sank der Preis dann bis auf 28,5 Cent. Im Mai ist ein neuer Abwärtstrend zu erwarten; denn dann werden die EU-Lagerbestände (Butter, Milchpulver) auf den Markt geworfen.

Nun hoffen die Milchbauern auf den neuen Agrarkommissar Dacian Ciolos. Von ihm erwarten sie die Abkehr von der marktliberalen Politik der ehemaligen Kommissarin Mariann Fischer-Boel. Unterstützung erhalten sie dabei auch vom Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschuss (EWSA). In einer am 18. Februar veröffentlichten Mitteilung machte dieser deutlich, dass die Milch ein zu wichtiges Gut sei, um sie völlig den Marktmächten zu überlassen. Stabile und faire Preise seien nötig, um die hohe Qualität der Milcherzeugnisse zu gewährleisten.

Da innerhalb der EU mehr Milcherzeugnisse produziert als konsumiert werden und die Milchquoten bis 2015 schrittweise auslaufen, ist laut EWSA-Mitteilung nicht mit einer Stabilisierung der Preise zu rechnen. Außerdem sei eine zunehmende Konzentration auf Seiten des Handels festzustellen, die dazu führe, dass den Milchbauern niedrigere Preise aufgezwungen würden. Das Auslaufen der Quoten und die Nichtbeachtung der Konsummenge im Binnenmarkt seien unvereinbar mit dem europäischen Leitbild eines nachhaltigen Landwirtschaftsmodells, so die Mitteilung des EWSA. Deshalb wird dort empfohlen, von der noch bestehenden Quotenregelung und anderen Instrumenten Gebrauch zu machen, um das Überleben der europäischen Milchbauern zu gewährleisten.

Der Vorsitzende des EMB, Romuald Schaber, empfiehlt den Erzeugern, dem Dachverband beizutreten und so eine europaweite Organisation und gestärkte Interessenvertretung zu ermöglichen. Dafür tritt auch der ehemalige grüne Europaabgeordnete und Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL), Friedrich Wilhelm Graefe zu Baringdorf, ein. Nur mit einer Bündelung der Interessen sei es möglich, Gehör in der Politik zu finden, so Graefe zu Baringdorf.

Zu einer erhöhten Wirtschaftlichkeit und Produktqualität kann außerdem die Weidehaltung beitragen. Dies bestätigte Dipl. Ing. Daniel Kusche der Universität Kassel im Rahmen der Milchtagung am 01.03.10. Darauf sei man in einer Vergleichsstudie zwischen biologisch und konventionell erzeugter Milch aufmerksam geworden. Demnach enthält vor allem die Milch aus Betrieben mit Weidehaltung eine Vielzahl an gesunden Stoffen wie Omega 3 Fettsäuren. Betriebe ohne Weidehaltung, die auf die Fütterung mit Kraftfutter und Maissilage setzen, erzeugen hingegen Milch mit weniger gesundheitsfördernden Bestandteilen. PROVIEH wird auch in Zukunft für die Förderung nachhaltiger Betriebe mit tierfreundlicher Weidehaltung eintreten. Denn diese dienen nicht nur den Tieren, Milchbauern und dem ländlichen Raum, sondern produzieren auch qualitativ hochwertigere Milch.

Anne-Sabeth Beny, Büro Brüssel