Muttergebundene Kälberaufzucht

22.02.2016: In der Landwirtschaft hat sich über Jahrzehnte die Praxis manifestiert, das Kalb unmittelbar nach der Geburt von der Mutter zu trennen. Vielfach werden wirtschaftliche Gründe angegeben: Die Milch der Kühe soll verkauft und nicht für die Aufzucht der Kälber „vergeudet“ werden. Wirtschaftliche Belange sind erfahrungsgemäß nicht deckungsgleich mit denen der Tiere. Die Kälber werden meist nur zweimal am Tag getränkt. Normal wären für das Kalb sechs bis acht Mahlzeiten mit einer Säugedauer von ca. sieben Minuten.

Es gibt bereits einige Betriebe in Deutschland, die umgedacht und ein System der artgemäßen Kälberaufzucht wiederentdeckt haben: die mutter- und ammengebundene Kälberaufzucht.

 

Warum dieses Haltungssystem?

Studien haben gezeigt, dass Kälber, die bei ihren Müttern aufwachsen, ein besseres soziales Verhalten aufweisen. Sie können auch Stresssituationen, wie beispielsweise die Eingliederung in eine neue Herde, besser verarbeiten als Kälber, die zu früh von ihrer Mutter getrennt wurden. Rinder sind sehr soziale Tiere, die tiefe Freundschaften zu Artgenossen haben können. Kälber direkt nach der Geburt in Einzeliglus zu isolieren widerspricht dem artspezifischen Verhalten dieser Tiere und kann später zu Fehlverhalten führen. Werden die Kälber nach einigen Wochen in Gruppen zusammengestellt, zeigt sich oft ein anderes Symptom dieser Haltungssystems: Das Belecken und Saugen an Artgenossen. Dieses Verhalten geht einher mit einer unbefriedigenden Säugedauer am Tränkeautomat. Denn wenn der Saugreflex nicht hinreichend gestillt, müssen Gegenstände oder Artgenossen herhalten. Die mutter- oder ammengebundene Kälberaufzucht verhindert dieses unerwünschte Verhalten.

Einige Vorteile dieser Form der Kälberaufzucht:

  • Artgemäßes, natürliches Verhalten von Kuh und Kalb
  • Weniger Krankheitserscheinungen als bei der Eimertränke
  • Die Anwesenheit der Mutter bewirkt an sich schon eine höhere Gewichtszunahme
  • Höhere Tageszunahmen während der Saugphase
  • Bessere Entwicklung, früheres Erstkalbealter und höhere erste Laktation
  • Eliminierung von Besaugen von Artgenossen und Gegenständen
  • Wissenschaftliche Studien attestieren tendenziell eine bessere Eutergesundheit

Vorteile können auch immer Herausforderungen nach sich ziehen, daher sollen hier einige Punkte aufgeführt werden:

  • Die zu verkaufende Milchmenge ist geringer als bei einem konventionell wirtschaftenden Betrieb, deshalb muss der Verkaufserlös von Anfang an deutlich höher liegen.
  • Der Absatzstress (das Trennen von Mutter und Kalb) kann je nach Vorgehensweise etwas größer sein
  • Die Betreuung der Tiere ist intensiver, das heißt es ist ein größerer Arbeitsaufwand erforderlich. Allerdings folgt dadurch auch eine bessere Beobachtung der Tiere und eine intensivere Mensch-Tier-Beziehung. So ist ein schnelleres Eingreifen bei Komplikationen möglich.

Es gibt drei grundsätzliche Methoden, wie die Kälberaufzucht durchgeführt werden kann:

  • Langzeitiges, eingeschränktes Saugen mit zusätzlichem Melken: Die Kälber kommen zweimal täglich zum Säugen zu ihren Müttern
  • Langzeitiges Säugen mit unbefristetem Saugen und mit zusätzlichem Melken: Die Kühe werden neben dem ganztätigen oder mehrstündigem Kälberkontakt ein- bis zweimal am Tag gemolken
  • Langzeitiges Säugen ohne zusätzliches Melken: zwei bis vier Kälber teilen sich jeweils eine Ammenkuh. Nach dem Absetzen der Kälber können die Ammen ebenfalls wieder gemolken werden.

Wo bekomme ich Milch von Betrieben, die ihre Kälber bei den Müttern oder Ammen belassen?

Leider gibt es noch nicht überall in Deutschland Höfe, die diese besondere Milch vermarkten. PROVIEH hat eine Deutschlandkarte erstellt, auf der schon rund dreiviertel der Betriebe verlinkt sind. Wir arbeiten ständig an der Aktualisierung der Daten. Gerne nehmen wir Empfehlungen von Ihnen entgegen. Eine Mail an poepken@provieh.de oder ein Anruf unter 0431-248 28 14 genügen.

 

 

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Stefanie Pöpken

Bildquelle: Petra Burgmer