Muttergebundene Kälberaufzucht: Hofbesuch bei der Gemeinschaft Altenschlirf

In der modernen Milchviehhaltung sieht man nur selten Mutterkühe und ihre Kälber gemeinsam. In den meisten Fällen werden die Kälber unmittelbar nach der Geburt von ihren Müttern getrennt. Doch es geht auch anders. Auf vielen Höfen wird inzwischen eine kuhgebundene Kälberaufzucht etabliert. Unsere Regionalgruppe Fulda-Bad Hersfeld hatte im November die Gelegenheit, sich auf dem Hof der Gemeinschaft Altenschlirf anzusehen, wie eine kuhgebundene Kälberaufzucht funktioniert.

Die Gemeinschaft Altenschlirf hält rotbuntes Milchvieh. Die Tiere dürfen ihre Hörner behalten. Aktuell leben etwa 30 Milchkühe, zwei Bullen und der weibliche Nachwuchs auf dem Betrieb. Die Zucht erfolgt über den „Natursprung“ vom hofeigenen Bullen. Die Milchkühe werden auf dem Betrieb momentan 13 bis 15 Jahre alt und das durchschnittliche Alter steigt durch die kälberbezogene Milchwirtschaft kontinuierlich an. Das freut den Landwirt Paul Kolass ganz besonders.

Weidehaltung auf Hof Altenschlirf
Jeden Morgen werden die Kühe zu den Weiden gebracht und abends wieder nach Hause geholt. Nach der Geburt bleibt das Kälbchen vier Wochen komplett bei der Mutterkuh. Die Kuh wird vom ersten Tag wieder gemolken, damit sie daran gewöhnt bleibt und die Milchleistung nicht nachlässt. Nach dieser Phase kommen die Kälber in Gruppen, werden aber noch regelmäßig von ihren Müttern gesäugt. Danach können sie dann auch an Ammenkühen trinken. Insgesamt bekommen die Kälber mindestens vier Monate lang Milch.

Die Gemeinschaft Altenschlirf produziert auf diese Weise etwa 140.000 Liter Milch. Diese wird komplett in der eigenen Molkerei verarbeitet. Käse und andere Milchprodukte werden im eigenen Hofladen, auf den umliegenden Wochenmärkten zum Beispiel in Fulda, Lauterbach und Bad Hersfeld sowie in regionalen Einkaufsläden angeboten.

Idee zur Umstellung durch Erfahrungsbericht einer Kollegin
Die Idee zur Umstellung kam dem betreuenden Landwirt Paul Kolass vor gut zwei Jahren bei einem Demeter Verbandstreffen, bei dem die Kollegin Mechthild Knösel in einem Vortrag von ihren Erfahrungen mit der kälberbezogenen Milchwirtschaft berichtete. Der Erfahrungsbericht, weitere Informationsmaterialien und die gute Beratung durch den Demeter-Verband überzeugten Paul Kolass, das Konzept auch auf dem Hof der Gemeinschaft Altenschlirf anzuwenden.

Besonders die Gesundheit und wesensgemäße Entwicklung der Kälber bei dieser Haltungsform sprachen ihn an. Die Aufzucht vitaler Wiederkäuer ist grundsätzlich nur mit Muttermilch möglich. Wenn Kuh und Kalb dann auch noch zusammenbleiben können, entwickeln sich die Kälber deutlich besser. Sie trinken dann nicht nur zwei Mal am Tag, sondern immer dann, wenn sich der Hunger meldet. Dadurch entwickeln sie sich körperlich besser und werden viel stärker auf die Mutter geprägt. Das gibt ihnen Sicherheit und führt zu mehr Ruhe und Gelassenheit. 

Geringere Tierarztkosten durch Muttergebundene Kälberaufzucht
Die Umstellung auf dem Hof der Gemeinschaft Altenschlirf lief problemlos. Der Stall war bereits als Laufstall angelegt und die Weidehaltung gehörte ebenfalls zum Konzept. Allerdings müssen die Tiere nach der Kalbung etwas mehr im Auge behalten werden. Gerade unerfahrene Kühe benötigen manchmal etwas Unterstützung. Dies stellt allerdings kein großes Problem dar. Die Umstellung hat den Betrieb wirtschaftlich nicht belastet. Dem etwas geringeren Milchertrag stehen geringere Tierarztkosten gegenüber. Gerade durch die sonst übliche Trennung von Kuh und Kalb wird das Immunsystem der Kälber nicht genügend gefördert. Eine zu starke Technisierung und eine falsche Hygienevorstellung führen nicht zu mehr Tiergesundheit, sondern eher zum Gegenteil. Auch die Mutterkühe regenerieren sich besser. Durch den Kontakt und die Beziehung zum Kalb wird der nachgeburtliche Hormonhaushalt angekurbelt. Nach der Umstellung, die von Mechthild Knösel begleitet wurde, habe sich die Tiergesundheit deutlich verbessert. Allerdings müsse man die Tiere auch mehr beobachten und sich kümmern.

Insgesamt ist man auf dem Hof der Gemeinschaft Altenschlirf sehr zufrieden mit dieser Art der Tierhaltung und würde die Umstellung auch immer wieder so machen. Paul Kolass betonte vor allem, dass diese sinnvolle erfüllende Arbeit den Menschen mit und ohne Behinderungen hilft, einen guten Platz im Leben zu finden, denn die Gemeinschaft Altenschlirf ist auch eine „Werkstatt für Menschen mit Behinderung“. Menschen mit geistiger Behinderung helfen im landwirtschaftlichen Betrieb mit und werden auch gleichzeitig dort betreut. Acht Menschen mit Hilfebedarf arbeiten dort mit drei Landwirten und einem Lehrling zusammen.

Der Regionalgruppe hat der Besuch auf dem Hof der Gemeinschaft Altenschlirf gut gefallen. Es herrschte eine entspannte Atmosphäre und die Kälber lagen ruhig bei ihren Müttern.

Ulrike Schott, Regionalgruppe Fulda-Bad Hersfeld