Neuer Aufwind für die Jungebermast durch die Initiative zum Tierwohl

15.01.2015: Betriebe, die unkastrierte Jungeber mästen wollen, können sich ab April 2015 beim Bonitierungssystem der Initiative zum Tierwohl  anmelden und einen Bonus von 1,50 Euro pro Schwein aus einem Tierwohl-Fonds des Lebensmitteleinzelhandels bekommen.

Der lang ersehnte Start der Initiative zum Tierwohl in der Schweinehaltung ist für das 2. Quartal 2015 fest zugesagt. Auch wenn  das Bonitierungssystem am Ende unter Ausschluss  von PROVIEH verändert sowie zusammengestrichen wurde und damit zum Teil erheblich verschlechtert wurde, bleibt es strukturell ein großer Wurf. Denn dieses freiwillige Anreizsystem für mehr Tierwohl in der breiten Masse der Ställe ist einzigartig und eine riesengroße Chance für einen schrittweisen Umbau zu tierfreundlicher Tierhaltung in Deutschland.

Ein wichtiger positiver Aspekt ist die Förderung der Jungebermast, die in den vergangenen Monaten ins Stocken kam, nachdem Vion und Westfleisch, zwei der drei größten Schlachtunternehmen in Deutschland, entgegen früherer schriftlicher Zusicherung Preisabschläge für Jungeber einführten.

Der neue finanzielle Anreiz ist verlockend

Egal ob Einsteiger oder schon erfahrener Jungebermäster:  Wer sich für die Teilnahme am Bonitierungssystem qualifiziert, der kann sich künftig den zusätzlichen Aufwand durch die Jungebermast  (zum Beispiel getrennte Aufstallung von männlichen und weiblichen Tieren) vergüten lassen. Pro gehaltenes Mastschwein zahlt der Handel je 1,50 Euro, wenn der Anteil der gehaltenen Jungeber auf dem Betrieb mindestens 40 Prozent des gesamten Tierbestands beträgt. Da die natürliche Verteilung der Geburten auf beide Geschlechter im Mittel um 50 Prozent liegt, sollte dies normalerweise immer eingehalten werden können.

Klare Kante im LEH gefordert

PROVIEH freut sich, dass die Jungebermast dadurch 2015 wahrscheinlich einen neuen positiven Impuls bekommen wird. Denn das Angebot an Ebern wird sich nicht nur ausweiten, weil voraussichtlich mehr Bauern auf die Jungebermast umsteigen werden, sondern auch der bisher teilweise noch zögerliche Handel muss sich nun endlich eindeutig zum Eberfleisch bekennen.  

Vorreiter LIDL und ALDI stiegen als erste aus dem Verkauf von Kastratenfleisch aus, wenn auch zunächst nur in den Niederlanden. Dort wird jetzt nun schon seit Jahren auf dem Inlandsmarkt problemlos auf Kastratenfleisch verzichtet und nur noch für den Export kastriert. Aber selbst das will man dort bis 2018 abschaffen.

Der Gesetzgeber drängt

In einer gemeinsamen Erklärung zum Tierwohl, die Deutschland mit den Niederlanden und Dänemark derzeit ausarbeitet, um das Tierwohl in der EU voranzubringen, wollten die Niederländer dieses Datum  sogar als gemeinsames Ziel verankern. Dies war aber für die anderen Länder noch zu früh, in denen die Umstellung noch nicht so weit gediehen ist wie in den Niederlanden. In Deutschland muss ab spätestens 2019 auf die betäubungslose Kastration der Ferkel ohne wirksame Schmerzausschaltung verzichtet werden, wie sie bisher in Deutschland die bisher leider immer noch üblich ist.

Alternativen

Wirklich praxisreife und -relevante Alternativen zur Jungebermast gibt es derzeit nicht; denn die Isofluran-Narkose bietet laut Schweizer Studien keine wirksame Ausschaltung der starken Schmerzen durch den operativen Eingriff, und zwar nicht einmal bei fachgerechter zusätzlicher Anwendung von Schmerzmitteln wie Metacam. Das liegt daran, dass die Wirkstoffklasse der nichtsteroidalen Entzündungshemmer (NSAID), zu denen Metacam zählt und die auch von QS (Qualität und Sicherheit) verpflichtend zur Schmerzlinderung nach der Kastration vorgeschrieben ist, nur an den Nervenenden und eher entzündungshemmend wirkt. Sie stillen deshalb nur den postoperativen Schmerz, selbst wenn das Mittel schon eine halbe Stunde vor der Kastration verabreicht wird.

Das für Operationen bei Schweinen zugelassene Betäubungsmittel Ketanest wiederum ist ein Opioid, das den Kastrationsschmerz dagegen wirksam ausschalten kann. Allerdings führt es zu einem relativ langen Nachschlaf, so dass die Ferkelsterblichkeit wegen Auskühlung und zu langer Unterbrechung der Nahrungsaufnahme steigt.

An der Ludwig-Maximilian-Universität München wird derzeit noch der Einsatz eines anderen Opioids erprobt: Butorphanol. Es ist ein stark wirksames Schmerzmittel und gut geeignet für die intraoperative Schmerzreduktion bei der chirurgischen Kastration. Anders als andere Opioide gehört es aber nicht zu den Betäubungsmitteln mit Suchtpotential und bewirkt keine Beeinträchtigung des Bewusstseins, führt also nicht zum berüchtigten Nachschlaf. Aber bei der Präsentation vor dem Runden Tisch Schweinehaltung in Schleswig-Holstein, an dem auch PROVIEH teilnimmt, wollte die vortragende Forscherin Dr. Zöls noch keine Aussage über die Wirksamkeit von Butorphanol treffen –  auch, weil das Stresshormon  Cortisol, das oft als Parameter zur Messung von Tierleid herangezogen wird, eventuell direkt von diesem Analgesikum beeinflusst wird. Die Immunokastration durch zwei Impfungen mit dem von Pfizer (jetzt Zoetis) entwickelten Impfstoff „Improvac“ stößt bei Tierhaltern wie Lebensmitteleinzelhändlern auf zu große Skepsis, als dass dies in naher Zukunft eine Lösung für die breite Masse der Erzeuger darstellen könnte.

Wie weiter?

Die großen Schlachtunternehmen Vion und Westfleisch sollten sich wieder an die im Mai 2012 schriftlich gegebene abzugsfreie Abnahmegarantie halten (s.u.). Und der Lebensmitteleinzelhandel sowie die Fleischverarbeiter sind gefordert, ihre unbegründeten  Vorbehalte gegen die  menschlichen „Spürnasen“ am Schlachtband endlich restlos aufzugeben.  Diese dreistufigen Geruchstests in den Schlachtunternehmen verhindern seit vielen Jahren verlässlich, dass geruchsauffälliges Fleisch in den Handel kommt. Das System wurde 2012 vom Unternehmen QS (Qualität & Sicherheit) standardisiert und wird von allen QS-zertifizierten Betrieben mit Jungeberschlachtung angewendet.  Bei vernünftigen Haltungs-, Transport- und Schlachtbedingungen sind höchstens drei bis vier Prozent der Jungeber geruchsauffällig. Ihr Fleisch sollte nur in bestimmter Verarbeitungsware verwendet werden, weil manche Menschen empfindlich auf die Geruchsveränderungen reagieren, die zum Beispiel durch höhere Mengen des Geschlechtshormons Androstenon oder auch Skatol hervorgerufen werden können.

Fazit:

Die Wirtschaftsbeteiligten müssen ihre Versprechen einhalten, der Handel die Verarbeitung und Vermarktung vorantreiben. Aber auch wenn PROVIEH seit seinem Kampagnenstart im Mai 2008 auf die Jungebermast als beste, tier- und umweltfreundlichste Alternative zur Kastration in der Breite setzt – wie es in der „Düsseldorfer Erklärung“ (September 2008) im Übrigen der gesamte Sektor tat –  wäre es aus unserer Sicht trotzdem sehr begrüßenswert, wenn als Alternative endlich eine wirksame Schmerzausschaltung für die Kastration auf den Markt käme. Das wäre sehr wichtig für diejenigen, die den Umstieg auf die Jungebermast nicht oder noch nicht schaffen, oder die Tiere länger mästen zur Herstellung bestimmter Spezialitäten.

 

Sabine Ohm


Quellen und weiterführende Informationen:

Kampagnenübersicht

FAQ Jungebermast  https://provieh.de/ferkelkastration

Wirkung von NSAID http://de.wikipedia.org/wiki/Nichtopioid-Analgetikum

Topagrar 1/2015 „Ebermast in der Sackgasse“

Pdf Düsseldorfer Erklärung

Pdf Ergänzung zur Düsseldorfer Erklärung

Pdf Abnahmegarantie

Studien aus der Schweiz über Isofluranbetäubung:

(1) Enz, A.; Schüpbach-Regula, G.; Bettschart, R.; Fuschini, E.; Sidler, X.; Erfahrungen zur Schmerzausschaltung bei der Ferkelkastration in der Schweiz – Teil 1: Inhalationsanästhesie. Schweiz. Arch. Tierheilk. Band 155, Heft 12, Dezember 2013, S. 651 – 659

(2) Enz, A.; Schüpbach-Regula, G.; Bettschart, R.; Fuschini, E.; Sidler, X.; Erfahrungen zur Schmerzausschaltung bei der Ferkelkastration in der Schweiz – Teil 2: Injektionsanästhesie. Schweiz. Arch. Tierheilk. Band 155, Heft 12, Dezember 2013, S. 661 – 668

 

Bild: PROVIEH