"Schweinegrippe": Virus stammt vom Schwein, Übertragung aber von Mensch zu Mensch

04.05.2009: Das Schweinegrippe-Virus H1N1 stammt tatsächlich vom Schwein, auch wenn der Grippeerreger nun von Mensch zu Mensch übertragen wird. Das berichten Forscher der Universität Columbia.

Eine Arbeitsgruppe der Abteilung für Biomedizinische Informatik am "Center for Computational Biology and Bioinformatics Columbia" verglich das Erbgut des neuen Virus mit den bereits bekannten Daten von Schweinegrippeviren aus Nordamerika, Europa und Asien. Das Ergebnis war eindeutig - der neue Krankheitserreger ist ein Schweinevirus. Das berichtete Dr. Raul Rabadan, Professor am "University College of Physicians and Surgeons" und Leiter der Arbeitsgruppe in  in einer E-Mail der "International Society for Infectious Diseases" vom 28. April 2009.

Ein Teil des Virus geht offenbar zurück auf einen Schweinegrippe-Erreger, der als Neukombination dreier verschiedener Viren gilt. Dieser Stamm (H3N2) wurde bereits 1998 und 1999 bei Schweinen isoliert und war seitdem auch nur bei Schweinen bekannt.

Zu Neukombinationen von Viren kommt es nicht etwa nur durch menschliche Manipulationen im Labor, wie uns Verschwörungstheoretiker auch im Zusammenhang mit der Schweinegrippe glauben machen wollen. Es reicht schon aus, wenn sich ein einzelnes Lebewesen zur gleichen Zeit mit zwei oder mehr verschiedenen Grippeviren infiziert. In den befallenen Körperzellen werden dann Bausteine für beide Virentypen gebildet, die sich dabei zu neuen, aus verschiedenen Bauteilen kombinierten Erregern zusammen finden können.

Gerade die Bedingungen der Intensiv-Tierhaltung sind günstig für solche Rekombinationen. In der industriellen Intensiv-Tierhaltung reisen Schweine und Menschen, die Kontakt mit ihnen haben, oft über weite Strecken. Zucht, Ferkelproduktion und Mast finden in der Regel in verschiedenen Betrieben statt. Viele große, industrielle Anlagen mit mehreren Tausend Mastplätzen beziehen ihre Tiere von verschiedenen Züchtern oder Ferkelproduzenten. Kommen dabei zwei Tiere in denselben Bestand, die an verschiedenen Varianten der Grippe leiden, können sich beide Virentypen im Bestand verbreiten. Gerade unter den beengten Verhältnissen und bei den hohen Dichten der gestressten, immungeschwächten Maststiere passiert so etwas wie ein Lauffeuer. Dass sich dabei zwei Viren im selben Tier begegnen, ist gar nicht mal so unwahrscheinlich.

Gelegentlich kann es sogar zu Kombinationen zwischen Viren verschiedener Arten kommen. Gerade Schweine sind dafür bekannt, dass sie auch an menschlichen oder Geflügelgrippe-Viren erkranken können. Um so wichtiger ist es, diese sensiblen Tiere unter artgemäßen und gesund erhaltenen Bedingungen bei geringeren Bestandsdichten zu halten. Auch ein hohes Maß an genetischer Vielfalt in einem Tierbestand kann sich förderlich auswirken auf die Widerstandsfähigkeit gegen virale Erkrankungen.

Von Wildtieren dagegen geht nur ein geringes Risiko für die Entstehung und Verbreitung hoch ansteckender Erreger aus. Leiden Wildtiere an einer schwerwiegenden Infektion, zum Beispiel einer todbringenden Grippe, so gehen sie nicht auf Weltreise, sondern verkriechen sich. Der Krankheitserreger bleibt dadurch am Ort. Neue, hoch ansteckende Erreger können sich so in freier Wildbahn nur schwerlich weit verbreiten, da sie die befallenen Lebewesen zu schwach und krank zur Fortbewegung machen.

Unter den Bedingungen der industriellen Intensiv-Tierhaltung herrschen also paradisische Verhältnisse für die Entstehung und Verbreitung neuer, hoch ansteckender Krankheitserreger. Auch wenn das neue Grippevirus sich nun von Mensch zu Mensch weiter verbreitet, so ist es hochwahrscheinlich, dass dieses "Monster das lange vorher gesagte Produkt unserer Agrarindustrie ist" - wie es das US-Wissenschaftsmagazin  "New Scientist" treffen formuliert.

Stefan Johnigk, Diplom-Biologe