Der Turbo-Lachs - Bedrohung für die Weltmeere?

21.09.2010: Ein künstlich geschaffener Lachs, der schneller wächst und zwei Mal so groß wird wie der herkömmliche Atlantische Lachs, macht derzeit in den USA von sich reden. Der Turbo-Lachs AquAdvantage-Salmon der Firma AquaBounty Technologies ist das Ergebnis der neuesten gentechnischen Entwicklung bei Fischen. Noch im September soll über seine Zulassung entschieden werden.

Der Gen-Lachs ist das Ergebnis eines Versuches der Firma mit dem Atlantischen Lachs (Salmo salar). Diesem wurden zwei Gene eingepflanzt: ein Wachstumshormon vom Königslachs (Oncorhynchus tshawytscha) und ein Gen vom barschartigen Zoarces americanus, der optimal an kaltes Meerwasser angepasst ist. Der neue Lachs wird in der Hälfte der Zeit schlachtreif, die herkömmlicher Lachs benötigt. Der nämlich wächst nur von Frühjahr bis Sommer, der Gen-Lachs hingegen das ganze Jahr. Zudem ist der Turbo-Lachs resistenter gegenüber Temperaturänderungen und Krankheiten.

Risiko für Mensch und Umwelt

Die US-Lebensmittelbehörde FDA (Food and Drug Administration) behauptet, dass der Turbo-Lachs bedenkenlos verzehrt werden könne und auch kein Risiko für die Umwelt sei. Doch schwedische Wissenschaftler von der Universität Göteborg sehen das anders: Gelangt der transgene Lachs nämlich ins offene Meer, wird er dort gravierende Schäden verursachen. Die Forscher wiesen nach, dass der Gen-Lachs in einem geschlossenen Kreislauf Nahrungsengpässe und Temperaturschwankungen besser überlebt als der unveränderte Lachs. Außerdem sind die Tiere unempfindlicher gegen Umweltgifte. Zudem sind die transgenen Tiere größer und früher geschlechtsreif als wilde Lachsarten. Darum paaren sie sich schneller als gewöhnliche Lachse. So sei der wilde Lachs auf lange Sicht zum Aussterben verurteilt, auch dann, wenn sich beide Lachsarten paaren würden. Schon 60 genveränderte Lachse, die in die freie Wildbahn gelangen, würden 60.000 Wildlachse in weniger als 40 Fischgenerationen auslöschen, heißt es in einer Studie der National Academy of Sciences.

Der schwedische Zoologe Frederik Sundström rät, fruchtbare Gen-Lachse nur im geschlossenen System (Aqua-Farming) zu züchten. Das allerdings wird angesichts der weltweiten Verbreitung von Lachsfarmen kaum möglich sein. Denn immer wieder entweichen Fische aus den Farmen ins offene Meer. Der Gen-Fisch trägt zudem das Hormon Insulin-like growth-factor-1 (IGF-1) in sich, das erwiesenermaßen an der Entstehung von Krebs beim Menschen beteiligt ist. Auch wurde der Fisch bisher noch keinem unabhängigen Experten zu Testzwecken zur Verfügung gestellt. Zu befürchten sei außerdem, dass der Gen-Lachs noch mehr Antibiotika brauche als normaler Lachs in Aquafarmen. Das hätte zur Folge, dass immer mehr Viren und Bakterien Resistenzen gegen Antibiotika ausbilden.

Entscheidung durch FDA

Gibt die für Nahrungsmittelsicherheit zuständige US-Behörde FDA den Gen-Lachs frei, so ist das der Start für weitere Gen-Fisch-Experimente. Gentechnische Eingriffe bei Fischen gelten als relativ problemlos, zum Beispiel die Herstellung diverser Gen-Varianten von Tilapia, Flunder, Forelle oder Karpfen. Mit Chile, dem nach Norwegen weltweit größten Lachsproduzenten, laufen bereits die ersten Verhandlungen über eine Zuchtanlage mit den Turbo-Lachsen. Denn bei AquaBounty sind bereits Bestellungen für 15 Millionen Eier eingegangen. Zwar lehnen die großen Aquakulturbetreiber in den USA und Europa die Turbo-Lachse ab. Auch liegt den deutschen Behörden bislang kein Antrag für deren Zulassung vor. Doch werde schon mal für alle Fälle ein Verfahren entwickelt, mit dessen Hilfe sich Turbo-Lachs im Supermärkten nachweisen lässt.

Patentierte Fische

Seit 2001 wird öffentlich über die Patentierung genveränderter Fische gestritten. Eine kanadische Firma wurde zum Inhaber eines Patentes über Lachse und anderen Fischen, das ihr die Zucht mit genmanipulierten Fisch-Eiern erlaubt. Bislang ist die kommerzielle Zucht von Gen-Fischen noch verboten. Doch in den USA und in der EU geraten die Behörden unter Druck, das Verbot aufzuheben. Der transgene atlantische Lachs steht damit stellvertretend für alle anderen Fische: Würde er zugelassen, wären Genmanipulation, Zucht, Patentierung und Handel bald auch bei allen anderen Fischarten erlaubt.

21.09.2010 - Susanne Aigner, Fachreferat

Mehr zum Thema Fischfarmen: Die leergefischten Meere führen zu einer Hochkonjunktur des Aquafarming weltweit. Über die Folgen lesen sie im PROVIEH-Magazin 3/2010 "Massentierhaltung unter Wasser".