Vorerst kein Klonfleisch auf europäischen Tellern

08.07.2010, Das Europäische Parlament stimmte auch in der 2. Lesung gegen das "Gesetz für Neuartige Lebensmittel", um den Einzug von Klonprodukten in die EU zu verhindern.

Wenn es nach der EU-Kommission ginge, hätten die europäischen VerbraucherInnen ab sofort keine Wahl: Supermärkte könnten ungekennzeichnetes Klonfleisch und Klonmilch von konventioneller Ware ununterscheidbar anbieten. Eine deutliche Mehrheit der Abgeordneten des Europäischen Parlaments (EP) schob dem "Frankenstein-Essen" im Zuge einer Plenarabstimmung am 7. Juli 2010 in Straßburg aber zunächst einen Riegel vor. Ein Änderungsantrag zur Einführung verpflichtender Kennzeichnung für Lebensmittel aus mit gentechnisch veränderten Organismen gefütterten Tieren scheiterte dagegen leider.

Schon bei der ersten Lesung der "Verordnung für Neuartige Lebensmittel" im März 2009 war die Verabschiedung am Klonen gescheitert. Denn Kommission und Rat beharrten darauf, Klonerzeugnisse in das Gesetzespaket für "neuartige Lebensmittel" einzuschnüren und weitgehend zuzulassen. In der Verordnung soll der Verkauf aller Nahrungsmittel und Zutaten, die bei Verabschiedung der ursprünglichen Verordnung im Mai 1997 noch nicht auf dem Markt waren, geregelt werden. Dazu gehören z.B. Nanopartikel, aber auch traditionelle Produkte aus anderen Kulturkreisen (z.B. der aus einer tahitianischen Pflanze gewonnene noni-Saft und neue pflanzliche Fette mit angeblich cholesterinsenkenden Zusatzstoffen).

Das Europäische Parlament forderte die EU-Kommission dagegen seit September 2008 wiederholt dazu auf, einen separaten Gesetzesvorschlag für das Klonen sowie Nachkommen von geklonten Tieren und deren Produkte vorzulegen (vgl. Heft 04/2008). Für beides gibt es bislang keine gültige EU-Regelung. In der Zwischenzeit fordert das EP ein Moratorium für Klone und Klonerzeugnisse, um eine schleichende Einfuhr während des gesetzlichen Vakuums zu verhindern. Sollte der Rat, der sich bisher wenig kompromissbereit gezeigt hat, den parlamentarischen Standpunkt aus zweiter Lesung nicht akzeptieren, geht es in dritter Runde in den Vermittlungsausschuss.

Hintergrund

Das Klonen von Nutztieren steht seit der Erzeugung des schottischen Klon-Schafs "Dolly" 1996 in der öffentlichen Diskussion und ist damit noch ein relativ neues Gebiet. Dolly litt an Übergewicht sowie Arthritis. Sie musste im Alter von nur sechs Jahren wegen einer schweren Lungenkrankheit eingeschläfert werden, obwohl Schafe im Schnitt eigentlich zwölf, oft sogar bis zu 20 Jahre alt werden. 1998 wurde die erste Kuh erfolgreich geklont, weitere zwei Jahre später dann das erste Schwein. Seither wird vor allem in den USA und Asien eifrig auf diesem Feld geforscht. In Europa sind Klontiere bisher weder verbreitet noch ist bekannt, ob und welche Produkte von geklonten Tieren oder ihren Nachkommen schon in Umlauf sind; dazu fehlt es an geeigneten Rückverfolgbarkeitsmechanismen. Die EU-Kommission geht aufgrund der internationalen Forschung und Entwicklung davon aus, dass in den kommenden Jahren eine weitverbreitete kommerzielle Anwendung der Klontechnik ansteht – vor allem, weil in den USA die Landwirtschaft bereits in den Startlöchern steht und nur darauf wartet, dass die Handelspartner endlich Klonerzeugnisse zulassen. Unternehmen wie ViaGen, eines der weltweit führenden Klonlabore, können es kaum erwarten, ihre leistungsstärksten Tiere auch für den europäischen Markt zu klonen. Dies würde der Massenproduktion in Tierfabriken rein nach Produktivitätsgesichtspunkten weiter Vorschub leisten. In den USA stehen bereits tausende Rinderklone in den Ställen, und es liegen seit 2008 auch Lebensmittel von Nachkommen geklonter Tiere in den Supermarktregalen – ohne Kennzeichnung!

Verzehr von Klonerzeugnissen "wahrscheinlich unbedenklich"?

Die EU-Kommission hatte bei der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) im Februar 2007 eine wissenschaftliche Stellungnahme in Auftrag gegeben. Im Blickpunkt der Untersuchungen standen die Lebensmittelsicherheit, das Wohlergehen der Tiere und die Umweltauswirkungen der Produktion von und mit geklonten Rindern und Schweinen (für andere Tierarten war die Datenlage unzureichend). Am 15. Juli 2008 wurde das Ergebnis veröffentlicht: keine Sicherheitsbedenken bezüglich des menschlichen Verzehrs. Damit kam der EFSA-Ausschuss zum gleichen Schluss wie die US-amerikanischen Kollegen von der Food and Drug Administration (FDA) zu Beginn des gleichen Jahres. Immerhin waren die EU-Wissenschaftler so ehrlich zuzugeben, dass bislang noch keine ausreichenden wissenschaftlichen Daten für eine abschließende Beurteilung vorliegen. Zudem empfahlen die Autoren u.a. weitere Untersuchungen zur Krankheitsanfälligkeit von geklonten Tieren und deren Nachwuchs unter herkömmlichen landwirtschaftlichen Züchtungs- und Haltungsbedingungen. An all diesen Bedenken hatte sich bis Mitte 2009 nichts geändert; damals veröffentlichte die EFSA die Ergebnisse einer Überprüfung ihres Standpunktes, die sie auf erneute Anfrage der Kommission vorgenommen hatte. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) veröffentlichte schon im Februar 2007 eine positive Einschätzung - in vorauseilendem Gehorsam auf der Grundlage des Entwurfes der FDA-Studie.

Klonen ist tierquälerisch

Die EFSA-Wissenschaftler verwiesen in ihren o.g. Stellungnahmen auch auf die bedeutenden negativen Auswirkungen des Klonens auf die Gesundheit und das Wohlergehen der Tiere. An dieser Stelle sei auf die EU-Richtlinie 98/58/EG zum Schutz der Tiere, die zu landwirtschaftlichen Zwecken gehalten werden, hingewiesen. Dort ist ausdrücklich festgeschrieben, dass "natürliche oder künstliche Zuchtmethoden, die den Tieren Leiden oder Schaden zufügen" nicht angewendet werden dürfen. Nach Ansicht der Europaabgeordneten müsste das Klonen deshalb verboten werden. Laut Stand von 2009 wächst im Schnitt rund die Hälfte der in sog. "Ersatzmütter" verpflanzten Klonembryonen gar nicht erst an, d.h. es kommt nicht zur Trächtigkeit. Die Klontechnik bewirkt zudem häufig so starke Missbildungen, dass die meisten geklonten Embryonen noch im Mutterleib sterben. Nur jeder vierte in der Petrischale erzeugter Klon kommt überhaupt lebend zur Welt, wovon wiederum fast jeder zweite kurz nach der Geburt - oft qualvoll - verendet. Die Geburten von Klonen verlaufen bei Schafen und Rindern aufgrund der übergroßen Föten außerdem schwerer als normal, weswegen häufig Kaiserschnitte vorgenommen werden. Viele Klontiere leiden direkt nach der Geburt an Atemproblemen, Teilnahmslosigkeit, fehlendem Saugreflex, Erkrankungen des Herzmuskels, Lungenhochdruck, Unterzuckerung oder einem zu hohen Insulinspiegel, Abnormalitäten der Harnwege oder der Geschlechtsorgane, Lungenentzündung und Verdauungsstörungen.

Trotzdem sollen lebend geborene Klone - je nach Rasse unterschiedlich - angeblich längerfristige Überlebenschancen zwischen 47 und 80 Prozent haben (mehr dazu hier). Deshalb kommt diese Technik bisher vor allem in der medizinischen Forschung zum Einsatz - aber auch in der Rinderzucht in Nord- und Südamerika gibt es "Fortschritte".

Klonen ist ethisch nicht zu rechtfertigen

Parallel dazu bestellte die EU-Kommission bei der "Europäischen Gruppe für Ethik der Naturwissenschaften und der Neuen Technologien" (EGE) ein Gutachten über ethische Aspekte des Klonens. Der europäische Ethikrat fand seinerseits laut Stellungnahme aus 2008 keine ethischen Argument für eine Lebensmittelproduktion aus geklonten Tieren: "In Anbetracht des Leidens und der Gesundheitsprobleme von Ersatzmuttertieren und Tierklonen hat die EGE Zweifel, ob das Klonen von Tieren für die Lebensmittelversorgung ethisch gerechtfertigt ist." Zudem regte die EGE eine öffentliche Diskussion über die Folgen des Klonens an (mehr dazu hier). Auch der Deutsche Ethikrat beschäftigte sich im Oktober 2009 mit dem Thema Klontiere im Stall.

Ganz abgesehen davon bestünde bei einer Weiterentwicklung der Technik zum Klonen von Säugetieren auf Dauer unvermeidlich das Risiko, dass bald auch Menschen geklont werden (mehr dazu hier).

Klonen schränkt die Vielfalt ein

2010 ist das Internationale Jahr der Biodiversität. Die Vereinten Nationen versuchen dadurch auf das große Problem des weltweiten Artensterbens und des Verlustes der genetischen Vielfalt aufmerksam zu machen. Es wäre ein Hohn, ausgerechnet in diesem Jahr dem Klonen Tür und Tor zu öffnen; denn das Klonen einer Elite von Hochleistungstieren nach Produktivitätsgesichtspunkten wirkt dem Erhalt der Artenvielfalt entgegen, birgt sogar eine regelrechte Gefahr: In ihrem künftigen Wert noch unerkannt wichtige Gensequenzen von weniger leistungsstarken Tieren (z.B. für die Anpassung an den Klimawandel oder Resistenzen gegen Krankheitserreger) könnten verloren gehen. Zudem sind Klone patentierbar, so dass - ähnlich wie bei gentechnisch verändertem Saatgut - die Landwirte ihre Unabhängigkeit verlieren würden. Nicht zuletzt aus diesen Gründen ist die Klontechnik aus Sicht von PROVIEH abzulehnen (mehr dazu hier).

Drohender Handelsstreit

Wenn es nach den Verbraucherwünschen in der EU ginge, kämen in Europa keine Klonprodukte in die Lebensmittelkette (wir berichteten). Aber es geht mal wieder um den internationalen Handel, und da sind weder Ethik noch Tierschutz ausreichende Gründe für ein Einfuhrverbot. Für die Welthandelsorganisation (WTO) zählt allein die Sicherheit der Lebensmittel - und selbst da ist sie nicht zimperlich, wie man am Umgang mit der grünen Gentechnik sieht! Die Lebensmittelsicherheit ist auch für die Genehmigung seitens der US-Lebensmittelbehörde (FDA) das einzig ausschlaggebende Kriterium, andere Aspekte lässt sie dagegen weisungsgemäß völlig außer Acht.

Daher ist jetzt schon ein neuer Handelsstreit vorprogrammiert, falls sich die EU gegen die Zulassung von Lebensmitteln aus geklonten Tieren und ihren Nachkommen entscheidet. Wie bei den gentechnisch veränderten Ackerpflanzen und Patenten auf Tiere werden die USA, Brasilien und Argentinien auch hier gewaltig Druck machen, damit sie Samen zur Klonierung von Tieren, Klone sowie deren Produkte in der EU verkaufen können. Selbst falls der Kompromiss zwischen Rat und Parlament im Herbst zu einer Kennzeichnungspflicht für alle Importwaren aus Ländern mit verbreiteter Klontechnik führt, wird es zum Konflikt kommen. Denn die Handelspartner lehnen eine solche Etikettierung - z.B. "Könnte aus geklonten Tieren stammen" (da eine Rückverfolgbarkeit praktisch unmöglich ist) - strikt ab. Der Grund liegt auf der Hand: Fast niemand würde Klonerzeugnisse kaufen, wie eine Eurobarometerumfrage aus dem Jahr 2008 ergab.

Tierschutz, Ethik und Verbraucherwünsche dürfen nicht dem Leistungswahn in der Nutztierhaltung geopfert werden. PROVIEH wird sich weiterhin zusammen mit anderen Tierschutzorganisationen wie der Eurogroup for Animals nachdrücklich für ein umfassendes Verbot von Klonen und ihren Erzeugnissen in der EU einsetzen.

Den Entwurf einer legislativen Entschließung des Europäischen Parlaments für die Verordnung über neuartige Lebensmittel können Sie hier einsehen (noch ohne Änderungen durch Plenarabstimmung).

08.07.2010 - Sabine Ohm, Europareferentin

Nachtrag:

Wie inzwischen bekannt wurde, zirkulieren zumindest in Großbritannien unkontrolliert Klonmilch und Klonfleisch, wie die zuständige Behörde FSA (Food Standards Agency) nach Medienberichten im Juli 2010 zugab. Auch die EU-Kommission gab auf Anfrage des Grünen Europaabgeordneten Häusling zu, keine Daten über Klonerzeugnisse in der EU zu besitzen und nicht ausschließen zu können, dass solche Produkte bereits in Umlauf gebracht werden.

19.08.2010 - Sabine Ohm, Europareferentin