Bekämpfung von Tierseuchen/Krankheiten mit Hilfe von Impfungen. Insbesondere Leserbrief Frau Dr. Alice Langover, Duisburg

01.11.2006: Ich möchte den Leserbrief von Frau Dr. Langover (RB 1/03) als Anlass nehmen, für den Arbeitskreis Tierseuchenpolitik im VgtM zum Thema Impfungen in der Nutztierhaltung Stellung zu beziehen. Ohne die Domestizierung der heute allgemein als "Nutztiere" bezeichneten Lebewesen würde die Menschheit wohl immer noch in den Wäldern leben, in Hütten hausen und von dem existieren müssen, was sie sich in Wald und Feld mühselig zusammen sucht. Unsere Kultur, mit den erstaunlichsten Leistungen auf den Gebieten der Kunst, Architektur und Musik, um nur einige zu nennen, haben wir zu einem nicht unerheblichen Teil der "Erfindung" der Haustierhaltung zu verdanken.

Damit einhergehend resultiert eine Verantwortung dem Mitgeschöpf Tier gegenüber, der wir uns nicht entziehen dürfen. Diese Verantwortung beinhaltet ganz klar, die uns anvertrauten (Nutz-) Tiere vor Krankheit und Schaden zu schützen. Erwiesenermaßen dienen Impfungen, nicht nur im Bereich der Tierhaltung, dazu, den Ausbruch und die Weiterverbreitung von Krankheiten und Seuchen zu verhindern und somit die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern und Leben zu retten. Auch die Pocken sind durch Impfung ausgerottet worden. Über den Sinn und Unsinn von Impfungen zu diskutieren ist müßig, die Erfahrung beweist, dass Impfungen das Mittel der Wahl sind. Wer einmal gesehen hat, wie Tiere oder Menschen an Tollwut erkrankt jämmerlich zu Grunde gehen, für den sollte sich die Frage: Impfen oder nicht Impfen überhaupt nicht stellen. Auch die MKS ist in Europa erst zum Erliegen gekommen, nachdem über Jahre hinweg flächendeckend geimpft wurde. Allerdings ist die Voraussetzung für den Erfolg einer Impfung, dass diese ordnungsgemäß durchgeführt wird und dass ein dem Erreger entsprechender Impfstoff ausgewählt wird.

Auch sollte über die Verantwortung gegenüber den Menschen in den nicht so "weit" entwickelten Ländern nachgedacht werden. Hier sind manchmal eine Kuh und ein paar Schafe die Lebensgrundlage einer ganzen Familie. Der Verlust dieser Tiere durch eine Tierseuche würde den Hungerstod der Besitzer bedeuten. Frau Dr. Langover irrt in mehreren Punkten: Die Regierungen haben die MKS-Impfung nicht aus wissenschaftlichen Gründen (Unwirksamkeit) abgelehnt, sondern rein aus marktwirtschaftlichen Erwägungen. Weltweit waren Kriterien festgelegt, die einen Export von lebenden Tieren/Fleisch/Milchprodukten aus Ländern, in denen gegen MKS geimpft wurde, auch nach dem Erlöschen der Krankheit für lange Zeit verboten haben. Auf Druck der Industrie und ihrer Lobbyisten, die ein Interesse am Export haben, wurde nicht geimpft. Erfreulicherweise sind inzwischen, auch durch die beharrliche Einflussnahme der Mitglieder des Arbeitskreises Tierseuchenpolitik, Änderungen für die Zukunft zu erwarten. Das internationale Tierseuchenamt (Office international des épizooties, OIE, www.oie.int) hat z.B. schon reagiert und den Zeitraum für Handelsrestriktionen nach MKS- Impfung ohne die nachfolgende Tötung der geimpften Tiere von 12 auf 6 Monate herabgesetzt. Auch die Impfung von Schafen gegen MKS ist kein Problem und in den Fällen, in denen der dem Feldvirus entsprechende Impfstoff gewählt wurde und die Impfungen unter fachlicher Aufsicht sachgerecht durchgeführt wurden, konnte die Seuche schnell unter Kontrolle gebracht werden.

Die Behauptung, die Impfung in südlichen Ländern hätte eine "Explosion der Erkrankungen in Schafherden" bewirkt, ist schlichtweg falsch. Aus den Unterlagen des ständigen Veterinärausschusses bei der Europäischen Kommission in Brüssel geht eindeutig hervor, dass dieses nicht der Fall ist und dass, unter aktiver Mitwirkung der Tierhalter bei den Impfprogrammen, große Fortschritte bei der Tilgung der MKS erzielt wurden. Die Impfprogramme werden weiterhin finanziell als auch über die Zurverfügungstellung von geeigneten Impfstoffen von der EU unterstützt.

Auch in anderen Ländern, in denen MKS endemisch ist, zeigt die Erfahrung, dass die Impfung das beste Mittel ist eine Weiterverbreitung des Erregers zu stoppen und Neuausbrüche zu verhindern.

Dass die Hersteller von Vakzinen ein Interesse daran haben, Geld zu verdienen, ist unbestritten. Aber wir als Tierhalter und Tierschützer sollten genauso ein Interesse an der Gesunderhaltung unserer Tiere haben, es ist sinnvoller, für vorbeugende Maßnahmen zu bezahlen als nachher hunderttausende von Tieren im wahrsten Sinne des Wortes in "Rauch aufgehen" zu sehen. Die Erfahrungen der letzten Jahre sind, insbesondere uns Tierhaltern, noch sehr nachhaltig im Gedächtnis.

Ein anderer, sehr wichtiger Punkt ist, dass gerade die Tiere in Tierhaltungen, die als art- und tiergerecht anzusehen sind, zuerst die Opfer dieser Tierseuchenerreger werden. Sie sind aufgrund von Weidehaltung oder Auslauf den Viren und Bakterien schutzlos ausgesetzt. Die in den industriellen Anlagen erbärmlich vor sich hin vegetierenden Artgenossen sind, wenigstens auf diesem Gebiet, im Vorteil. Geschlossene Anlagen, Luftfilter und Desinfektionsmaßnahmen bieten ihnen einen gewissen Schutz vor Infektionen wie MKS, Tollwut oder auch, aktuell, Geflügelpest.

Wer in Zeiten, in denen die Bevölkerung mit Begeisterung alle Länder dieser Erde bereist und Ex- und Importe von Nahrungsmitteln und Tieren zum Alltag gehören, Impfungen gegen Krankheitserreger, ob bei Mensch oder Tier, nicht als Mittel der Wahl ansieht, handelt sehr kurzsichtig und sicherlich nicht im Sinne des Tierschutzes.

 

Sabine Zentis

PROVIEH Stichworte: 

oldmenu: