EU-Kommission will Nahrungsmittel aus Klonnachkommen erlauben

05.11.2010: Laut Kommissionsmitteilung soll nur ein sehr reduziertes Einfuhrverbot für lebende Klontiere und aus ihnen direkt gewonnenen Nahrungsmitteln gelten.

Die EU-Exekutive unter dem neoliberalen José Manuel Barroso schlug am 19. Oktober 2010 zwar ein fünfjähriges Moratorium für Klontiere und deren essbare Erzeugnisse, nicht aber für Klonembryonen, Sperma aus Klonen oder Klonnachkommen und ihre Erzeugnisse vor. "Durch diese Maßnahmen wird den Tierschutzbedenken ausreichend Rechnung getragen, ohne dass unnötige und ungerechtfertigte Einschränkungen eingeführt würden", so die Kommissionsmitteilung. Ein ausführlicher Kommissionsbericht wurde für Ende 2010 angekündigt, so dass man diese Mitteilung als Testballon des zuständigen Gesundheits- und Verbraucherschutzkommissars Dalli ansehen kann. In 2011 soll dann ein separates Gesetz über das Klonen ausgearbeitet werden, statt dieses Thema wie bisher in der sog. Novel Food Verordnung ("Verordnung des Europäischen Parlamentes und des Rates über neuartige Lebensmittel und neuartige Lebensmittelzutaten") zu regeln.

Gegen ein eigenes Gesetz über das Klonen ist nichts einzuwenden, aber das vorgeschlagene Moratorium wäre in Wahrheit nur ein fauler Scheinkompromiss; denn wegen der hohen Verlustraten werden Klontiere – bisher vor allem in den USA – sowieso nicht direkt zur Erzeugung von Nahrungsmitteln eingesetzt. Stattdessen werden sie zur Reproduktion benutzt, z.B. durch den tausendfachen Verkauf von Spermien der Hochleistungsklone, die dann zur künstlichen Befruchtung bzw. Nachzucht von Kühen mit hoher Milchleistung und Schweinen mit hoher Mastleistung verwendet werden. So wird das Klonen trotz der hohen Sterblichkeit rentabel.

Die EU-Lebensmittelaufsichtsbehörde (EFSA) bestätigt, dass die "Verlustraten" beim Klonen von Kühen und Schweinen sehr hoch sind. Die Zahl der "problematischen Geburtsvorgänge" ist ebenfalls hoch, insbesondere bei Kühen. Denn die geklonten Nachkommen erreichen im Mutterleib eine unnatürliche Größe, werden richtige Riesenbabies mit unnatürlich vergrößerten Organen, so dass bei Klonkühen eine unnatürlich hohe Kaiserschnittgeburtsrate und Organversagen beim Klonnachwuchs auftritt. In ihrer Stellungnahme zum Thema Klonen aus dem Jahr 2008 kommt die EFSA deshalb zu dem Schluss: "Die Gesundheit und das Wohlergehen eines signifikanten Teils der Klone leidet zum Teil erheblich, vor allem unter den heranwachsenden Rindern und Schweinen in der perinatalen Phase, häufig mit Todesfolge."

Die Mehrzahl der Klonembryonen stirbt schon während der Trächtigkeitsphase. Von den Überlebenden verenden die meisten in den ersten Wochen nach der Geburt an Herz-Kreislaufversagen, Atemwegsproblemen, Leber- oder Nierenversagen, Immunsystemstörungen oder Missbildungen. Die EFSA betont, dass die "Sterblichkeitsrate bei Klonen beträchtlich über der bei natürlich erzeugten Nachkommen liegt." Der "Europäische Ethikrat für Wissenschaft und neue Technologien" (EGE) kam seinerseits (ebenfalls in 2008) zu folgendem Schuss: "In Anbetracht des derzeit durch das Klonen hervorgerufenen Tierleids und der Gesundheitsbeeinträchtigungen der Ersatzmütter sowie der geklonten Tiere hegt der EGE Zweifel, ob das Klonen von Tieren zur Nahrungsmittelerzeugung ethisch gerechtfertigt ist." Er sehe "keine überzeugenden Argumente für die Rechtfertigung der Nahrungserzeugung aus Klonen und ihren Nachkommen", so die Schlussfolgerungen.

Diesen Empfehlungen folgten die Abgeordneten des Europäischen Parlaments (EP) bisher und weigerten sich seit 2008 in zwei Lesungen, dem Gesetzesvorschlag der EU-Kommission zur Inverkehrbringung von Klonerzeugnissen zuzustimmen. Das Verbot soll sich dabei laut Europaabgeordneten auch auf die Klonnachkommen und deren Erzeugnisse erstrecken.

Nachkommen von Klonen gelten nämlich bisher als "natürliche Abkömmlinge", so dass ihre Erzeugnisse legal grenzenlos vermarktet werden könnten. Im Vereinigten Königreich tauchten in diesem Sommer prompt schon mehrere aus Klonen gezüchtete Milchkühe auf. Deren Milch und Fleisch kamen unetikettiert in den Handel und wurden von ahnungslosen Verbraucher/innen verzehrt (vgl. PROVIEH-Magazin Heft 3/2010 S.35ff). Angeblich soll der Verzehr nicht gesundheitsgefährdend sein, so behauptet die EFSA. Das sagt sie allerdings auch von gentechnisch veränderten Pflanzen und Nahrungsmitteln, obwohl unabhängige Studien an Versuchstieren das Gegenteil nahelegen. Ganz abgesehen davon: Wo bleiben dabei Ethik, Moral und Verbraucherwünsche? – Mal wieder auf der Strecke!

Die europäischen Verbraucher/innen wollen keine Klonerzeugnisse auf ihren Tellern. Eine große Mehrheit findet dies abstoßend und widernatürlich und hat zudem ethische Bedenken gegen diese angebliche "Segnung der Technik" für die Lebensmittelproduktion. Das oben beschriebene große Leid der Klone und ihrer Ersatzmütter wiegen dabei schwer.

Nicht einzusehen ist deshalb auch die Tatsache, dass die Kommission keinerlei Etikettierung für Erzeugnisse von Klonnachkommen einführen will. Sie will lediglich ein Register für importierte Spermien und Embryonen zwecks Rückverfolgbarkeit von Klonnachkommen, verharmlost ansonsten das Klonen aber als "im Grunde so natürlich wie Mutter Natur selbst" bei eineiigen Zwillingen, wo ja auch eine zu hundert Prozent identische Genkopie entsteht.

Dabei sagt der gesunde Menschenverstand uns, dass die künstliche massenhafte Vervielfältigung eines Lebewesens in Retorten alles andere als natürlich ist. Aber das wird im Zuge der skrupellosen Effizienzsteigerung in der Massenproduktion ignoriert. Das unsägliche Leid der Klone und ihrer Ersatzmütter wird bisher im gesetzlichen Vakuum billigend in Kauf genommen. Bereits die traditionelle Zucht durch Selektion hat ja schon zu Qualzucht mit erheblichen Gesundheitsbelastungen (z.B. gehäufte Herz-Kreislauferkrankungen, Euterentzündungen etc.) und Leiden für die Tiere geführt. Durch das Klonen würden diese perpetuiert bzw. durch die oben genannten zusätzlichen Probleme noch verschärft.

Bedauerlicherweise weiß die Kommission Viele im Ministerrat auf ihrer Seite, die auf eine liberale Regelung drängen. Man scheut angeblich eine mögliche Konfrontation mit den USA in der Welthandelsorganisation, die wie immer als Totschlagargument gegen mehr Tier-, Umwelt und Verbraucherschutz in Europa angeführt wird.

PROVIEH hat daher an den Bundestag und alle zuständigen Minister sowie die EU-Kommissare geschrieben und sie aufgefordert, ihre Position zu ändern. Das Klonen zur Nahrungsmittelerzeugung ist überflüssig, tierquälerisch, unmoralisch und schränkt außerdem den im laufenden "Internationalen Jahr der Biodiversität" vielbeschworenen Erhalt der Artenvielfalt und der genetischen Vielfalt der Rassen ein. Falls auch Sie aktiv werden wollen, können Sie z.B. an den Abgeordneten in Ihrem Wahlkreis oder den im Rat abstimmungsbefugten Umweltminister Norbert Röttgen schreiben. Modellschreiben können Sie hier und hier abrufen.

Zu einer Studie über die vielfältigen negativen Auswirkungen des Klonens gelangen Sie hier.

Sabine Ohm, Europareferentin