Erst Vogelgrippe, jetzt "Schweinegrippe" - Intensivhaltung von Nutztieren als Quelle von Pandemie-Ängsten und wirtschaftlichen Schäden

Der Eindruck verfestigt sich: Die fabrikmäßig betriebene Massentierhaltung erzeugt eine Angstwelle nach der anderen. Erst wurde Angst geschürt, wegen BSE (Bovine Spongiforme Enzephalopathie der Rinder) könnte bei Zehntausenden von Menschen die unheilbare neue Variante der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (vCJD) erzeugen und sie sterben lassen. Dann hieß es, das Vogelgrippe-Virus A/H5N1 könnte eine menschliche Grippe-Pandemie mit bis zu 150 Millionen Toten erzeugen. Und jetzt (seit April 2009) wiederholt sich das Schauspiel mit der Schweinegrippe, die ebenfalls das Potenzial für eine verheerende Grippe-Pandemie habe. Alle drei Angstwellen oder – besser – Angstepidemien entsprangen also letztlich der Intensivhaltung von Nutztieren, die noch immer politisches Wohlwollen genießt. Schrecklich.

Hoch subventionierte Forschungsinstitute haben die Angstepidemien kräftig angeheizt durch Aussagen, die in entscheidenden Passagen haltlos waren und im krassen Widerspruch zu wissenschaftlichen Erkenntnissen standen, die anderweitig erarbeitet wurden. Es ist daher kein Wunder, dass die ersten beiden Angst-Epidemien verfliegen konnten, weil die vorhergesagten massenhaften Erkrankungen von Menschen ausblieben. Der dritten Angst-Epidemie wird das gleiche Schicksal blühen.

Das Epizentrum der neuen Angst-Pandemie liegt in einer Schweinefabrik

Im Valle de Perote in der mexikanischen Küstenprovinz Veracruz liegt eine von 16 gigantischen Schweinemast-Anlagen von Granjas Carroll de México (span. la granja, ausgesprochen la grancha, die Farm). An der Anlage ist außer Mexiko das US-Unternehmen Carroll’s Food maßgeblich beteiligt, das seit 1999 eine hundertprozentige Tochter des weltgrößten Schweinezucht- und Schweinefleischkonzerns Smithfield Foods ist (“Good food, Responsibility“ – „Gute Nahrung, Verantwortung“). Nach eigener Angabe hat Granjas Carroll allein 2008 an seinen 16 mexikanischen Standorten die unglaubliche Menge von 950.000 Schweinen gemästet und 56.000 Sauen für die Zeugung und Aufzucht von Ferkeln gehalten. Nach konzerneigener Angabe sollen Mastschweine ihr Schlachtgewicht von 110 kg im Alter von weniger als einem halben Jahr erreichen, und Gülle und Schweinekadaver sollen umweltfreundlich und nutzbringend in eigens gebauten Anlagen mikrobiell zersetzt werden, um z.B. Methan als Energiequelle zu gewinnen und Klärreste als organischen Dünger zu vermarkten.

Über den firmeneigenen Umgang mit Abfällen und Kadavern haben die 3.000 Einwohner des nahegelegenen Ortes La Gloria nur schlechte Erfahrungen sammeln können. Die Gülle wird in Klärteiche geleitet, die zu klein sind und zum Himmel stinken. Schweinekadaver werden tagelang im Freien gelagert, stinken bestialisch und werden schließlich vergraben. Die versprochenen Bioreaktoren für den mikrobiellen Abbau von Kadavern wurden nicht gebaut. Das Grundwasser wird immer unreiner, was auf den mangelhaften Bau der Klärteiche und das Vergraben der Kadaver zurückgeführt wird. Der Gestank und die Milliarden von Fliegen, die sich in den Klärteichen und Kadavern entwickeln, werden in Wolken nach La Gloria verdriftet und verpesten dort die Wohnhäuser.

Die US-Firma Carroll hat schon viel Erfahrung mit schwerer Umweltverschmutzung und Gesundheitsgefährdung gesammelt und wurde deswegen in den USA schon 1997 bestraft und aus den Staaten North Carolina und Virgina ausgewiesen, wie die mexikanische Tageszeitung Milenio am 13. April 2009 berichtete. Offenbar meinte Carroll, Umweltverschmutzung und Gesundheitsgefährdung in armen mexikanischen Regionen unbehelligt fortsetzen zu können. Doch Carroll machte seine Rechnung ohne die betroffenen mexikanischen Bürger.

Die Bürger von La Gloria bildeten eine Bürgerinitiative und wehren sich seit vier Jahren gegen die Missstände in Granjas Carroll. Sie forderten die Provinzregierung von Santacruz auf, Sanktionen gegen diesen Betrieb zu verhängen. Die Regierung lehnte dies ab. Am 10. Januar 2007 blockierte die Bürgerinitiative die Zufahrtsstraße nach Granjas Carroll. Deshalb wurden die vier Anführer strafrechtlich verfolgt, wie die mexikanische Prensa Indígena (Presse der Ureinwohner) am 13. April 2009 berichtete.

Wie berechtigt die Forderung der Bürgerinitiative war und noch immer ist, zeigte sich im Dezember 2008, als viele Bewohner von La Gloria heftig erkrankten. Nahezu plötzlich traten heftige Atemwegsbeschwerden, begleitet von hohem Fieber und starkem Husten mit klebrigem Schleimauswurf. Die Behörden schwiegen. Im April 2009 litten schon 60 % der Bewohner von La Gloria an der Krankheit. Als zwei Kinder an ihr starben, wandten sich die Bewohner an die Medien und sprachen über die Krankheitswelle. Der Gesundheitssekretär der Provinz schloss einen Zusammenhang mit Granjas Carroll aus, schickte aber immerhin Ärzte und anderes Personal nach La Gloria. Sie sollten dort ein Lazarett zu errichten, die Bevölkerung medizinisch behandeln und impfen und die vielen Fliegen bekämpfen, die auch offiziell als Überträger der Krankheit anerkannt wurden. Granjas Carroll blieb unbehelligt.

Die Angst-Pandemie breitet sich aus

Noch im April 2009 starben auch andere Mexikaner an der Krankheit, die zunächst zu Unrecht als Grippe bezeichnet wurde, denn in den meisten Fällen konnte das Grippevirus A/H1N1 nicht nachgewiesen werden. Nur in wenigen Fällen gelang dies, doch ob das Virus auch die Todesursache war, blieb ungeklärt. Allein der Nachweis dieses Virus in Menschen genügte, das Gespenst einer entsetzlichen Pandemie an die Wand zu malen. Einen besonderen Schaden hat das Gespenst schon angerichtet: Die Verantwortungslosigkeit von Granjas Carroll führte zu riesigen wirtschaftlichen Schaden für Mexiko. Zu den weiteren Schäden gehört, dass weltweit die Regierungen prüfen, wie viele Packungen antiviraler Mittel wie Tamiflu und Relaxin sie noch auf Vorrat haben. Die Firmen, die antivirale Mittel herstellen, machten erneut einen mächtigen Reibach.

Die Angst-Pandemie wird von Wissenschaftlern hoch subventionierter Forschungsinstitute und von Politikern geschickt verstärkt durch Aussagen, bis wohin das „gefährliche“ Virus schon gekommen sei, wie furchtbar die Große Grippe von 1918/1919 gewütet habe und dass man heutzutage auf eine Pandemie vorbereitet sei, welch Hoffnungsschimmer! Einige Medien zeigen Menschen mit Atemschutzmasken und verstärken so das kribbelnde Gefühl von heraufziehender Gefahr, doch es gibt auch kritische Berichterstattung. An Schaubildern wurde gezeigt, wie sich Genabschnitte von Vogelviren, Schweineviren und menschlichen Viren mischen können, so dass neuartige Grippe-Viren entstehen. So etwas ist in der Tat möglich, wenn Geflügel, Schweine und Menschen unter Stress stehen, Viren austauschen und mit mangelnder Hygiene zu kämpfen haben. Im aktuellen Fall hat die Vermischung aber nicht stattgefunden, wie Peter Petermann aus dem „Wissenschaftsforum Aviäre Influenza“ belegen konnte: „Die Erbsubstanz dieser ‚neuen’ H1N1-Viren, die in Form von 8 separaten Gensegmenten vorliegt, wird seit Jahren in Influenzaviren in Schweinen in Nordamerika gefunden.“

Die meisten Menschen, die bisher (4. Mai 2009) vom Virus A/H1N1 befallen waren, erholten sich problemlos, nur wenige starben. Ob deren Tod auf das Virus zurückzuführen sei, ist noch ungeklärt. Solche Verhältnisse sind untypisch für den Beginn einer Pandemie.

Tierfabriken sind Krankheitsfabriken. Politiker erlauben ihren Bau

Im Fall der Vogelgrippe konnte eindeutig gezeigt werden, dass die Geflügelindustrie die idealen Bedingungen schafft, dass sich niedrigpathogene zu hochpathogenen Grippeviren entwickeln können. Ist dies geschehen, werden diese Viren durch die Aktivitäten der Geflügelindustrie nah- und weiträumig in andere Betriebe eingebracht. Wildvögel und Kleinhaltungen von Geflügel spielen in diesem Prozess nach bisherigen Erkenntnissen keine Rolle. Für die industrielle Massenhaltung von Schweinen gilt die gleiche Erfahrung.

Wenn erwiesen ist, dass Tierfabriken zu Krankheitsfabriken werden können, und wenn die Behörden dennoch ihren Bau genehmigen, dann nehmen sie die Entstehung und Verbreitung globaler Tierseuchen billigend in Kauf. Zum Glück weisen Nichtregierungsorganisationen wie GRAIN, Nutztierschutzvereine wie PROVIEH und Bürgerinitiativen auf diese Gefahr hin und leisten Widerstand gegen eine verfehlte Agrarpolitik. Wegen dieses Widerstandes weichen die Tierindustriellen mir ihren Anlagen gern in arme Länder aus, die gefügiger sind als reiche Länder (GRAIN im April 2009). Globale Organisationen wie die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und die Weltorganisation für Tiergesundheit (OIE) stehen dem Treiben der Tierindustrie machtlos gegenüber und können nicht einmal ihre Überwachungsfunktionen angemessen ausüben, weil die Tierindustriellen das nicht wollen. In der Politik fehlt die Entschlossenheit, diesem Treiben Grenzen zu setzen.

Die Große Grippe von 1918/1919 – kein Maßstab für Grippe-Pandemien

Die Große Grippe von 1918/1919, auch als Spanische Grippe bekannt, taugt nicht als Maßstab für künftige Pandemien. Die Große Grippe soll weltweit 20 bis 50 Millionen Todesopfer gefordert haben. Sie trat in drei Wellen auf, die im März 1918, September 1918 und Februar 1919 begannen. Die erste Welle traf in den USA vor allem amerikanische Militärlager. Verheerend war dort die zweite und größte Welle, weil die Krankheit die Menschen plötzlich überfiel und sie innerhalb von Stunden an überreichlicher Produktion von klebrigem Schleim in der Lunge erstickten ließ.

Vor allem junge Erwachsene (20 – 40 Jahre alt) starben damals, unter ihnen viele junge US-Soldaten, die kurz vor ihrem schnellen Tod noch kerngesund waren. Man war sich sicher, dass die Krankheitserreger leicht von kranken auf gesunde Menschen übertragen werden, doch fünf Versuche zur Bestätigung der Vermutung scheiterten. 118 strafgefangene und nicht geimpfte Soldaten wurden für einen Infektionsversuch gewonnen, mussten sich von jeweils zehn sterbenskranken Menschen anhusten lassen und die Sprühwolke tief einatmen. Sie blieben gesund oder erkrankten leicht und wurden zur Belohnung in die Freiheit entlassen.

Rätselhaft war zusätzlich, dass Impfungen die Sterblichkeitsrate nicht senkten, sondern im Gegenteil erhöhten, und dass die damaligen Impfgegner selbst dann gesund blieben, wenn sie Kranke pflegten oder sich ohne Atemschutzmaske in belebte Straßen begaben.

Für das Rätsel gibt es nur eine Lösung: Die jungen Menschen in den USA wurden damals Opfer einer Impfkatastrophe, an der mehr US-Soldaten starben als in den US-Kampfhandlungen im Ersten Weltkriegs.

Sievert Lorenzen