Das Kärntner Brillenschaf

Das Brillenschaf, das auch als „Kärntner Brillenschaf“ oder „Karner“ bekannt ist, gehört zur Gruppe der alpinen Bergschafrassen und hat seinen züchterischen Ursprung in den Karnischen Alpen im heutigen Slowenien, wo es bereits um 1880 als „Seeländer Schaf“ beschrieben wurde. Es entstand durch Einkreuzung von Paduaner und Bergamaskerschafen in die dort beheimateten bodenständigen Landschafe um den Ort Seeland. Insbesondere dem feinwolligen Paduaner Schaf, das auch als „Seidenschaf“ bezeichnet wurde, verdankt das heutige Brillenschaf wohl die typische schwarze Pigmentierung um das Auge und die schwarzen Ohrspitzen.


Das „Seeländer Schaf“ zeichnete sich durch seine besondere Fruchtbarkeit mit dreimaliger Lammung in zwei Jahren und häufigen Zwillingsgeburten aus. Zudem machten es seine gut bemuskelten Schlachtkörper und sein wohlschmeckendes Fleisch zum begehrten Schlachtvieh, das bis ins 20. Jahrhundert hinein im großen Stil nach Frankreich getrieben und dort verkauft wurde. Seine Robustheit gegenüber Witterung und seine ausgesprochene Futterdankbarkeit waren damals wie heute sehr geschätzt, sodass sich der „Seeländer Schlag“ von den südlichen Kalkalpen ausgehend über ganz Kärnten, die südliche Steiermark und letztlich in weite Teile Österreichs bis ins bayerische Voralpenland und nach Italien ausbreitete.
In der Zeit nach dem ersten Weltkrieg erlebte die zu diesem Zeitpunkt unter dem Namen „Kärntner“ zusammengefasste Rasse ihren züchterischen Höhepunkt, bevor die im Deutschen Reich durchgeführte „Rassebereinigung“ mit einem einheitlichen Zuchtziel für alle Bergschafrassen dem Brillenschaf beinahe das Ende bereitete. Das Zuchtziel des neuen „Deutschen Bergschafes“ orientierte sich nämlich am Bergamaskerschaf, einem sehr großen, rein weißen Schaf, und das pigmentierte Brillenschaf wurde fast vollständig verdrängt. Es erhielt sich nur noch in Restbeständen in Oberbayern im Raum Berchtesgaden, in Südtirol um das Villnösstal und in Slowenien in der Region Seeland; in Österreich verschwand es gänzlich.

Wenige unbeirrbare Züchter, die aufgrund der beschriebenen Vorzüge an dieser Rasse festhielten, sorgten für ihr Überleben, denn nach dem absoluten Tiefpunkt der deutschen Schafhaltung in den 60er Jahren nahm das Brillenschaf wieder etwas an Bedeutung zu und wurde 1984 im Rahmen der "Grünen Woche" in Berlin erstmals wieder einem größeren Publikum vorgestellt. Die Wiederanerkennung als eigenständige Rasse erfolgte 1990 in Bayern. Auch in Österreich wurden um 1990 große Anstrengungen unternommen, um aus Restbeständen Sloweniens das einstmals weit verbreitete Kärntner Brillenschaf wieder anzusiedeln. Mit Erfolg, denn heute gibt es dank eines 1995 gegründeten Vereins der Kärntner Brillenschafzüchter Alpen-Adria wieder ca. 1.500 Tiere in Österreich. In Südtirol wird der derzeitige Bestand auf ca. 1.000 Tiere geschätzt.

In Deutschland erfreut sich das Brillenschaf heute wieder steigender Bestandszahlen. So sind in Bayern derzeit 20 Züchter mit ca. 600 Tieren im Herdbuch eingetragen; der Gesamtbestand wird auf ca. 1.000 Tiere geschätzt. Einzelne Zuchten und Liebhaber dieser attraktiven Rasse gibt es in Berlin, Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein; auch ein bekannter deutscher Optiker hat seine Liebe zum Brillenschaf entdeckt und züchtet dieses in Norddeutschland. Staatliche Fördermaßnahmen und eine 1998 gegründete Arbeitsgemeinschaft, die mit den anderen Ländern züchterisch kooperiert, helfen, dieses Kulturgut zu erhalten.

Das Brillenschaf wird heute im Zuchtziel der Vereinigung deutscher Landesschafzuchtverbände alsgroßrahmiges Schaf mit einem weißen, schlichtwolligen Vlies und einer Faserstärke von 32 bis 38 Mikron beschrieben. Sein langer, schmaler, unbewollter Kopf ist hornlos, ramsnasig und trägt breite, hängende Ohren. Die typische Pigmentierung (Brille) soll das Auge gleichmäßig umgeben und kann zur Nase hin verschoben auftreten. Die unteren ein bis zwei Drittel der Ohren sind schwarz pigmentiert, an der Unterlippe und am Kinn sind geschlossene Pigmentflecken möglich. Die Brunst ist asaisonal und eine Erstzulassung ist im Alter von acht bis zehn Monaten möglich. Bei Gewichten von ca. 70 kg der Mutterschafe und 90 kg der Böcke soll heute wie früher ein anspruchsloses, langlebiges und wetterhartes Schaf für die Gebirgsregion gezüchtet werden.

Max Wagenpfeil, Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft, Institut für Tierzucht, November 2006

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