Girgentana-Ziegen - in den 1990er Jahren um ein Haar ausgestorben

Die Girgentana-Ziegen Siziliens sind ein Beispiel für den besonders raschen Verfall einer einst hochgeschätzten Rasse. Durch die Konkurrenz von Hochleistungsrassen schrumpfte der Bestand dieser prächtigen Ziegen innerhalb weniger Jahre auf nur noch 200 Tiere. Beim Anblick der Girgentana-Ziegen fühlt man sich wie in eine andere Zeit versetzt. Sieht man diese weißen Ziegen mit den bis zu 50 Zentimeter langen, gedrechselten Hörnern über die Weiden stolzieren, denkt man unwillkürlich an Einhörner.

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Sie sind prächtige Exemplare, diese Girgentana-Ziegen. Benannt sind sie nach ihrer Herkunft, der Provinz Agrigento in Sizilien. Es handelt sich um eine alte Landziegenrasse, über deren Ursprung es unterschiedliche Spekulationen gibt. Die meisten Ziegenrassen stammen von der asiatischen Wildziege (Bezoar) ab. Sie gilt allgemein als Vorfahre fast aller domestizierten Ziegen. Bei der Girgentana-Ziege aber vermuten Experten, dass sie aufgrund ihres auffälligen Korkenziehergehörns von den in Afghanistan lebenden Markhor-Ziegen abstammt.

Die Girgentana-Ziege ist eine anspruchslose und widerstandsfähige Rasse, die vornehmlich zur Milchgewinnung, aber auch zur Fleischerzeugung gehalten wird. Sie liefert im Jahr 400 Liter Milch, Spitzentiere sogar die doppelte Menge. Eine enorme Leistung, wenn man berücksichtigt, dass sie überwiegend in Gegenden mit karger Vegetation gehalten wird.

Nach dem Kamel gilt die Ziege allgemein als das Haustier mit der größten Anpassungsfähigkeit, besonders an Hitze und Wassermangel. In solchen Gebieten ist die Ziege oft die einzige Existenzgrundlage als genügsamer Lieferant von Fleisch und Milch mit einer ausgesprochen guten Futterverwertung.

Bis in die 70er Jahre gehörten die Girgentana-Ziegen zur Hauptnutzungsrasse Siziliens. In den darauf folgenden Jahren wurden sie immer mehr von Hochleistungsmilchrassen verdrängt. Wie viele andere alte Nutztierrassen konnten sie bei den modernen Zuchtzielen auf mehr Fleisch oder Milch nicht mehr mithalten. Sizilien ist bis heute ein Land des Großgrundbesitzes und der Landarbeiter. Wie überall in Europa werden heute hier großmaßstäblich nutzbare Rassen gefördert. Die Landarbeiter, die sich früher für den Eigenverbrauch Girgentana-Ziegen hielten, suchen sich heute Nebenverdienste außerhalb der Landwirtschaft.

In den 90er Jahren stand die Girgentana-Ziege schließlich kurz vor der Ausrottung. Hatte 1992 eine Zählung noch 5.000 Tiere ergeben, so lag der Bestand vier Jahre später nur noch bei zwei kleinen Herden mit zusammen etwas mehr als 50 Ziegen sowie ganz wenigen im Herdbuch nicht erfassten Tieren.

Seit einigen Jahren versucht die Save-Stiftung - eine europäische Dachorganisation zur Erhaltung alter Nutztierrassen und Kulturpflanzensorten mit Sitz in der Schweiz - mit einem beispiellosen Rettungsprogramm die Zucht der letzten Tiere zu koordinieren. Mit einigem Erfolg. Heute gibt es in Italien bereits wieder 750 Tiere, in Deutschland rund 130.

Im Tierpark Arche Warder kann man von dieser Rasse zwei Böcke, eine Ziege und zwei Jungtiere bewundern, die im Frühjahr auf die Welt kamen. Die Mutter von den beiden ist leider ein Kreuzungstier, so dass die Nachkommen für die Erhaltungszucht nicht in Frage kommen. Die zwei Girgentana-Böcke sind reinrassig und gehören sogar zu einer Blutlinie, die im Heimatland Italien bereits ausgestorben ist. Die Arche Warder benötigt daher dringend eine reinrassige weibliche Ziege.

Susanne Kopte