Podiumsdiskussion im Europäischen Parlament zum Thema nachhaltige Agrarpolitik

17.03.2009: Die Zukunft der Landwirtschaft liegt in einem radikalen und systematischen Wandel der Agrarpolitik. Dies ist die Kernaussage des am 17. März 2009 im Rahmen einer Podiumsdiskussion im Europäischen Parlament vorgestellten Weltagrarberichts des Weltagrarrates IAASTD (Assessement of Agriculture, Science, Technology and Development). Über 400 Autoren arbeiteten über fünf Jahre um die Frage zu beantworten: Wie können Hunger und Armut verringert, ländliche Existenzen verbessert und eine gerechte, ökologisch, sozial und wirtschaftlich nachhaltige Entwicklung gefördert werden?

Die Antwort des Agrarrates: Nur eine radikale Wende in der Agrarpolitik, weg von einer „ölgesteuerten“, auf reine Produktivitätssteigerungen ausgerichteten Politik hin zu kleinbäuerlichen Strukturen, angepassten Technologien und gerechter Land- und Ressourcenverteilung kann eine dauerhafte Lösung für die Landwirtschaft darstellen, so Hanns Herren vom Millennium Institut in Washington und Mitverfasser des Berichts.

Wie auch schon andere namenhafte Studien, führt der Bericht des IAASTD auf, dass es die ärmsten Länder und dort vor allem die ländlichen Bewohner sind, die unter den herrschenden Strukturen der weltweiten Agrarpolitik am meisten zu leiden haben. Doch auch die Landwirte in den Industrienationen stehen den hochkonzentrierten Vertriebsstrukturen der Einzelhandelsbranche immer ohnmächtiger gegenüber. Gegen diese Mechanismen wendet sich der Bericht des Agrarrates mit aller Vehemenz und formuliert Lösungsansätze.
Der Erhalt und Ausbau von kleinbäuerlichen Strukturen auf lokaler Ebene wird dabei als eine Schlüsselkomponente angesehen, um den wahnwitzigen Kreislauf von Ertragssteigerung auf Kosten der Landwirte, des Tierschutzes und der Verbraucher zu unterbrechen. Denn der Bericht über den Status Quo offenbart eine Situation, in der die Erste Welt zunehmend landwirtschaftliche Traditionen und somit autonome Strukturen in der Dritten Welt zerstört; für die heimische Bevölkerung wertvolle Ackerfläche wird zunehmend für den Anbau von Futtermitteln (Soja, Mais) für die Nutztiere in Massentierhaltungen in der Ersten Welt statt für einheimische Sorten zur Ernährungssicherung genutzt. Dort wird wiederum mit Unterstützung durch die Politik (die Milchquotenregelung des Gesundheitschecks der EU ist ein Beispiel hierfür) Überproduktion gefördert, die dann als subventionierte Exporte die Lebensmittelmärkte der Entwicklungsländer zerstört. Der Bericht richtet sich somit auch klar gegen die Praxis von industriellen Massentierhaltungsanlagen; denn eine Agrarpolitik, die nur steigende Skalenerträge (je größer, desto mehr Profit) im Sinn hat, ist nur mit Betrieben zu verwirklichen, bei denen Masse statt Qualität und somit nicht das Verbraucher- und Tierwohl im Vordergrund stehen.

Doch nicht nur der erwähnte Kreislauf kann durch eine Besinnung auf eine ökologische Landwirtschaft durchbrochen werden. Ebenso würden sich durch den Ausbau von kleinbäuerlichen Bewirtschaftungsstrukturen die klimaschädlichen Effekte der Nutztierhaltung verringern. Hierauf hat auch schon PROVIEH in seinem Positionspapier verwiesen.

Biodiversität ist ein weiteres wichtiges Stichwort des Weltagrarberichts. So weist der IAASTD darauf hin, dass in den letzten 50 Jahren etwa 70% der genetischen Vielfalt bei den Nutzpflanzen verloren gegangen ist. Die Verfügbarkeit relativ billiger synthetischer Dünge- und Pflanzenschutzmittel, verbunden mit der Züchtung von Hochleistungssorten haben zum Ausbruch der sogenannten „Grünen Revolution“ geführt, die aber heute immer kritischer bezüglich ihrer Auswirkungen auf die Umwelt und ihrem Nutzen diskutiert werden. Gentechnik, so das Ergebnis des Berichts, verursacht mehr Probleme als Lösungen und beeinflusst die Ausrichtung des Forschungsinteresses auf patentierbare Produkte. Der Schutz von geistigen Eigentumsrechten, insbesondere in Bezug auf Saatgut verhindert einen fairen Zugang zu Wissen und schafft gleichzeitig neue Abhängigkeiten, so der Bericht.

Melanie Peters, Büro Brüssel