Rinder der Mittelgebirge: Das Rote Höhenvieh

Einfarbig rote Rinder (Rotvieh) waren im 18. und 19. Jahrhundert in ganz Europa und Vorderasien Rotes-HoehenVieh_Marx_IMG-0567verbreitet bis hinein in die Türkei und in die Steppen Russlands (1), doch ihr Niedergang begann schon am Ende des 19. Jahrhunderts. Gab es in Deutschland 1896 noch 134.266 rote Rinder (5,6 Prozent des deutschen Rinderbestandes), so war der Bestand nur 40 Jahre später auf 44.000 Tiere geschrumpft. Im Jahre 1941 wurde das Rote Höhenvieh der Mittelgebirge und das Angler Rinder des Nordens als Deutsches Rotvieh bezeichnet. Die Rasse umfasste 1950 noch ein  Prozent des gesamten deutschen Rinderbestandes (2; 5).

Das Rotvieh des Nordens sind das Rote Niederungsvieh (Angler Rind) und das Rote Dänische Milchrind. Diese Rassen wurden im Laufe der letzten Jahrzehnte zu leistungsstarken Milchrindern umgezüchtet. Das Rotvieh der deutschen Mittelgebirge wird als Rotes Höhenvieh bezeichnet. Hiervon gab es am Ende des 19. Jahrhunderts noch recht viele regionale Schläge, z. B. das Sechsämter, Braunroder, Sächsische, Vogtländer und Vogelsberger Rotvieh (2; 5). Die meisten dieser Schläge sind verschwunden. Erhalten sind vor allem noch das Harzer Rotvieh und wenige Restbestände aus anderen Regionen. Da sie alle von einer gemeinsamen Ausgangsrasse stammten, gab es zwischen den regionalen Zuchtzentren – insbesondere dem Harzer und dem Vogelsberger Rind – einen ständigen Gen-Austausch (2). 

Das Harzer Rotvieh war optimal an die rauen Regionen des Harzes angepasst. Dort war es den Bergleuten früher erlaubt, sich mit Milch und Fleisch von eigenen Kühen zu versorgen. Das war möglich, weil der aufstrebende Bergbau im 16. Jahrhundert große Mengen Holz verbrauchte, so dass um die Siedlungen herum viel Wald gerodet wurde. So entstand hochwertiges Grünland auf 300 bis 900 Metern Höhe. Auf den bunt blühenden Bergwiesen wuchsen Rotschwingel, Goldhafer und viele schmackhafte Kräuter wie Bärwurz, Flockenblume, Bergplatterbse und Labkräuter – optimal für die Harzer Kühe (2; 3).

Rotes-HoehenVieh_Marx_IMG-0426Im Oberharz, wo fast kein Ackerbau stattfand, führte die Rinderzucht zu einer intensiven Auslese von robusten und langlebigen Tieren mit guter Marschfähigkeit in der unebenen kargen Berglandschaft. Im Unter- und Vorharz leisteten die Kühe fast alle Feldarbeiten, so dass sie dreifach genutzt wurden: als Milchkühe, Zugtiere und Schlachtvieh. Nur vereinzelt wurden auch Ochsen eingesetzt. Die Gemeinden am Rande des Harzes, die Besitzer der Meiereien und die Grundherren nutzten das Rotvieh nur als Milch- und Fleischrinder. In der Sommerzeit schickten sie die Kühe und das Jungvieh in die höheren Regionen des Harzes und ernteten im Vorland Heu für die Fütterung im Winter.

Die Intensivierung der Landwirtschaft und die einseitige Zucht auf möglichst hohe Milchleistung führten in der Nachkriegszeit zum Niedergang des Harzer Rotviehs. Leistungsfütterung mit viel Getreide im Futter steigerte dessen Milchleistung nur unwesentlich, denn die Harzer Kühe waren zu sehr an karge Weiden gewöhnt. Das Rotvieh im Harz wurde – als Ergebnis einer verstärkten Einkreuzung des milchbetonten Angler Rindes – ab 1970 mehr und mehr verdrängt: Die Nachkommen verfügten über eine deutlich höhere Milchleistung und höhere Fettanteile in der Milch als das reinrassige Harzer Rind. Der Tiefpunkt der Harzer Kühe war um 1997 mit 377 Kühen und zehn Bullen erreicht. Elf Jahre später hat sich der Bestand – dank züchterischer Bemühungen – auf 918 Kühe und 69 Bullen erholt (4; 6).

Die robusten Roten Höhenrinder sind  hervorragend angepasst an ungünstige Standortbedingungen und kommen gut mit energiearmen Futter aus. Selbst Perioden des Futtermangels überstehen sie problemlos. Das Rote Höhenrind eignet sich daher bestens für die extensive Beweidung der Rotes-HoehenVieh_Marx_IMG-0336Gipskarstlandschaft im Südharz. Auch das Fleisch der Harzer ist von hoher Qualität. Zudem kann eine Kuh bis zu zwölf Jahre alt werden. Bei einer durchschnittlichen Milchleistung von 4.000 kg im Jahr ist das eine beachtliche Milchlebensleistung (2; 6).

Kasten: Der Film "Das Rote Höhenvieh" gibt in 45 Minuten einen Überblick über Geschichte und derzeitige Situation der roten Rinder im Harz. Er  kostet 17 € und kann im Internet auf DVD unter www.rotes-hoehenvieh.de bestellt werden. Etliche regionale Vereine im Harz bemühen sich heute um Erhaltung des Roten Höhenviehs, so die Bundesarbeitsgemeinschaft Rotes Höhenvieh in Hessen. Wer Rote Höhenrinder halten will, erhält einen Förderbeitrag, der je nach Bundesland verschieden hoch ist. So zahlt Hessen aktuell 125 € pro Herdbuch-Kuh oder -Bulle (7). In Niedersachsen bekommt ein Züchter 130 € je Kuh und Jahr (8) und nichts je Bulle. Und Sachsen-Anhalt stiftet 150 €  für ein weibliches und 200 € für ein männliches Zuchttier (9).

 

Quellen:

1) Hofmann, G.: Angeln deine Rote Kuh. Verband Angler Rinderzüchter e. V., Schleswig,1980.

2) http://www.karstwanderweg.de/sympo/2/pfeiffer/index.htm

3) http://www.nationalpark-harz.de/de/downloads_provieh/schriftenreihe.php

4) http://www.harz24.de/harznews/20030528145407.shtml

5) Brem, G., Brenig, B. et al.: Genetische Vielfalt von Rinderrassen. Ulmer Verlag Stuttgart, 1990 (25 - 26).

6) http://tgrdeu.genres.de/default/hausundnutztiere/detailansicht/detail/63E5D466-BA52-FD58-E040-A8C0286E751D

7) http://www.hessen.de/irj/HMULV_Internet?cid=436e83629ea23c0d91512c7dc87b21e5 (04.11.2009)

8) http://www.lwk-niedersachsen.de/index.cfm/portal/foerderung/nav/717.html(10.06.2010)

9) http://www.asp.sachsen-anhalt.de/frdb/files/100.pdf (01.04.2008)

 

Susanne Aigner                    

Fotos: © Marx