"Aktion Tierwohl" von Westfleisch – Augenwischerei

08.12.2010: Mit Pomp annoncierte Deutschlands drittgrößtes Schlachtunternehmen sein angebliches Engagement für den Tierschutz, das in Wirklichkeit keinerlei zusätzliches Tierwohl beinhaltet.

Auf den ersten Blick sieht die Pressemeldung vom 26. November 2010 beeindruckend aus: Westfleisch will mit der "Aktion Tierwohl" den Landwirten "Stellschrauben für nachhaltige Verbesserungen" der Schweinehaltung aufzeigen. Doch dieses angeblich "praxisnahe Qualitätsprogramm" ist nicht neu.

Es ist in anderen Schlachtbetrieben und vermutlich auch bei Westfleisch schon längst übliche Realität. Sie besteht darin, die Ergebnisse der Fleischbeschau einschließlich eventueller Qualitäts- und Gesundheitsmängel an die Landwirte zeitnah weiterzuleiten. Denn es ist lange bekannt, dass bessere Tiergesundheit auch zu höherem Tierwohl und – für Erzeuger wie für Schlachtbetriebe wichtig – zu höherer Fleischqualität führt.

Dennoch ist Vorsicht geboten, denn die "Aktion Tierwohl" führt nicht unbedingt zu einem Tierschutz-Mehrwert. Schon längst weiß man, dass sich einwandfreie Lungenbefunde nicht nur durch gute Haltung, sondern bei schlechter Haltung auch durch ständige Antibiotikazufütterung auch erreichen lassen. Auf solche Schwachstellen geht Westfleisch in seiner Ankündigung der Aktion nicht ein. Das Unternehmen teilt auch nicht mit, wie es das Tierwohl auch am Schlachttag der Tiere fördern will. Auf diesem Gebiet gibt es noch viel zu tun.

Beispielsweise kann per Kamera automatisch kontrolliert werden, ob die Schweine adäquat betäubt waren beim Stechvorgang, der zum Tod durch Entbluten führt und so verhindert, dass Schweine lebend und womöglich bei Bewusstsein in den Brühkessel gelangen. Diese Kontrolle soll z. B. auf Anregung von PROVIEH im Schlacht- und Verarbeitungszentrum der Genossenschaft Böseler Goldschmaus in Garrel eingeführt werden. Ob die betäubten Schweine durch Blutentzug wirklich getötet wurden, kann nach dem Stechvorgang auch durch Blutmengenmessung kontrolliert werden. Ein solches System ist z.B. bei der Firma Tönnies schon im Einsatz. Wie handhabt Westfleisch dieses Problem? Die "Aktion Tierwohl" bietet keine Antwort.

Auch auf Probleme bei der Betäubung von Schlachtschweinen geht Westfleisch nicht ein. Zwar ist die zunehmend genutzte Betäubung mit CO2 in Großbetrieben stressärmer als die Elektrozangenbetäubung, aber die Erforschung von Betäubungsgasen, die reizärmer und daher schonender als CO2 sind, ist dringend notwendig.

Die angesprochenen Probleme zum Tierschutz am Schlachttag werden auf Drängen von PROVIEH und anderen Tierschutzorganisationen seit Frühjahr 2010 von einigen deutschen und ausländischen Instituten intensiv beforscht. Es wäre gut zu wissen, welche Vorleistungen Westfleisch zur Lösung der Probleme schon geleistet hat oder noch leisten wird; denn zu leicht vermittelt die Ankündigung der "Aktion Tierwohl" den Eindruck, als werde nur eine Nebelkerze gezündet.

Zur angekündigten "Aktion Tierwohl" müsste auch gehören, dass das Kastrieren der Ferkel endlich aufhört. Doch Westfleisch will das Gegenteil. Seit PROVIEH im Sommer 2008 seine Kampagne zur Einführung der Ebermast in Deutschland gestartet hat, gehört Westfleisch zu den größten Gegnern und Bremsern der Ebermast und hat diese Haltung am 8. November 2010 auf den "Agrarmarketingtagen 2010" erneut bestärkt. Dort erklärte der Vorstandsvorsitzende von Westfleisch, er glaube nicht mehr, dass die "elektronische Nase" zur Feststellung von Ebergeruch in absehbarer Zeit realisiert werden könne. Die Suche nach Alternativen zur Schmerzmittelgabe behalte darum Priorität. "Die NGOs werden das Thema entdecken." Westfleisch irrt. Die Entwicklung der elektronischen Nase ist alles andere als tot. Sie wird weiter vorangetrieben von der Plattform, die die deutschen Schlacht- und Verarbeitungsbetrieben extra für diesen Zweck geschaffen haben.

PROVIEH hat also keinen Grund, von seiner Forderung nach Abschaffung der Ferkelkastration abzuweichen, im Gegenteil: In zwei europäischen Workshops im Oktober 2009 und im Juni 2010, an denen auch PROVIEH teilnahm, hat sich die EU-Kommission des Themas angenommen. In Anlehnung an die Erklärungen von Noordwijk und Düsseldorf beschlossen die Teilnehmer/innen im Juni 2010 eine Erklärung zur Abschaffung der chirurgischen Ferkelkastration auszuarbeiten, an der auch PROVIEH mitwirkte. Das Dokument konnte nach nur drei Sitzungen planmäßig vor Jahresende fertig gestellt werden und liegt PROVIEH in englischer Fassung vor. Alle Akteure entlang der Produktions- und Vermarktungskette in der EU sind nun aufgefordert, diese "Brüsseler Erklärung" zu unterzeichnen.

Dieses Jahr wurde somit tatsächlich zum Jahr des Schweines, wie wir es im PROVIEH-Magazin 1/2010 vermuteten, auch dank dieser Erklärung. Darin wird das Tierleid durch die chirurgische Kastration eindeutig benannt und deren Abschaffung als Ziel formuliert. Ab 2012 soll als erster Schritt EU-weit nicht mehr ohne Schmerzbehandlung und/oder Betäubung kastriert werden dürfen. Die gänzliche Abschaffung der chirurgischen Ferkelkastration ist ab 1. Januar 2018 vorgesehen.  Ausnahmen bilden "garantiert traditionelle Spezialitäten" sowie Erzeugnisse mit "geschützter Ursprungsbezeichnung" oder "geschützter geografischer Angabe" (z.B. Parmaschinken). Für deren Herstellung sind besondere Anforderungen notwendig, die Eber bisher nicht erfüllen können. Auch Forschungsziele wurden in der Erklärung formuliert. Die entstehenden Kosten der Umstellung sollen von allen Akteuren in der Produktionskette und dem Lebensmitteleinzelhandel gemeinsam getragen werden.

Über Fortschritte in Sachen Tierwohl auf Deutschlands Schlachthöfen wird es  voraussichtlich 2011 Positives zu berichten geben. Hoffen wir, dass Westfleisch nicht wieder den Zug verpasst. Das Unternehmen sollte auch wissen: PROVIEH lässt sich von Argumenten überzeugen, nicht von Schönfärberei.

Sievert Lorenzen, Vorsitzender


Weiterführende Informationen:

Pressebericht von "Animal Health Online" zur "Aktion Tierwohl" 

Bericht zum Presseessen von PROVIEH "Echte Kerle statt Kastraten"

Artikel "Weitere Kampagnenerfolge gegen Kastratenfleisch" im PROVIEH Magazin 04/2009, S. 44

Bericht zu den „Agrarmarketingtagen 2010“

Artikel von PROVIEH zur Weiterentwicklung der "elektronischen Nase" vom 08.11.2010 "Durchbruch in der Ebermast" 

"Brüsseler Erklärung" zur Abschaffung der chirurgischen Ferkelkastration

Artikel "Wird 2010 das Jahr des Schweines?" im PROVIEH Magazin 01/2010, S.46