Dioxinskandal sorgt für Stau im Stall

12.01.2011: Der Skandal um Dioxin im Tierfutter verschärft die Tierschutzprobleme in der Schweinehaltung dramatisch. In den ohnehin qualvoll engen Intensivmastställen drängeln sich mittlerweile Tausende von schlachtreifen Schweinen, weil die Schlachtbetriebe ihre Abnahmemengen drastisch verringern. Grund hierfür ist der Vertrauensverlust der Verbraucher und des Lebensmittelhandels in billiges Fleisch aus konventioneller Intensivtierhaltung.


In der konventionellen Haltung muss Mastschweinen bis zu einem Lebendgewicht von 110 kg mindestens 0,75 m² Stallfläche pro Tier zur Verfügung stehen. Werden sie schwerer als 110 kg, billigt der Gesetzgeber ihnen gerade mal 1 m² zum Stehen und Liegen zu. An Bewegungsfreiheit ist bei derart beengten Verhältnissen nicht zu denken, das Ende am Schlachthof kann da fast schon als Erlösung angesehen werden.

Doch wenn der Schlachthof keine Schweine mehr abnimmt, führt der Stau im Stall zur Überbelegung, die für die Tiere fatale Auswirkungen hat: Stress und Aggressionen nehmen zu, das Immunsystem wird weiter geschwächt, und die hygienischen Verhältnisse verschlechtern sich von Tag zu Tag. Doch auch die Schweinebauern stehen mit dem Rücken zur Wand. Wenn sie ihre Schweine nicht verkaufen können, können sie ihre Ställe nicht reinigen und erst recht keine neuen Ferkel zur Mast aufstallen. Dann stauen sich die Ferkel bei den Ferkelerzeugern. Das System der industriellen Intensiv-Schweineproduktion fährt bei einer Krise wie der jetzigen mit Volldampf an die Wand.

Droht dem Schweinesystem der Kollaps?

Das "Schweinesystem" ist beim Bremsen schwerfälliger als ein Supertanker. Die Schweine, die heute geschlachtet werden sollen, wurden schon vor gut einem dreiviertel Jahr durch künstliche Besamung gezeugt, 114 Tage später geboren und seitdem intensiv gemästet. Mittlerweile wird jedes zehnte Schwein aus Deutschland in der weiten Welt vermarktet, weil der Inlandsmarkt längst gesättigt ist. Export um jeden Preis heißt die Parole der Lobbyisten, und die Politik folgt bei Fuß. Doch Dioxin im Fleisch mag auch im Ausland niemand. Bricht der Export ein, rauschen die Marktpreise in den Keller. So wie jetzt.

Wohin aber nun mit den überzähligen Schweinen? Schon geistert das Wort "Notschlachtung" durch die Dörfer. Tiere zu schlachten und als Abfall zu entsorgen, nur weil sich kein Käufer für sie findet, ist in Deutschland verboten. Als „hilfreich“ erwies sich in solchen Fällen schon mehrfach eine Tierseuche, denn dann darf gekeult und der Besitzer aus der Tierseuchenkasse (also auf Kosten der Gemeinschaft) entschädigt werden. Woher der Erreger stammt und ob er eine Keulung überhaupt rechtfertigt, wird dann zu wenig hinterfragt. Das weckt kriminelle Energie, die zu Missbrauch führt. Gelegenheit für einen Seuchenzug durch deutsche Schweineställe bestünde leider schon, denn Anfang Januar 2011 berichtete die EU über einen Ausbruch der Maul- und Klauenseuche bei Zarewo in Bulgarien. Von dort bis in die Hochburgen der deutschen Schweineindustrie sind es nur 2.000 km. Wachsamkeit seitens der Medien, Behörden und Schweinebauern ist jedenfalls dringend geboten.

Dioxinskandal weist auf kriminelle Energie hin

Wer wissentlich Giftstoffe ins Tierfutter mischt, handelt kriminell. Das steht fest. In wie weit das "Panschen bis zum Grenzwert" in der Branche systematisch betrieben wird, bleibt vorerst im Dunkeln. Schon jetzt wurde aber deutlich, dass die Kontrolldichte nicht ausreicht und dass im Befundfall die vorgeschriebenen Meldeketten dramatisch versagen.

Zeit für einen Wandel

Der Dioxinskandal zeigt auch, wie zerbrechlich und krisenunsicher das hochvernetzte System der industriellen Fleischproduktion ist. Statt auf Stärkung des Exports und Billigproduktion von Masse zu setzen, müssten die Qualität der Tierhaltung, die Wertschätzung der Tiere und das Vertrauen der Verbraucher im Vordergrund stehen. Verbraucher lassen sich nicht dauerhaft für dumm verkaufen. Die fortwährende Kritik von Tierschutzverbänden wie PROVIEH an den Haltungsbedingungen und Produktionsmethoden der Intensivtierhaltung hat breite Teile der Bevölkerung bereits sensibilisiert.

Doch um das Konsumverhalten der Menschen nachhaltig zu ändern, bedarf es offenbar mehr als nur die Sorge um das Wohlergehen der Nutztiere. Erst wenn die eigene Gesundheit bedroht ist, schrecken die Menschen richtig auf. Dann bleibt Fleisch aus konventioneller Intensivmast in den Kühlregalen wie Blei liegen, und stattdessen werden Produkte von Bio- oder Neuland-Betrieben nachgefragt. Etlichen Fleischessern vergeht der Appetit sogar ganz, denn die Zahl der Vegetarier und Veganer wächst täglich. Das Ernährungsbewusstsein der Menschen nimmt zu.

Stefan Johnigk, Geschäftsführer von PROVIEH