Ferkelkastration soll in Deutschland abgeschafft werden

lachendes_Schwein_quelle_freeanimalpix11.02.2011: Dies kündigte Agrarministerin Aigner in einem Interview über das geplante Tierschutzpaket an. Das vor wenigen Tagen bekannt gemachte Tierschutzpaket ist an sich nicht so vielversprechend. Aber zumindest in einem Punkt hat die Landwirtschaftsministerin wohl doch Größeres vor, wie sie in einem Interview gegenüber der Neuen Osnabrücker Zeitung am 9.2.2011 durchblicken ließ.

Ilse Aigner wird in verschiedenen Online-Medien mit den Worten zitiert: "Die Landwirtschaft ist bereit, von der Ferkelkastration völlig wegzukommen." Der Deutsche Bauernverband reagierte empört. Sprecher Helmut Born meinte, dass die Ebermast bisher noch nicht praxistauglich sei - obwohl in Deutschland bereits jede Woche zehntausende Eber geschlachtet und vermarktet werden, ohne dass es zu Problemen mit Geruchsauffälligkeiten oder Reklamationen käme. Aber zumindest ist er - wie PROVIEH - offensichtlich inzwischen davon überzeugt, dass die Ebermast der Ferkelkastration mit Betäubung überlegen ist. Dazu sagte er: "Außerdem kann die Betäubung bei neugeborenen Ferkeln wie beim Menschen große Probleme verursachen."

PROVIEH begrüßt diese Ankündigung mit verhaltenem Optimismus. Wir treiben die Abschaffung der Ferkelkastration in Deutschland und Europa bereits seit 2008 durch intensive Kampagnenarbeit erfolgreich voran, was sich u. a. im September 2008 in der "Düsseldorfer Erklärung" zur Ferkelkastration niedergeschlagen hat. Darin wird die Abschaffung der Ferkelkastration als oberstes Ziel festgelegt. Aber öffentliche Bekenntnisse zu diesem Ziel waren seither rar. Aigner und Born reagieren damit auf die deutlichen Signale aus der Gesellschaft wie auch aus Brüssel, wo im Dezember 2010 unter Mitwirkung von PROVIEH die "Brüsseler Erklärung" zur Abschaffung der Ferkelkastration zustande kam. Aber noch ist nichts gewonnen, Ankündigungen allein bringen den Tieren noch kein Mehr an Schutz. Die Frist wurde in Brüssel mit 2018 sehr weit gesetzt. Die Gesetze zur Abschaffung der Batteriekäfige für Legehennen sowie die Einschränkung der Kastenstandhaltung für Sauen (2012) sind leider abschreckende Beispiele für lange Übergangsfristen; statt die Zeit für Umrüstungen oder Neuinvestitionen in alternative Systeme zu nutzen, hoffen viele europäische Landwirte und Investoren auf Aussetzung oder Verschiebung des Inkrafttretens in letzter Minute bzw. lasche Aufsicht und Nachsicht bei Fristverletzungen "wegen der schlechten wirtschaftlichen Lage", Lieferengpässen oder ähnlich dünnen Ausreden. Daher drängt PROVIEH auf eine zügige Umstellung auf Ebermast in Deutschland ohne Wenn und Aber, die durch intensive Forschungsleistungen der letzten Jahre in greifbare Nähe rückt. Aber der DBV will sich nicht festlegen lassen.

Erwartungsgemäß läuft gegen diese Äußerungen sowie Ilse Aigners Ankündigung, die Kleingruppenhaltung für Legehennen abschaffen und damit in Deutschland künftig nur noch Boden-, Freiland- und Biohaltung zulassen zu wollen, die gesamte Agrarindustrielobby entrüstet Sturm. Die industriellen Käfigeierproduzenten wollen die Kleingruppenhaltung nicht kampflos aufgeben, auch wenn sie vor dem Bundesverfassungsgericht jüngst einen Rückschlag erlitten haben. 

Bleibt abzuwarten, ob die Landwirtschaftsministerin das nötige politische Stehvermögen hat, um sich mit diesen Vorstellungen auch tatsächlich gegen den Deutschen Bauernverband und die vielen ihm sehr eng verbundenen Abgeordneten aus CDU/CSU und FDP durchzusetzen. Wir wünschen ihr dafür viel Kraft und Mut!

Sabine Ohm, Europareferentin


Quellen:

Rheinische Post Online

http://www.rp-online.de/politik/deutschland/Bauern-gegen-Aigners-Tierschutzpaket_aid_963065.html

top agrar online http://www.topagrar.com/index.php?option=com_content&task=view&id=23694&Itemid=519

Weiterführende Informationen:

Kampagne zur Abschaffung der Ferkelkastration https://provieh.de/ferkelkastration

Die "Düsseldorfer Erklärung"

Die "Brüsseler Erklärung" https://provieh.de/node/10532 

Kampagne zur Abschaffung der Käfigeier https://provieh.de/s3423.html

"Kleingruppenhaltung ist verfassungswidrig" https://provieh.de/node/10507