Zähes Ringen in Brüssel um die Klonfrage

01.03.2011: Während in Neuseeland wegen inakzeptabler Gesundheitsprobleme und Sterblichkeitsraten bei Klontieren die Forschung bei "AgResearch" eingestellt wird, könnten in der EU bald massenhaft Erzeugnisse von Klonnachkommen unetikettiert in die Supermärkte kommen. Protestieren Sie mit uns.

"AgResearch", eines der größten neuseeländischen Forschungsinstitute, meldete, dass nach dreizehnjährigen Studien zur Vermeidung gehäufter Missbildungen bei geklonten Tieren die Klonforschung nunmehr beendet werde. Der verantwortliche Direktor für angewandte Biotechnologien, Jimmy Suttie, wird mit den Worten zitiert: "Die Entscheidung ist gefallen, genug ist genug." Laut veröffentlichter Berichte traten unter anderem chronische Arthritis, Lungenentzündungen, Lahmheit und Blutvergiftungen als Todesursache von geklonten Rindern, Schafen und Ziegen gehäuft auf. Nur etwa zehn Prozent der geklonten Tiere überlebten die Versuche. Hauptprobleme waren spontane Abgänge der Föten sowie Hydrops (Wassersucht), wobei der Uterus der Kühe sich mit Wasser füllte, so dass auch die Mutterkühe getötet werden mussten.

Derweil geht der Streit um das "Gesetz über neuartige Lebensmittel" (Novel Food Verordnung), in dem auch der Verkauf von Nahrungsmitteln aus geklonten Tieren und ihren Nachkommen in der Europäischen Union (EU) geregelt werden soll, in die Endphase: Das Europäische Parlament (EP) und der Rat verhandeln seit Anfang Februar 2011 im Vermittlungsausschuss über den geänderten Kommissionsvorschlag, mit ungewissem Ausgang. Am 7. März soll der Vermittlungsausschuss voraussichtlich zum letzten Mal tagen, Ende März läuft die Frist für eine Einigung ab. Wenn bis dahin kein Kompromiss erreicht wird, platzt das gesamte Gesetzesvorhaben, an dem seit drei Jahren gearbeitet wird. Dann könnten künftig im gesetzesfreien Raum noch viel mehr Klonnachkommen undeklariert in europäischen Kuhställen stehen und Klonmilch geben, da die bisher eher stillhaltenden USA in diesem Falle wahrscheinlich harte Fakten schaffen wollen, bevor ein eigenes Klongesetz auf den Weg gebracht werden kann.

Die Verhandlungspositionen sind aber immer noch verhärtet: Das EP beharrt seit Beginn des Gesetzgebungsverfahrens auf einem umfassenden Klon- und Einfuhrverbot für Erzeugnisse von Klonen und ihren Nachkommen. Teile des Rates und die Kommission dagegen wollen nur ein Scheinverbot für Klonerzeugnisse, da Produkte aus Klonnachkommen nach ihrem Willen frei handelbar sein sollen. Sie lassen sich offensichtlich von Drohgebärden des Klonweltmeisters USA innerhalb der Welthandelsorganisation beeinflussen und argumentieren mit angeblich zu hohen Kosten für die Rückverfolgbarkeit von Erzeugnissen aus Klonnachkommen (bei Rindfleisch geht das seit BSE dagegen weitgehend problemlos!). 

Aber auch die europäische Agrarindustrie will sich künftig ungestört weiter mit Klonnachkommen aus Hochleistungsqualzucht (z. B. Milchkühe) versorgen, deren Erzeugnisse ohne Hindernisse vermarktbar sein sollen - natürlich am liebsten ohne Verbraucheraufklärung oder Etikettierung, so wie bisher. Die europäische Fleischindustrie befürchtet, dass sogar ein eingeschränktes Verbot nur für Erzeugnisse aus Klonen selbst schon zu einer Stigmatisierung von Klonfleisch und zu Verbraucherablehnung führen könnte.

Offiziell mahnen Vertreter des Europäischen Nutztier- und Fleischhandelsverbandes (European Livestock and Meat Trading Union) mit der Behauptung zur Vorsicht, dass es "viele potentielle Vorteile durch die Verwendung von Klonen" gäbe, darunter "nachhaltigere Erzeugung und weniger Krankheitsanfälligkeit durch die Klonung resistenterer Tiere". Wie immer geht es der Industrie in Wahrheit rein um Profitmaximierung, ohne jede Rücksicht auf Ethik und Moral, Tier-, Umwelt- und Verbraucherschutz.

Die Fleischindustrielobby fordert nun eine "politische Entscheidung auf wissenschaftlicher Basis". Dumm nur, dass in der Stellungnahme der nicht gerade als industriefeindlich geltenden europäischen Lebensmittelaufsichtsbehörde (EFSA, 2008) eindeutig auf das große Tierleid durch häufige Krankheiten und verfrühten Tod der Klone hingewiesen wird. Und angeblich nachhaltigere Erzeugung durch Hochleistungsklone aus Qualzucht scheint auch dem europäischen Ethikrat (EGE) keine gute Idee; er sieht in seiner offiziellen Stellungnahme "aus ethisch-moralischer Sicht keine überzeugenden Argumente für die Rechtfertigung der Nahrungserzeugung aus Klonen und ihren Nachkommen" (vgl. PROVIEH Magazin 4/2010).

PROVIEH unterstützt deshalb das EP in seinen weitreichenden Verbotsforderungen nach Kräften. Gemeinsam mit anderen europäischen Tierschutzverbänden wurden Mitglieder des EP sowie Kommissions- und Ratsmitglieder durch Briefkampagnen von uns immer wieder gezielt über die Folgen des Klonens informiert, um dieser neuen Form von Frankenstein-Nahrung in der EU einen Riegel vorzuschieben.

Sollte es kein umfassendes Verbot für Erzeugnisse aus Klonen und ihren Nachkommen geben, wird PROVIEH alle europäischen Partnerorganisationen aus Tier- und Verbraucherschutzkreisen mobilisieren, um ganz Europa mit einer beispiellosen Informationskampagne zu überziehen. Die Verbraucherinnen und Verbraucher sollen wissen, dass sie bei jedem Einkauf tierischer Erzeugnisse Klonerzeugnisse untergeschoben bekommen können. Politiker und Industrie müssen sich dann warm anziehen; denn der zu erwartende Nachfrageeinbruch wird die Fleisch- und Milchindustrie wahrscheinlich sehr viel teurer zu stehen kommen, als jetzt ein lückenloses Rückverfolgbarkeitssystem einzuführen und Importe so wirksam zu verhindern.

Fordern auch Sie Ilse Aigner auf, sich als Verbraucherschutzministerin endlich im Rat für ein umfassendes Klonverbot einzusetzen. Einen entsprechenden Musterbrief finden Sie am Ende dieses Artikels.

Sabine Ohm, Europareferentin


Musterbrief an Ilse Aigner

Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz 
Der Ministerin
Frau Ilse Aigner

Postfach 14 02 70

53107 Bonn

oder per E-Mail an poststelle@bmelv.bund.de