Industrielle Massentierhaltung im Kreuzfeuer der Medien

Intensivschweinestall04.03.2011: Nach zahlreichen Skandalen und rechtlichen Problemen beschäftigen sich die Medien endlich ausführlich mit den abartigen, oft rechtswidrigen Formen der Massentierhaltung. Sie führen dabei die enormen Verflechtungen zwischen Agrarindustrie und Politik sowie zwischen Tier-, Umwelt- und Verbraucherschutz deutlich vor Augen.

Es begann im Oktober 2010: Das Bundesverfassungsgericht kippte die Kleingruppenhaltung, im Emsland stoppte man den Mastanlagenbau wegen fehlender Brandschutzgutachten, Selbstkritik an den Mastzuständen drang aus einer geschlossenen Sitzung des niedersächsischen Landtags an die Öffentlichkeit und zur Krönung kam der Dioxinskandal zum Jahresbeginn 2011. Am 22. Januar 2011 gingen dann 22.000 Menschen, darunter viele Mitglieder von PROVIEH und anderen Tier- und Umweltschutzorganisationen, Bauern, aber auch sehr viele Verbraucher in Berlin auf die Straße. Protestiert wurde gegen tierquälerische Massentierhaltung, Gentechnik im Essen und Dumpingexporte (stellvertretend für die total verfehlte Agrarpolitik). Gefordert wurde eine Umsteuerung auf nachhaltige, bäuerliche Landwirtschaft.

Diese Serie von Ereignissen hat anscheinend gereicht, um die Mainstream-Presse endgültig aufzurütteln, nachdem seit dem Frühsommer 2010 schon Fleischkonsum-kritische Bücher Hochkonjunktur hatten. In immer mehr Medienberichten wird nun genauer hinter die Kulissen der gnadenlos ihre Profite maximierenden Agrarindustrie geblickt und die grausamen Zustände in den Produktionsstätten beleuchtet. Reporter stellen Qualzucht und unwürdige Haltungsbedingungen in den Tierfabriken schonungslos dar und führen den Lesern bzw. Zuschauern vor Augen, wie sie in den vergangenen Jahrzehnten systematisch getäuscht und zu "Billigheimern" regelrecht erzogen wurden. „Genau genommen ist der Preis für das Fleisch gar nicht niedrig, es bezahlen ihn nur andere. Die Tiere mit der Qualzucht, die osteuropäischen Billiglöhner in den Schlachtereien und die Umwelt …“, bringt es Nils Klawitter in seinem Artikel „Im Akkord zur Schlachtreife“ in der Ausgabe 7/2011 des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel" auf den Punkt. Sein brillant geschriebener Artikel (s.u.) gibt einen hervorragenden Einblick in das Ausmaß der Auswüchse in der Geflügelindustrie.

Die Agrarindustrie ist aufgeschreckt und versucht nun verzweifelt, ihr angekratztes Image wieder aufzupolieren; denn selbst die auflagenstärkste deutsche Tageszeitung BILD schrieb im Januar 2011 einen durchaus positiven Artikel über Vegetarismus in Deutschland. Inzwischen hat der Deutsche Bauernverband (DBV) mit weiteren 13 Interessensgruppen den Verband „WIR erzeugen Fleisch e.V.“ mit dem Zweck gegründet, die Kommunikation mit Verbrauchern und den Medien im Sinne der Agrarindustrielobby zu gestalten und ein positives (Zerr)bild der Nutztierhaltung in Deutschland zu verbreiten. Zusätzlich hat sich der DBV gemeinsam mit den Schweinehalterverbänden ZDS und ISN die Initiative „Branchenkommunikation Schweinefleisch“ ausgedacht - für die allerdings die Bauern zahlen sollen (mehr dazu siehe unten). Auch die Eierwirtschaft wurde aktiv und gründete im Januar 2011 die „Informationsgemeinschaft deutsches Ei“ (IDEi) für eine „offensive Kommunikation zur modernen Legehennenhaltung und Eiererzeugung“ - wohl auch, um dem sich abzeichnenden Aus für die Kleingruppenhaltung entgegenzusteuern.

Bereits 25-jähriges Jubiläum feiert in diesem Jahr die sogenannte „Fördergemeinschaft Nachhaltige Landwirtschaft e.V.“, ein Zusammenschluss aus Verbänden, Organisationen und Unternehmen der Landwirtschaft sowie der vor- und nachgelagerten Bereiche. Dieser Agrarindustrieclub versteht allerdings unter „nachhaltig“ vor allem Produktionsmaximierung bei minimalem Einsatz: „Nachhaltigkeit heißt, mit weniger mehr leisten“ ist das Leitmotiv auf der Startseite. Auf der Strecke bleiben bei dieser einseitigen Fokussierung auf Höchstleistungen zwangsläufig Umwelt- und Tierschutz. Aber das versuchen die Funktionäre geschickt zu verschleiern. Mit Infoblättern und Hochglanzbroschüren soll den Verbrauchern Sand in die Augen gestreut werden, damit sie ohne schlechtes Gewissen weiter billige Massenware aus industrieller Produktion konsumieren und die Erzeugungsmethoden nicht weiter hinterfragen.

Wie gefährlich die bauernfängerischen Kampagnen seitens der Agrarindustrielobby sind, zeigte z.B. der aus Umfragewerten deutlich hervorgehende kurzzeitige Vertrauenseinbruch gegenüber Biowaren im Jahr 2010. In einer wahren Lawine meist unseriöser Gefälligkeitsstudien in 2009 und 2010 wurde behauptet, Biolebensmittel seien „nicht gesünder als konventionelle Ware“. Dabei wurden (selbst von der sonst integren Stiftung Warentest!) aber z.B. nicht einmal die Pestizidrückstände in konventioneller Ware berücksichtigt, ein eklatanter Mangel. Der Dioxinskandal sorgte nun dafür, dass die öffentliche Wahrnehmung über konventionelle und Bioerzeugung wieder zurechtgerückt wurde, und beschert der gesamten Biobranche (inklusive den Fleischerzeugern) einen beispiellosen Boom. Aber die Macht der Lebensmittel- und Agrarindustrie darf nicht unterschätzt werden: Man bedenke, dass die Lebensmittelkennzeichnung mit der „Ampel“ erst 2010 durch eine beispiellose Lobbyaktion gegenüber Abgeordneten des Europäischen Parlaments mit 1 Milliarde Euro gekippt wurde.

Die Methoden der Lobbyverbände sind oft banal aber effektiv: Sie führen vor allem durch massive, immer wiederholte Fehlinformationen, die über das Fernsehen, das Internet und die Printmedien verbreitet werden, Medienvertreter und Verbraucher gezielt in die Irre. Mit selektiven Zahlenspielereien werden z.B. offensichtliche Zusammenhänge wie die Regenwaldabholzung und Savannenzerstörung in Südamerika zur Feedlot- und Sojaanbauflächengewinnung für die industrielle Tiermast (auch in Europa) ignoriert. Vereinfachend werden die „schlechten alten Zeiten“ unhygienischer Tierhaltung in primitiven Stallungen mit den angeblich hygienischen modernen Massenställen verglichen – Antibiotikamissbrauch und Tierseuchenproblematiken (wie Vogel- und Schweinegrippe) sowie Verstümmelungen und Verhaltensstörungen bei den Tieren werden dabei natürlich vollständig ausgeblendet, genau wie die Möglichkeiten zu artgerechter Tierhaltung. Wahllos aus den Zusammenhängen gerissene Zahlen über den Rückgang der Unterernährung in der Welt werden auf das segensreiche Wirken der Fleischindustrie zurückgeführt.

Die Realität wird geschönt, damit die Konsumenten „guten Gewissens“ weiter wie bisher tierische Erzeugnisse im Übermaß verzehren. Viele Journalisten fielen in der Vergangenheit leider darauf herein und berichteten teilweise höchst unkritisch – vielleicht auch, weil sie selbst Verbraucher sind, und sich und ihrem Publikum die unbequeme Wahrheit („weiter wie bisher ist keine Option“) einfach nicht zumuten wollten. Dabei ist es gar nicht so schwer (und sehr gesund), ein paar Tage in der Woche auf Fleisch zu verzichten und auch den Konsum von Milcherzeugnissen einzuschränken.

PROVIEH wird den Medienvertretern und der Öffentlichkeit weiterhin durch solide Hintergrundinformationen sowie gezielte Kampagnenarbeit dabei helfen, die Lügen der Agrarindustrie über ihre Produktion in angeblich tierfreundlichen, sicheren Haltungssystemen schonungslos zu entlarven und Verbraucher besser über die wahren Zustände und Methoden in der industriellen Massentierhaltung informieren.

Sabine Ohm, Europareferentin


Beispiele für die jüngere Berichterstattungen über das unhaltbare System, in dem die Tiere als reine Produktionsfaktoren durch Verstümmelungen und Qualzucht rücksichtslos „passend“ gemacht und als Massenware abgefertigt werden finden sie unter folgenden Links:


Informationen über die o.g. Branchenverbände:

Zu den Mythen der Massentierhaltung hat PROVIEH ein Faktenblatt als Argumentationshilfe erstellt, das Sie hier abrufen können.