Wie leben glückliche Rinder? Ein Interview mit Mechthild Bening, die seit 18 Jahren erfolgreich robuste weiße Galloways züchtet.

01.12.2010: Die meisten der 12,8 Millionen deutschen Rinder leben im Stall. Um hohe Leistung zu bringen, bekommen sie außer Raufutter auch viel Kraftfutter. So können Bullen in nur 18 Monaten ihr Schlachtgewicht erreichen. Nur einige Rinder haben zumindest im Sommer Freilauf auf der Koppel. Als am tiergerechtesten – sofern fachgerecht betrieben – kann die ganzjährige extensive Freilandhaltung angesehen werden.

PROVIEH besuchte Mechthild Bening. Sie züchtet seit 18  Jahren erfolgreich Robustrinder der RasseBening_Galloway_9221_0 White-Galloway und hält sie ganzjährig in extensiver Freilandhaltung. Paradiesisch muten die weitläufigen Weideflächen an, von denen die Artgenossen in dunklen Ställen nur träumen können.

Frau Bening, welche Probleme sehen Sie in der konventionellen Rindermast? Was ist bei Ihnen anders? 

Ich versuche, meine Rinder so gut wie möglich Ihren natürlichen Bedürfnissen entsprechend zu halten. In der Natur leben Rinder ausschließlich vegetarisch – ein Grund für die lange und überwiegend friedvolle Historie des Zusammenlebens von Mensch und Rind. Rinder sind in der Lage, noch auf dem unfruchtbarsten Boden genug zum Überleben zu finden. Damit sind sie auch in Hungersnöten nie Nahrungskonkurrenten von Menschen geworden, und in nicht wenigen Kulturen galten Rinder als heilig.

Rinder werden sowohl als Zug- als auch als Herdentiere bezeichnet. Sie wollen sich also fortbewegen, und das am liebsten im Herdenverband. Und diese Freiheiten genießt meine Herde. Meine Tiere beweiden so große Flächen, dass sie von dem Aufwuchs das ganze Jahr über satt werden, denn ich gewinne auch das Heu für den Winter von den eigenen Flächen, was im ökologischen Landbau übrigens Vorschrift ist.  Allein durch diese Haltungsbedingungen ergibt sich eine natürliche Begrenzung der Tierzahl mit höchstens einer Kuh mit Kalb bei Fuß und Kalb vom Vorjahr pro Hektar Grasland.

Und wenn ich von Herde spreche,  dann heißt das, dass ein Bulle in der Herde ist und dass die Fortpflanzung auf natürlichem Weg erfolgt.  Die Kälber werden von den Müttern geführt und können bei diesen je nach Bedürfnis  nuckeln.  Übrigens spielt der Bulle mit den Kälbern und bringt ihnen die Grundlagen eines Rinderlebens bei.  Die  Kühe sind viel zu sehr mit der Nahrungsaufnahme für sich selbst, für das Kalb bei Fuß und für das ungeborene Kalb im Mutterleib beschäftigt.Galloways-Bebensee_IMGP0393_Axel-Loke

Probleme in der konventionellen Rindermast entstehen allein dadurch, dass das naturgemäße Verhalten der Rinder völlig negiert wird. So entstehen Tierschutzprobleme, wenn man diese so definiert, dass das Wohlbefinden eines Tieres umso größer ist, je artgemäßer es leben kann. Die weitaus bekannteren Probleme der konventionellen Rindermast sind die Umweltbelastung durch den riesigen Bedarf an importiertem Kraftfutter, so dass viel zu viel Gülle und Mist entstehen. Was das für negative Auswirkungen auf die Umwelt und das Klima hat, ist inzwischen hinlänglich gut bekannt.

Wie lösen Sie das Problem der langen Transporte zum Schlachthof?

Das ist für mich überhaupt kein Problem. Von Anfang an habe ich Ausschau gehalten nach einem kleinen Schlachtbetrieb, in dem ich auch bei der Schlachtung meiner Tiere dabei sein kann. Einen solchen Betrieb habe ich mit der Lohnschlachterei von Nicolaus von Holdt in Itzehoe gefunden, der übrigens auch Mitglied bei PROVIEH ist. Dass der Weg dorthin knapp 70 km beträgt, ist zweitrangig, denn meine Tiere kennen es ohnehin, ab und an zwischen den Koppeln hin und her gefahren zu werden, so dass sie sich ohne Angst und Stress auf den Hänger begeben. Den Transport führe ich natürlich selber durch, ich bin ihre Vertrauensperson, und es wäre absurd, wenn sie den letzten Weg allein zu gehen hätten.

Durch das BSE-bedingte Verbot des Rückenmarkzerstörers kommt es gelegentlich dazu, dass der Bolzenschuss allein zur Betäubung nicht ausreicht. Wie löst „Ihr Schlachter“ dieses Problem?

„Mein Schlachter“ hat seinen Beruf erlernt. Er führt Einzeltierschlachtungen durch, nicht Tötungen am Fließband. Das bedeutet, dass Herr von Holdt  jedes Tier beim Bolzenschuss beobachtet. Der Kopf des Tieres ist fixiert, und ein zweites Bolzenschussgerät liegt bei jedem Schlachtvorgang geladen bereit. Sollte es in seltensten Fällen dazu kommen, dass der erste Bolzenschuss nicht getroffen hat, so würde mit dem zweiten Gerät unmittelbar nachgeschossen werden. Die Sorgfalt braucht aber Zeit, Ruhe und Erfahrung, also Eigenschaften, von denen heute oft behauptet wird, dass man sie sich aus Kostengründen nicht mehr erlauben könne.

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Welchen Einfluss haben Haltung, Fütterung, Transport und Schlachtung Ihrer Erfahrung nach auf die Fleischqualität?

Ich denke, die Antwort auf diese Frage ergibt sich bereits aus dem Gesagten.  Fleisch ist Muskel, und sein Wachstum wird durch Bewegung gefördert. Durch die Futteraufnahme auf und von der Weide ergibt sich die Bewegung von selbst.  Bei ausschließlicher Ernährung mit Gras und Heu erfolgt das Wachstum allmählich und hält mit dem Knochenwachstum Schritt. Nur so kommt es zu der ausgewogenen Einlagerung von Fett und damit auch zur Entstehung der heute in aller Munde geführten „gesunden Fettsäure“, also der Omega-3 Fettsäure.

Der stressfreie Transport und die stressfreie Schlachtung sind von entscheidender Bedeutung. Anderenfalls wird das Fleisch übersäuert – der Schlachter sagt dann, es ist blau, so dass die Reifung nicht mehr erfolgen kann.  Fleisch, das in der Bewegung und bei naturgemäßer Ernährung entstanden ist, muss reifen. Das bedeutet bei „meinem Schlachter“, dass die Hälften etwa 3 Wochen abhängen, so dass sich die biochemischen Reaktionen entwickeln können, die für die Zartheit des Fleisches  unabdingbar sind. Gerade haben Fernsehköche und Medien für sich den Begriff „dry-aged-beef“ entdeckt, der nichts anderes bedeutet als die fach- und sachgemäße Methode der Fleischreifung, die wirkliche Fachbetriebe traditionell schon immer angewendet haben.

Wenn der Mensch seinen Tieren ein annähernd artgemäßes und unaufgeregtes  Dasein ermöglicht, und dieses bis zum letzten Atemzug, so belohnt ihn das Tier mit einem  „Lebens“mittel, das bis in die Mitte des vorigen Jahrhundert noch als überaus wertvoll galt. 

Das Interview führten Judith Handy und Kathrin Kofent

Fotos: Mechthild Bening