Ammenkuhhaltung – eine tiergerechte Variante zur mutterlosen Kälberaufzucht

15.12.2010: Die Milchviehwirtschaft ist durch das mehrfache Melken am Tag und die Kälbergeburten besonders arbeitsintensiv. Eine Kuh der modernen Hochleistungsmilchrassen gibt kurz nach der Kalbung so viel Milch, wie sie bequem für vier Kälber reichen würde. Diese Milchmenge nimmt in den Folgemonaten ab, so dass die Kuh schließlich trockengestellt und erneut künstlich besamt wird. Um die Milch für den Verkauf und damit für die menschliche Ernährung zu gewinnen, ist es üblich, die Kälber sofort nach der Geburt von ihren Müttern zu trennen und separat aufzuziehen („mutterlose Aufzucht“).

Die Milchviehbetriebe behalten nur die weiblichen Kälber und ziehen sie für die Ersetzung der natürlichen Abgänge ihres Kuhbestandes auf. Die männlichen Kälber verbleiben im Betrieb und werden bis zum schlachtreifen Bullen aufgemästet und dann vermarktet, oder sie werden sehr früh an spezialisierte Mast-Betriebe verkauft, müssen dann oft eine lange Lkw-Reise bis zum Mastbetrieb antreten und werden dort gemästet.

Die Schlachtkörper von Rinderrassen, die auf hohe Milchleistung gezüchtet werden, sind auf dem Fleischmarkt allerdings weniger gefragt und daher mit weniger Gewinn verkäuflich als die Schlachtkörper von Mastrinderrassen, die auf hohen Fleischanteil von guter Qualität gezüchtet werden. Eine Alternative wären sogenannte Zweinutzungsrassen, die Milch und Fleisch von guter Qualität liefern wie z.B. im Fall des Schwarzbunten-Milchrinds (SMR), das in der ehemaligen DDR gezüchtet wurde. Mittlerweile hat man wieder erkannt, dass eine derartige Doppelnutzung einer Rinderrasse durchaus eine Alternative zur Spezialisierung in nur eine Produktrichtung darstellt.

Alte Kulturrinderrassen erfüllten früher dreierlei Nutzen: neben dem Fleisch und der Milch erbrachen sie auf dem Feld noch „Arbeitsleistung“ (Dreinutzungsrassen).

Die Ammenkuhhaltung

Bei der Ammenkuhhaltung werden die Kälber der Milchkühe einer Ersatz-Mutter (Amme) zugeteilt, 162108_R_K_by_Klaus-Peter-Wolf_pixelio.dealso einer Kuh, die neben ihrem Kalb weitere Kälber aufzieht.  Auch Kühe, die ihr Kalb verloren haben, können ausschließlich fremde Kälber aufziehen. Kühe der Milchrassen sind in der Lage, als Amme bis zu vier Kälber aufzuziehen.

Rinder bilden eine intensive Mutter-Kind-Bindung, so dass fremde Kälber nicht von allen Kühen beim Säugen geduldet werden. Normalerweise findet nach der Geburt durch das Trockenlecken und Beriechen des Kalbes die Prägung der Kuh auf ihr Kalb sofort statt. Daher ist es nicht einfach, Ammenkühe zu finden, die fremde Kälber dulden. Der Tierhalter muss für diese Haltungsform also Motivation und Erfahrung aufweisen. Es ist auch möglich, in einem Betrieb die Kühe im Wechsel als Milchkuh und Amme zu nutzen, wenn die Kühe hierfür geeignet sind. Diese Form der Rinderhaltung wird jedoch nur von wenigen spezialisierten Betrieben oder im Nebenerwerb mit wenigen Kühen je Betrieb betrieben.

Es gibt spezialisierte Ammenkuh-Betriebe, die die Kälber anderer Betriebe übernehmen. Kleine Altersunterschiede unter den Kälbern einer Amme bereiten fast nie Probleme. Die Kälber stehen ein bis zwei Jahre mit der Amme im Stall oder auf der Weide und sollten auch gemeinsam zum nahegelegenen Schlachthof gebracht werden.

Ammenkuhhaltung ist ein extensives, tierschonendes Verfahren, das nur wenig wirtschaftlichen Gewinn bringt. Somit ist wieder der Verbraucher gefragt, diese schonende Haltungsform durch den Kauf von ökologisch zertifizierten und direkt vermarkteten Produkten zu unterstützen, um nicht hohe Milchquoten zu subventionieren, die zur Herstellung von massenhaften Billigstprodukten führen. Der Verbraucher muss also bereit sein, für tierische Produkte angemessene Preise zu bezahlen. Nur so können Betriebe mit schonender Tierhaltung für den Markt produzieren.

Jeder Verbraucher hat das Recht nachzufragen, ob Milchkühe auf der grünen Wiese stehen, wie dies auf Milchproduktverpackungen oft dargestellt wird, und was mit den Kälbern geschieht, deren Geburt den Milchkonsum erst ermöglicht. Wer Zweifel hat, sollte sich „seinen eigenen Bauern“ suchen, der seine Tiere schonend hält, und von diesem seine Fleisch- und Milchprodukte kaufen.

Marianne Weirich

PROVIEH - VgtM e.V., Regionalvertretung Ostwestfalen-Lippe

Foto: Klaus Peter Wolf/ www.pixelio.de


Verbraucherhinweis:

Besonders Vegetarier sollten sich mit dieser Thematik auseinander setzen. Für jede Eiscreme, Pizza, Pasta, Gebäckteile u.v.a.m. werden Milchprodukte genutzt. Konventionelle Milchinhaltstoffe bzw. Zutaten (Molkepulver, Butterreinfett, Käse etc.) sollte ein Tierschützer ablehnen. Bei dem großen Angebot an Bio-Produkten, auch an Fertiggerichten, Schokolade, Desserts u.v.a.m., stellt das kein Problem mehr dar. Im Restaurant oder bei Feierlichkeiten muss man im Zweifelsfall einfach alles vegan bestellen, da tierische Produkte aus nachweislich artgemäßer Erzeugung leider immer noch sehr selten sind (auch beim obligaten ‚Kaffee + Kuchen’ z. B. im Bekannten- oder Kirchenkreis).