Die Kuh ist der falsche Sündenbock in der Klimadebatte

17.12.2010: Massentierhaltung ist nicht nur tierquälerisch, sie ist auch umwelt- und klimaschädlich. Daran besteht heute überhaupt kein Zweifel mehr. Die Weltagrarorganisation FAO hatte im November 2006 eine viel beachtete Studie über die vielfältigen negativen Auswirkungen der Nutztierhaltung veröffentlicht.

PROVIEH griff die Befunde zum Zusammenhang von Massentierhaltung, Umwelt- und Klimaschutz als erste Tierschutzorganisation im Sommer 2007 auf. Wir sendeten unser Positionspapier an die Medien und Abgeordnete des Bundestags und des Europaparlaments und forderten eine Diskussion ein – zunächst ohne Resonanz. Niemand wollte das heiße Eisen anpacken und die Landwirtschaft in die Debatte um den Klimawandel hineinziehen. Zu mächtig schien die Agrarindustrielobby. Doch unzählige Analysen und Studien zeigen seither eindrucksvoll: Ohne Änderungen in der Landwirtschaft können wir weder den Klimawandel noch den Artenverlust aufhalten oder Böden und Gewässer in einem für kommende Generationen brauchbaren Zustand erhalten. Inzwischen ist die Diskussion in Fahrt gekommen. Besonders die Rinder werden als Klimakiller gebrandmarkt. Zu Recht?

Weltweit leben zwei Drittel der Rinder, Kühe, Schweine und Hühner in industrieller Massentierhaltung. Sie bekommen Kraftfutter, das zu großen Teilen aus Soja, Mais und Getreide besteht. Dafür sollen sie maximale Leistung erzielen, gemessen in Milchgabe pro Jahr, Gewichtszunahme pro Tag, Zahl der gelegten Eier pro Jahr und Zahl geworfener Ferkel pro Jahr. Nicht in die Kostenrechnung einbezogen wird, dass diese Intensivtierhaltung (gelegentlich als Intensivveredlung bezeichnet) zu einem Raubbau an der Natur und zu einer katastrophale Umwelt- und Klimabilanz führt. Die globalen Konsequenzen sind unübersehbar: Regenwälder müssen immer neuen Sojaanbauflächen weichen, immer mehr und immer giftigere Herbizide werden gegen immer resistentere Unkräuter in den Soja- und Maismonokulturen eingesetzt, und allein im letzten Jahr wurden weltweit über 35 Millionen Tonnen Phosphat als Kunstdünger verwendet, ohne den die Monokulturen nicht gedeihen können. Das hat immense Folgen für das Klima und die Umwelt: Der Phosphatabbau hinterlässt vegetationslose, karge Landschaften, und durch die Mineraldüngerherstellung und -ausbringung werden große Mengen Klimagase freigesetzt.

Dennoch heißt es oft vorschnell, vor allem die Rinder seien innerhalb der Landwirtschaft hauptverantwortlich für den Klimawandel, weil sie bei der Verdauung klimaschädliches Methan ausstoßen, das 23mal klimaschädlicher als CO2 ist. In dieses Horn stieß jüngst auch der SPIEGEL 42/2010 vom 18. Oktober 2010 mit seinem Artikel „Das Rülpsen der Rinder“. Bei einer derart verengten Diskussion bleiben, ob gewollt oder nicht, die eben angeführten Missstände und Folgen der industriellen Landwirtschaft weitgehend außer Acht.

Eine unheilige Allianz aus Agrarindustrie, ihren politischen Freunden und industrienahen Wissenschaftlern propagiert sogar, Milchrinder auf noch mehr Hochleistung zu trimmen, damit der Klimagasausstoß pro Liter Milch sinkt. Nicht bedacht wird hierbei, dass die Hochleistung nur durch die Verfütterung von viel Kraftfutter erreicht werden kann, dessen massenhafter Anbau u.a. das Klima schädigt. Zudem leiden die Hochleistungsmilchkühe schon jetzt an ihren zu großen und zu schweren Eutern, die häufig zu Euterentzündungen, Lahmheit und Verkrüppelung führen. Deshalb schaffen diese Kühe im Schnitt nur noch 3,5 Kälbergeburten, so dass ihre „Nutzdauer“ und Lebensleistung gesenkt werden. Das verschlechtert die Klimabilanz noch mehr, wie im Buch von Anita Idel, „Die Kuh ist kein Klimakiller“, nachzulesen ist, das im Dezember 2010 erscheint.

Wer es mit dem Klima ernst meint und die Bilanz gegenüber den Tieren, unserer Umwelt und unserer Gesundheit verbessern will, der sollte den Verzehr vor allem von Fleisch und Milcherzeugnissen einschränken. Weniger und dafür qualitativ höherwertige Waren aus tier- und umweltschonender Erzeugung sind ein vernünftiger Weg dahin. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung rufen die Einwohner der Industrieländer schon seit Jahren zu Mäßigung auf, weil zu viele gesättigte tierische Fette im Essen eine der Hauptursachen für die meisten Zivilisationskrankheiten sind. Doch von einer solchen Mäßigung sind wir Deutschen noch weit entfernt.

Fazit: Kühe und Rinder werden zu Unrecht als Sündenböcke in der Debatte um die Verbesserung der Klimabilanz der Landwirtschaft bemüht. Bei extensiver Haltung können Wiederkäuer sogar positiv auf die Speicherung von CO2 im Weideland wirken. Außerdem sind Rinder – anders als Schweine und Hühner – keine direkten Nahrungsmittelkonkurrenten des Menschen, weil sie mit Hilfe Ihrer Pansenbakterien selbst minderwertige pflanzliche Substanz in hochwertige tierische Proteine verwandeln können. Damit waren und sind sie ein wichtiger Lieferant für Nahrungsmittel, gerade auch in bevölkerungsreichen Ländern mit ärmeren Böden, die nicht für den Ackerbau taugen.

Also lassen wir bitte die Kirche im Dorf und die Kuh auf der Weide, wo wir ihr möglichst wenig Kraftfutter zufüttern. Mit der Abschaffung der industriellen Massentierhaltung insgesamt wäre dem Klima-, Tier-, Arten- und Umweltschutz am meisten gedient!

Sabine Ohm, Europareferentin