Puttelchen kommt nach Hause

Vorlesegeschichte für Kinder von 6 bis 10 Jahren

„Puttelchen!“ Da war sie wieder, diese zärtliche Stimme. Die kleine Henne hörte sie immer mit geschlossenen Augen.

Sobald sie aber die Augen öffnete, war sie wieder in ihrer grausamen Realität. Sie hockte in einem Henne_mit_Kueken-Molfsee_Stefan-Johnigk_proviehkleinen Drahtkäfig bei immerwährendem Licht. Um sie herum der tosende Lärm von Tausenden armer Mitgefangenen. Sie alle waren in kleinen Käfigen eingesperrt. Alle sahen zum Erbarmen aus. Aus Verzweiflung hatten sich viele die Federn ausgerissen. Ihre Kämme, von Natur aus leuchtend rot, waren blaß, und bei vielen sah das rohe Fleisch aus den Federn. Niemand kümmerte sich um ihre Bedürfnisse. Sie konnten niemals Scharren, nicht auf Stangen sitzen, nicht im Sand baden oder über eine Wiese rennen. Sie waren dazu verdammt, Eier zu legen. Viele von ihnen starben früh und wurden dann einfach eingesammelt. Sie alle hatten keine Mutter, sondern waren von Brutmaschinen ausgebrütet worden.

Puttelchen aber hatte eine Mutter. Sie konnte sich ganz vage an sie erinnern. Dann aber musste etwas geschehen sein, das sie in diese Legebatterie gebracht hatte. Die kleine Henne schaute zu ihren Nachbarinnen, die apathisch in ihren Käfigen hockten.

Puttelchen wollte sich aber nicht in dieses Schicksal ergeben. Sie wusste, es gab etwas Besseres als den Tod. Sie mußte fliehen. Täglich wurde die Scheunentür geöffnet und ein Mensch kam zum Füttern und Reinigen. „Ich werde fliehen, wenn das Tor der Scheune geöffnet ist und die Käfige gereinigt werden – kommt ihr mit?“ Die Hennen sahen sie mit matten Augen an. „Versuch es, Puttelchen, solange Du es kannst. Wir können es nicht mehr, denn von dem langen Hocken auf dem Draht sind unsere Beine schon so schwach, dass wir nicht mehr laufen können. Wir schaffen das nicht mehr.“

Als die Tür geöffnet wurde, fiel von draußen helles Tageslicht ein und ein Hauch frischer, süßer Luft zog durch die stinkende Halle. Puttelchens Körper straffte sich. Ihr Herz schlug fast zum Zerbersten. Jetzt würde sie es wagen. Die Käfigtür öffnete sich, und die kleine Henne ließ sich zu Boden fallen und rannte an dem Menschen vorbei hinaus. Der Mensch hatte sie nicht einmal bemerkt. Das kleine Huhn lief und lief, bis es nicht mehr konnte. Unter einem dichten Busch ließ es sich erschöpft nieder.

Jetzt erst nahm Puttelchen ihre Umgebung wahr. Das musste das Paradies sein. Noch nie hatte sie den blauen Himmel gesehen; noch nie den Sand und das weiche Gras unter den Füßen gespürt; noch nie dieses sanfte Rauschen der Blätter gehört, das wie wunderbare Musik klang. Verzückt lauschte sie dem Gesang der Vögel und atmete wie berauscht die süße Luft ein. Sie wurde so müde von all diesen neuen Eindrücken, dass sie einschlief. Sie hörte nur noch die Stimme ihrer Mutter: „Puttelchen, du hast es geschafft!“

324655_R_B_by_Thomas-Max-Mueller_pixelio.deAls sie aufwachte, sah sie in die runden, goldenen Augen einer Henne. So ein schönes Huhn hatte Puttelchen noch nie gesehen. Die Federn glänzten wie Gold an der Brust, der rote Kamm knickte keck nach rechts. Die Flügel und Schwanzfedern waren wie schwarz lackiert, die Füße gelb-orange, genau wie der Schnabel. Da stand sie stolz und selbstbewußt, und um sie herum zwitscherten lauter kleine gelbe flaumige Bällchen auf winzigen Beinchen mit kleinen schwarzen Augen und winzigen gelben Schnäbeln.

“Puttelchen, mein Puttelchen, du hast es geschafft“, sagte das schöne Huhn. „Endlich habe ich dich wieder.“ Die kleine Henne erkannte die zärtliche Stimme ihrer Träume. „Mama?“ flüsterte sie. Ja, ich bin deine Mama, und die kleinen gelben Bällchen sind deine Geschwister. Als du so klein warst wie sie, habe ich dich verloren und mein Leben lang gesucht. Und jetzt habe ich dich endlich wiedergefunden. Komm mit uns, Puttelchen. Wir leben bei guten Menschen auf einem schönen Hof. Wir haben unser eigenes Haus, genug zu Essen und zu Trinken und vor allem viel Freiheit. Es erwartet dich ein schönes Hühnerleben. Puttelchen seufzte tief auf und lief neben ihrer Mutter in einen neuen Tag.

Janet Strahl