Puttelchens neues Hühnerleben

Nach ihrer geglückten Flucht aus der entsetzlichen Legebatterie war Puttelchen nur erschöpft und müde. Sie schlief fast die ganze Zeit in einem weichen Nest aus Heu und Stroh. Mehrmals am Tag kam eine liebevolle Frau: Sanfte Händen streichelten ihr zerrupftes Gefieder und eine Stimme redete beruhigend auf sie ein. Die Frau brachte ihr köstliches Essen wie süßes eingeweichtes Brot, zerquetschten Mais, Weizenkörner und kleingehackte würzige Kräuter. Immer stand ein Napf mit kühlem, sauberem Wasser für sie bereit. Zum ersten Mal in ihrem Leben lernte die kleine Henne das Gefühl von Liebe, Geborgenheit und Sicherheit kennen.

Am liebsten wäre sie für immer in diesem kuscheligen Nest sitzen geblieben. Ab und an kamen auch die anderen Hühner und blickten sie mit sorgenvollen, mitfühlenden, aber auch bewundernden Augen an.

Endlich_Sonne_spueren_Stefan-JohnigkNach einer Woche fühlte sich Puttelchen stark genug, um das Nest zu verlassen. Sie war allein in einem großen hellen Raum. Neugierig sah sie sich um. Der Boden war mit sauberem Stroh bestreut und überall luden Stangen und Leitern aus Holz zum Sitzen ein. Es gab Näpfe mit Futter und klarem Wasser. Kleine Holzkisten, mit Stroh gepolstert, waren zum Teil schon mit Eiern angefüllt. Durch eine geöffnete Luke schlüpfte Puttelchen nach draußen. Im Freien war sie fast geblendet von dem Sonnenschein. Es herrschte Mittagsruhe auf dem Hof. Die kleine Henne lief noch ein paar Schritte und fand eine große Mulde mit warmem feinem Sand. Sie legte sich hinein und nahm das erste Sandbad ihres Lebens. Sie breitete ihre Flügel aus und wälzte und ruckelte und schüttelte sich in dem sonnendurchwärmten weißen Sand. Ein Gefühl von Lebensfreude und Glück durchflutete sie.

Nach ihrem ausgiebigen Sandbad fühlte sich die kleine Henne kräftig und stark und begann eifrig im Sand zu scharren. Als sie aufblickte, sah sie eine vielköpfige Hühnerschar auf sich zu kommen. Vorweg schritt stolz und kühn ein großer Hahn. Sein buntes Gefieder glänzte in der Sonne. Seine Federn schillerten in herrlichen Farben. Mit jedem seiner kraftvollen Schritte wippten seine prachtvollen roten und dunkelgrünen Schwanzfedern. Ehrfurchtsvoll sah Puttelchen den Hühnern entgegen.

482126_R_K_by_Silke-Kaiser_pixelio.de„Ich bin Luigi“, stellte der Hahn sich vor. „Und ich bin Johanna, die Alphahenne“, sagte ein großes, weißgrau gesprenkeltes Huhn. „Wir freuen uns, dass du dich so gut erholt hast, Puttelchen, und wir alle bewundern dich für deinen Mut und deine Tapferkeit.“  „Seht mal wie hübsch Puttelchen geworden ist“ rief eine schwarzgefiederte Henne. Puttelchens Gefieder war dicht und lockig geworden. Die Federn hatte eine Farbe wie Zimt und an den Spitzen waren sie weiß. „Puttelchen, du bist eine wunderschöne Henne geworden“, sagte Johanna, „aber du musst noch viel lernen. Die Freiheit, die wir hier haben, hat auch ihren Preis. Halte dich immer an unsere Regeln und laufe nie von der Schar weg. Es lauern viele Gefahren, wie der Fuchs oder der Habicht. Wir alle haben großes Glück mit unserem Luigi. Er ist der beste Beschützer, den man sich vorstellen kann. Luigi würde für jede von uns sein Leben lassen.“ Liebevoll blickte Luigi die kleine Henne an und sagte: „auch für dich, Puttelchen“.

„Danke, Luigi, und danke euch allen, die ihr mich so lieb aufnehmt“, entgegnete Puttelchen. „Ich wäre das glücklichste Huhn auf Erden, wenn ich nur nicht immer an die Millionen Hühner denken müsste, die in ihren Käfigen dahin vegetieren – da, wo ich herkomme. Was kann man nur dagegen tun?“ „Die Lösung wäre ganz einfach“, sprach Luigi. „Die Menschen, denen ihr eure Eier schenkt, dürfen die Eier aus den Legebatterien einfach nicht mehr kaufen. Aber bis dahin ist es wohl noch ein weiter Weg.“

Janet Strahl