Puttelchens erstes Weihnachten

Es war eine sternenklare, kalte Nacht. Im Hühnerstall aber war es wohlig warm. Auf dem Boden lag eine dicke Schicht duftenden Heus. Die Fressnäpfe waren mit goldgelbem Mais und prallen Weizenkörnern gefüllt.

Geborgenheit_bei_mitfuehlenden_Menschen_finden-Puttelchens_Weihnachtswunsch_fuer_alle_Legehennen-Karin_Mueck-Stifung_ButenlandAuf den Sitzstangen hockten dicht aneinander gekuschelt die Hühner. Puttelchen saß am Fenster  und schmiegte sich an seine Mama. Die junge Henne war einfach nur glücklich. Ab und an hörte man ein sanftes „Groooh“ der Hühner, und einige sangen sich mit ihrem ganz eigenen Lied in den Schlaf. Puttelchen schaute aus dem Fenster in eine verzauberte Welt. Die Bäume sahen aus, als wären sie mit Millionen kleiner Diamanten überschüttet worden. Sie funkelten und blitzten mit den Sternen um die Wette, die zu Tausenden am klaren Winterhimmel standen. „Das ist Raureif“ hatte das Alphahuhn Puttelchen erklärt. Das Allerschönste aber war eine riesige Tanne, die mitten auf dem Hof stand und mit Dutzenden bunter Lichter geschmückt war.

Puttelchen konnte sich gar nicht sattsehen. Luigi, der kühne, stolze Hahn, saß auf der obersten Sprosse der Hühnerleiter und überblickte seine Hühnerschar. „Wisst ihr, dass wir heute Nacht eine ganz besondere Nacht haben?“, fragte er. „Heute Nacht wurde Gottes Sohn geboren, und morgen ist Weihnachten, das höchste Fest der Menschen. Der Gottessohn wurde in einem Stall geboren, und seine Eltern, Maria und Joseph, nannten ihn Jesus. Er verkündigte den christlichen Glauben, einen Glauben des Mitgefühls und der Nächstenliebe.“

Bei diesen Worten verdunkelten sich Puttelchens runde, goldene Augen. Da war er wieder, der schreckliche Albtraum. Sie sah sie wieder vor sich, die unzähligen Hühner in der entsetzlichen Legebatterie, aus der sie geflüchtet war. „Luigi, ich verstehe das nicht. Wie kann das ein Glaube der Liebe und des Mitgefühls sein, wenn die Menschen uns so schlecht behandeln?“ Luigi blickte sie aus seinen klugen Augen an und sagte: „Darauf habe ich auch keine Antwort, Puttelchen.“ Auf einmal wurde es still, und im Stall herrschte eine bedrückte Stimmung.

„Hört ihr das auch?“, fragte Johanna, das Alphahuhn. Alle lauschten angestrengt.  Ja, jetzt hörten Huehner_am_Fenster-Karin_Mueck-Stifung_Butenlandsie es auch. Aus der Ferne drang leises Gackern und Singen zu ihnen. Der Gesang wurde lauter und lauter, und dann sahen sie es: Eine riesige Hühnerschar kam auf den Hof zu. Jetzt konnte Puttelchen sie erkennen. Es waren die armen zerrupften und apathischen Hennen aus der Legebatterie. Wie viel Kraft musste es sie gekostet haben, diesen weiten Weg zum Hof zurückzulegen! Nun hatten alle Hühner im Stall mitbekommen, was draußen vor sich ging, und sie drängten sich aufgeregt gackernd an die Fenster. Sie sahen, wie die Menschen vom Hof nach draußen eilten und die Scheunentore öffneten, so dass die vielen Hühner hineinlaufen konnten. Hier seid ihr in Sicherheit, dachte Puttelchen, und drückte sich ganz fest an seine Mama.

Janet Strahl