Puttelchen wird Mutter

„Wie gefällt dir diese Stelle?“ Hoffnungsvoll schaute Luigi, der stolze Hahn, die kleine Henne an. Er hatte ihr nun schon etliche Nistplätze gezeigt, aber  Puttelchen war sehr wählerisch und hatte immer wieder abgelehnt. Diese Mal aber leuchteten ihre Augen auf. „Das ist genau die richtige Stelle, Luigi. Hier werde ich meine Eier ausbrüten.“

Seit einiger Zeit hatte sie einen Heißhunger auf eiweißhaltige Nahrung gehabt und sich bei der Futtersuche und auch sonst immer mehr von den anderen Hühnern entfernt. „Puttelchen, du, wirst Mutter!“ hatten ihr die anderen Hühner erklärt. Nun war es soweit. Eilfertig schleppte Luigi Stroh herbei und begann, ein Nest zu bauen. Probehalber setzte er sich schon einmal rein und formte so Henne_mit_Kueken_Molfsee_Stefan-Johnigk_provieh-016eine weiche kuschelige Mulde. „Danke, Luigi, nun geh aber zu den anderen Hühnern, ich möchte jetzt alleine sein.“

Die kleine Henne legte in den darauf folgenden zehn Tagen zehn wunderschöne hellbraune Eier, alle von der gleichen Größe und ovalen Form in ihr Nest. Dann setzte sie sich etwas aufgeplustert auf das Gelege. Ihre Körpertemperatur war leicht gestiegen und so hielt sie geduldig ihre Eier warm. Nur einmal am Tag stand sie auf, um etwas zu essen und zu trinken.

Während sie so auf ihren Eiern saß, gingen ihre Gedanken zurück in ihre Vergangenheit. Da war wieder der schreckliche Alptraum. Sie roch den entsetzlichen Gestank und sah sich und all die anderen Hühner in den kleinen Käfigen sitzen. Sie sah die verkrüppelten Füße, das ausgerupfte Gefieder, durch welches das Fleisch schimmerte, und die müden, hoffnungslosen Augen ihrer Mitgefangenen. Nie würde sie diese grauenvolle Legebatterie vergessen können. Nur durch ihre mutige Flucht war sie einem fürchterlichen Schicksal entgangen.

Plötzlich hörte sie ein zaghaftes, leises „Piep!“. Puttelchen lauschte angestrengt. Es könnte das Stimmchen ihres ersten Kindes sein. 21 Tage saß sie nun schon auf den Eiern. Jetzt hörte sie ganz deutlich aus mehreren Eiern ein leises Piepen, das in ihren Ohren wie zarte Musik klang. Jetzt war es soweit. Bald würde das erste Küken aus dem Ei schlüpfen. Puttelchen wusste, dass ihren Kindern eine schwierige Aufgabe bevorstand.

Noch lagen die kleinen Wesen mit eng am Körper liegenden Füßchen im Ei, das Köpfchen unter den rechten Flügel gesteckt. Am dicken Ende des Eis ist eine Luftblase unter der Schale. Dorthin zeigen Füße und Brust, wenn das Küken normal liegt. Zum Schlüpfen zieht das Küken seinen Kopf unter dem Flügel hervor. Mit dem Eizahn, einem hornigen Höcker auf dem Schnabel, bricht es die Eierschale von innen auf. Dabei stemmt es sich mit aller Kraft mit den Füßen gegen die Schale, um seiner Kopfarbeit ordentlich Nachdruck zu verleihen. Das strengt an und so muss es immer wieder Ein_Kueken_sonnt_sich - PROVIEHPause machen, um sich von der Plackerei zu erholen.

Puttelchen wünschte sich sehnlichst, dass alle ihre Kinder es schaffen würden, sich aus den Eiern zu befreien. Ihr Wunsch war nicht vergeblich: Als das erste Küken sich freigestrampelt hatte, folgten ihm nach und nach all die anderen. Wie stolz und glücklich war Puttelchen, als sie ihre entzückenden Federbällchen sah! Es waren sechs gelbe und vier  schwarze Küken, mit kleinen schwarzen Augen und flauschigen Flaum.

Schon am nächsten Tag ging sie mit ihnen auf Entdeckungsreise. Es war ein milder Frühlingstag und die Sonne schien warm vom blauen Himmel. Genau richtig für den ersten Ausflug. Liebevoll mit einem anheimelnden „Gluck, gluck!“ führte Puttelchen ihre kleine Schar auf den Hof. Sorgfältig achtete sie darauf, dass die Kleinen nicht durch feuchtes Gras liefen und machte sie auf kleine Leckereien aufmerksam. Alle anderen Hühner blieben in respektvoller  Entfernung und bewunderten die kleine Henne mit ihren niedlichen Küken.

Janet Strahl