Nachts alleine im Wald

Unkas, der kleine Araucanerhahn stolzierte majestätisch über den Hof. Seine Vorfahren kamen aus Südamerika. Er war etwa so groß wie eine Junghenne und konnte ohne weiteres ein paar Meter richtig fliegen.

Sein Halsgefieder glänzte wie Gold und ging dann in ein tiefes Rot über. Wie alle Araucanerhühner hatte er keine langen Schwanzfedern. Seine kräftigen Beine waren mit imponierenden Sporen ausgestattet. Er war ein sehr schöner stolzer Hahn. Von Luigi wurde er wegen seiner geringen Größe geduldet und die Hennen übersahen ihn oft. Unkas belastete dies nicht. Er hatte ein gutes Selbstbewusstsein. Gerade war er emsig dabei im Wäldchen fette Würmer zu suchen, um diese dann Puttelchen anzubieten, die sich ihm ab und an widmete. Bei seiner Suche vergaß er ganz, dass es schon Herbst war. Die Dunkelheit  setzte schon früh ein. Unkas scharrte und pickte im weichen Waldboden und genoss den warmen feuchtmoosigen Duft des Bodens. Alle anderen Hühner waren zum Schlafen in den Hühnerstall gegangen. Die Menschen vom Hof hatten das Fehlen des kleinen Hahns nicht bemerkt und den Stall wie jeden Abend fest verschlossen. Unkas pickte und scharrte noch immer im Wäldchen. Plötzlich bemerkte er die einbrechende Dunkelheit. Genau wie die anderen Hühner konnte auch Unkas im Dunkeln sehr schlecht sehen. Um ihn herum raschelte der Wind in den Blättern. Von Ferne hörte er ein Käuzchen rufen. Die alten Bäume knarrten und seufzten im Wind. Uncas-der_kleine_Araucanahahn_owtscharkas_deNebel zog vom Boden auf und tauchte das Wäldchen in eine fremde, unsichtbare Welt. Am Himmel stand die Sichel des Mondes und graue zerfetzte Wolken zogen ihre Bahn. Unkas wurde es unheimlich. Er wusste, er musste so schnell wie möglich nach Hause, aber wie? Er konnte die Umgebung kaum noch erkennen. Sein Herz schlug heftig. Er fühlte sich beobachtet und dachte an den Fuchs der nachts der Herrscher des Waldes war. Panik kroch in Ihm hoch. Dann sah er ihn. Grüne funkelnde Augen – der Fuchs zum Sprung bereit. Blitzschnell und  panisch erschrocken flatterte der kleine Hahn so hoch er eben konnte auf den Baum vor ihm. Er zitterte am ganzen Körper und konnte sich kaum auf dem dünnen Ast halten, welcher sich verdächtig zum Boden neigte. Unter ihm sah er den Fuchs der mit gefletschten Zähnen nach ihm schnappte. Vor Schreck flatterte Unkas auf den nächsthöheren Ast der Birke, aber der war viel zu dick, um ihm richtigen Halt zu bieten. Lange würde das nicht gut gehen. Bitte, bitte geh doch fort, flehte Unkas. Schreckliche Bilder zogen vor seinen Augen vorbei. Nicht nur der Fuchs war ein gefährlicher Feind auch Marder und Greifvögel könnten ihn töten.

Nach einer für Unkas unendlichen Zeit wurde es Meister Reinecke doch zu langweilig unter dem Baum und er beschloss sich seine Beute an einer anderen Stelle zu suchen. So schnell wie möglich flatterte Unkas vom Baum und rannte instinktiv zu seinem Hühnerstall, aber der war verschlossen. In seiner Not lief Unkas weiter zum Pferdestall. Er wusste da war ein kleiner Schlupf für die Katzen. Unkas war vollkommen außer Atem und sein Herz schlug wie wild, als er den Stall erreichte. Schnell schlüpfte er durch das Katzenloch in Sicherheit. In dem nach Heu und Stroh duftenden Stall schliefen die Pferde. Moritz ein alter weißer Wallach, der auf einem Auge erblindet war, aber seine alten Tage auf dem Hof noch sehr genoss. In der anderen Box schliefen Lucky, eine Schimmelstute und Molly, ein zauberhaftes Shetlandpony. Molly, die immer sehr wachsam war, bemerkte den kleinen Hahn, der zitternd und schwer atmend vor ihrer Box stand. Unkas, komm doch zu uns forderte sie ihn auf. Das ließ sich der Hahn nicht zweimal sagen. Hurtig flatterte er in die Pferdebox und landete  in einem Heuhaufen.

„Morgen werde ich allen von meinem Abenteuer erzählen“ dachte Unkas noch und niemals wieder zu spät nach Hause kommen. Dann fiel er in einen tiefen traumlosen Schlaf.

Janet Strahl