Eine traurige Begegnung

Es war früh am Morgen. In den Hühnerstall fiel das erste fahle Licht. Puttelchen saß auf ihrer Stange und riss erschrocken die Augen auf. Da war er wieder gewesen, der schreckliche Alptraum. Sie hatte in dem kleinen Drahtkäfig gehockt und in die trüben hoffnungslosen Augen ihrer Mitgefangenen gesehen. Wie froh war sie nun, dass es nur ein Traum war. Neben ihr auf der Hühnerstange saßen zwei wunderschöne Hennen. Sie gehörten zu der Rasse der Ostfriesischen Möwen. Die Farbe ihres Gefieders war silbern mit dunkler Flockung. Mit ihrem schlanken Körperbau und den langen schmalen Beinen sahen sie einer Möwe recht ähnlich. Puttelchens Blick schweifte über die bunte Hühnerschar. Da gab es die Königsbergerinnen mit ihrem vornehmen schiefergrauen Gefieder. Die großen kräftigen Australorps glänzten in changierendem Schwarzgrün, und dazwischen saßen Sperberhühner und Amrocks. Sie alle sprachen in verschiedenen Dialekten. Nach und nach wachten alle auf. Sie schüttelten sich und plusterten ihr Gefieder auf und Luigi krähte mit kräftiger Stimme.

Ostfriesische_Moewen_Janet-Strahl_P1020784„Puttelchen wollen wir beide einen Spaziergang über den Hof machen?“, fragte die schöne Ostfriesische Möwe. „Gerne“ antwortete Puttelchen, und schon schlüpften die beiden Hennen durch die Tür ins Freie. Auf dem Hof war es noch sehr still. Die beiden nahmen zuerst ein ausgiebiges Sandbad, dann stellten sie sich auf die Zehenspitzen schlugen ihre Flügel aus und reckten und streckten sich. Zwischendurch pickten sie kleine Leckerbissen auf. „Schau mal, da drüben grast eine Gruppe Hühner, denen wir hier noch nie begegnet sind. Das müssen Neue sein, oder kennst du sie?“, fragte Puttelchen. Die Ostfriesische Möwe schüttelte mit dem Kopf. „Komm wir begrüßen sie.“ Die Hennen liefen aufgeregt zu der kleinen Herde.

Plötzlich hielten sie inne und sahen sich entsetzt an. Was sie da sahen, jagte ihnen einen Schauer über den Rücken. Alle diese Hühner sahen grotesk aus. Die Spitzen ihrer Schnäbel waren abgeschnitten, so dass sie nur sehr schwer Körner aufpicken konnten, und es war ihnen auch kaum möglich, ihr Gefieder zu putzen und zu pflegen.  Es war ein so trauriger Anblick, dass er beide Hennen tief berührte. „Was ist denen Grausames passiert?“ fragten sie sich. Beide wussten sie doch, dass gerade die Spitze des Schnabels ein äußerst wichtiges und empfindsames Tastorgan ist. Jetzt hatten die beiden Hennen die kleine Schar erreicht. „Hallo, warum seid ihr so grauenvoll verstümmelt, was hat man euch nur angetan?“ Puttelchen war voller Mitgefühl.

Eine der Hennen ging auf Puttelchen zu und lispelte schwer verständlich: „Uns hat man als kleine Küken in eine Maschine gesteckt, die uns die Schnäbel abgeschnitten hat. Den Schmerz werden wir nie vergessen. Einige von uns sind fast verblutet. Dann sind wir alle in eine riesige Halle gekommen. Wir hatten kaum Platz, und nur damit wir uns unter diesem Stress nicht gegenseitig die Federn ausreißen, hat man uns so verstümmelt. Das nennen die Menschen Bodenhaltung. Wir sind sechs Leidensgenossinnen und konnten uns befreien. Hier auf dem Hof haben wir ein neues Zuhause gefunden.“

Die beiden Hennen waren sprachlos. „Warum?“ fragten sie sich. „Warum tut man uns Hühnern das an?  Wir haben den Menschen nie etwas getan. Wir schenken ihnen unsere Eier zu ihrer Ernährung. Warum sind sie so gierig und grausam?“ Doch darauf fanden sie keine Antwort.

Janet Strahl