Von der Save bis nach Deutschland - Wie das Turopolje-Schwein den Jugoslawien-Krieg überlebte

Die Save ist der wasserreichste Zufluss zur Donau. In den Ostalpen entspringend, schlängelt sie sich durch Slowenien, Kroatien, Bosnien und Serbien bis sie in Belgrad in die Donau mündet.  Auf halber Strecke, rund 100 Kilometer südöstlich von Zagreb, liegen die einzigartigen Save-Auen, eine der letzten zusammenhängenden Flusslandschaften in Europa. Trotz groß angelegter Trockenlegungsprojekte seit den 1970er Jahren konnten von ehemals 7.000 km² immerhin 1.000 km² Überschwemmungsflächen bewahrt werden. Etwa die Hälfte dieser Fläche - ungefähr so groß wie der Bodensee -  wurde als Naturpark Lonjsko Polje ausgewiesen.  Für Wasser- und Zugvögel ist die Region ein Naturparadies. Und natürlich für die hier beheimateten  Turopolje-Schweine, die optimal angepasst an Land und Wasser, sogar gelegentlich nach Muscheln tauchen.

Turopoljeschwein_Stefan-Johnigk-provieh_823

Das Turopolje-Schwein gehört zu den vielen Schweinerassen, die vom mitteleuropäischen Wildschwein abstammen. Ein direkter Vorfahr ist vermutlich das Siska-Schwein. Bereits im Jahr 1352 soll der kroatisch-ungarische König Ljudevit die ersten Turopolje-Schweine in die Gebiete am gesamten Oberlauf der Save gebracht haben. Zur weiteren Veredlung wurden englische Rassen wie Leicester, Berkshire, Yorkshire und Cornwall eingekreuzt.

Erst seit Ende des 18. Jahrhunderts wurde das Turopolje-Schwein reinrassig weitergezüchtet, und seit 1911 ist es als eigenständige Rasse anerkannt. 1958 zählte man 58.000 Turopolje-Schweine  in der Region Turopolje (an der mittleren Save zwischen Zagreb und Sisak) sowie den angrenzendenar ein erster Bestandsrückgang zu verzeichnen, denn im Zuge einer staatlichen Landgewinnung wurden 5.000 qkm Auenwiesen entwässert. In diesem Prozess  mussten die Kleinbauern ihre Weideflächen an die landwirtschaftlichen  Kombinate abgeben. Seit 1974 galt der Bestand auch offiziell als  gefährdet.  1990 zählte man schließlich nur noch rund 150 reinrassige Tiere. Bis zum Kriegsbeginn im Jahr 1991 hatte ein Fleisch verarbeitender Betrieb in Petrinja fast alle Turopolje-Schweine für die Salami-Herstellung aufgekauft. Gebieten Odransko, Lonjsko, Mokro und Ribarsko Polje.

Der Krieg brachte die Rasse an den Rand des Aussterbens. Wilderei und Schießübungen von Soldaten ließen nur wenige Turopolje-Schweine überleben. Die letzten rund 30 reinrassigen Tiere waren von einem Schweinehirten in einen Stall in Sicherheit gebracht worden.  Im Jahr 1994 kauften die Organisation SAVE (Organisation zur Sicherung der landwirtschaftlichen Artenvielfalt in Europa), der Tiergarten Schönbrunn und der VEGH (heute Arche Austria) drei Zuchtpaare, die schließlich im Tiergarten Schönbrunn untergebracht wurden und dort auch für erste Nachkommen sorgten.  Doch die Bauern in Österreich interessierten sich zunächst kaum für die Rasse. Die Ferkel gingen daher an Zoos in Deutschland, unter anderem an den Tierpark Arche Warder (wir berichteten im PROMA 3/2009).

Ab 1994  machte man sich in der Region Turopolje auf die Suche nach weiteren Schweinen. Hatten Einweihung_Turopolje_Dr-Jaegeraußer den 30 Schweinen noch andere überlebt? Je größer die Zahl reinrassiger Turopolje-Schweine, desto breiter und stabiler ist die genetische Ausgangsbasis für die Weiterzucht. Und tatsächlich: Einige reinrassige Tiere fanden sich in der benachbarten Region Odransko Polje. 1996 kaufte die Organisation SAVE weitere Tiere für ein Zuchtprogramm an. Zwei Jahre später erwachte auch bei den österreichischen Züchtern das Interesse an den robusten Turopolje-Schweinen. 

Dank intensiver Bemühungen der ARCHE Austria gibt es heute eine gut organisierte Erhaltungszucht mit Herdbuch. Die Haltung reinrassiger Turopolje wird in Österreich sogar mit Ausgleichszahlungen belohnt.

Außerdem bemüht sich die Umweltstiftung EuroNatur seit 1998 darum, das in den Save-Auen intensiv genutzte  Ackerland in überschwemmte Weideflächen zurück zu verwandeln. Neben den Posaviner Pferden und Podolac-Rindern profitieren davon auch die Turopolje-Schweine. Denn die Beweidung mit Schweinen, Pferden und Rindern hilft die natürliche Auenlandschaft offen zu halten. Die so entstehenden offenen Schlammflächen bieten einen optimalen Lebensraum für seltene Pflanzen wie Kleefarn und Seekanne.

Turopolje-Schweine eignen sich besonders gut für die Haltung im Freiland. Die Eber werden erst spät geschlechtsreif, was ideal ist für die zur Zeit viel diskutierte Mast ohne Kastration. Und die späte Schlachtung garantiert einen erlesenen Fleischgeschmack.  Turopolje-Schweine haben eine 15 Zentimeter dicke Speckschicht. Das Fleisch eignet sich hervorragend für Dauerwurstwaren und kernigen Speck.

In jedem Fall ist das Turopolje-Schwein auf Grund seiner Robustheit und Ursprünglichkeit eine wertvolle Genreserve für die Schweinezucht.

 

Susanne Aigner

Fotos: PROVIEH


Weiterführende Quellen:

Gugic, Goran:  Schweinehut und Waldmast in Lonjsko Polje (Kroatien), Diplomarbeit an der Universität München, 1992.