Kreative Luftnummer “Aktion Tierwohl” - kein Schwein lacht!

21.04.2011: Mit einem inhaltslosen Trugbild von “Tierwohlsein und Tierschutz” will das Unternehmen Westfleisch Handel und Verbraucher perfide in die Irre führen. Marktübliche Standards werden zu Meilensteinen stilisiert, von echtem Tierschutz ist das Label Lichtjahre entfernt.

Statt das “Tierwohl stärker als das Gesetz berücksichtigend” zu schützen, wie es jüngst in der Ausgabe 4/2011 des Branchenmediums FleischMagazin hieß, wird durch die Vorschriften im Rahmen der sogenannten “Aktion Tierwohl” nicht einmal die Einhaltung der gesetzlichen Mindestanforderungen gewährleistet. Im direkten Gespräch mit den Programmbeauftragten konnten sich Vertreter von PROVIEH persönlich davon überzeugen. Dies gilt unter anderem für das Verbot des routinemäßigen Schwanzkupierens sowie für das Zähneschleifen.

Auch unzufriedene Tiere bringen Geld

Westfleisch erwähnt ebenfalls lieber nicht, dass die hochgelobten “modernen Schweinehalter” von ihnen keinerlei Anreize bekommen, den dichtgedrängt auf nackten Vollspaltenböden gehaltenen Tieren mehr Platz, eine strukturierte Umgebung, Beschäftigungsmaterial oder gar art- und verhaltensgerechte Fütterung  zu gewähren. Ihre Vorzeigemäster werden im o.g. Artikel mit den Worten zitiert, dass “ nur gesunde und zufriedene Tiere gute Ergebnisse erzielen”. Gegen dieses von der Agrarindustrie immer wieder Gebetsmühlen-artig wiederholte Sprüchlein spricht nicht nur der jährlich steigende Antibiotikagebrauch (oder sollen wir sagen -missbrauch?). Obwohl seit 2006 die systematische Gabe von Antibiotika zur Leistungssteigerung verboten ist, will der Verbrauch nicht zurückgehen. Besonders Großmastanlagen sind Großabnehmer: Hustet ein Tier, wird vorsorglich der gesamte Bestand mit Antibiotika “therapiert” - weil sich Erreger in den beengten Verhältnissen womöglich schnell unter den tausenden zusammengepferchten Tieren ausbreiten könnten. Ist nur ein Nasenabstrich einer neu eingestallten Sau positiv, wird in Tierfabriken meist sofort “Metaphylaxe” bei der gesamten Herde betrieben - erraten, Antibiotika für alle! Der wachstumsfördernde Effekt wird natürlich nur zu gern in Kauf genommen… Zunehmende Antibiotikaresistenzen sind den Unternehmern schnuppe. Hauptsache, die Kasse stimmt. Im Ernst: Schweine, die verstümmelt, mit Medikamenten vollgepumpt und in abgedunkelten Ställen gehalten wurden und sich aus mangelnden Beschäftigungsmöglichkeiten in Rekordzeit durch Sojakraftfutter fett gefressen haben, können doch nicht als Beweis für Tierwohl und tiergerechte Haltungsbedingungen gelten.

„Tierwohl“ oder „Tierschutz“? Keins von beiden!

Nicht vorstellen kann sich PROVIEH deshalb, welche aussagekräftigen “Stresstests mit spezifischen Kritikern” das Programm überstanden haben soll, wie im FleischMagazin behauptet wird. Das Ganze liest sich wie eine von einem Werbetexter geschriebene neunseitige Anzeige. Auch ist völlig unklar, mit welcher “namenhaften Tierschutzorganisation” Westfleisch angeblich im Dialog bezüglich dieser Aktion Tierwohl “gut vorangekommen” sein will. Nach unserer Meinung gefragt haben wir jedenfalls mehrfach klar und deutlich zum Ausdruck gebracht, dass die Erwähnung von Tierschutz im Zusammenhang mit diesem Programm Verbrauchertäuschung ist und das Programm auch nicht die Bezeichnung „Tierwohl“ verdient - ein aus dem englischen „animal welfare“ abgeleitetes gängiges Synonym für Tierschutz in heutiger Zeit. Das Ausweichen der Westfleisch im direkten Zusammenhang mit dem Siegel auf den Begriff “Tierwohl” ist ein juristisch zweifelhafter Marketing-Schachzug im Dienste der Augenwischerei. Denn für den Normalbürger gibt es keine Unterscheidung. Geschickt wird durch häufige Nennung des Wortes „Tierschutz“ im Text (sechs Mal, davon drei Mal im Tandem “Tierschutz  und Tierwohl”) der Eindruck erweckt, es gehe hier um echten Tierschutz. Semantische Spitzfindigkeiten sollen davon ablenken, dass diese Kriterien keine bessere Lebensqualität für die Tiere bringt, mit lediglich einer tierschutzrelevanten Ausnahme, der Ebermast - aber die gibt´s anderswo freiwillig und umsonst, da sie sich auch für den Bauern lohnt; denn der spart Futterkosten und die unkastrierten Tiere bringen ihm höhere Preise, da ihre Edelteile (Filet etc.) magerer und größer sind.

Keine Tierschutzorganisation befürwortet dieses Siegel

Dass die Aktion Tierwohl von keiner Tierschutzorganisation offiziell validiert wurde, ist kein Wunder. Dem Motto “Aktion Tierwohl - da lacht das Schwein” (Markenzeichen: Schweine-Smiley)  wird wohl auch kein seriöser Tierschutzverein seinen Segen geben. Die Schweine haben jedenfalls nichts zu lachen, da ihren ureigensten Instinkten und Bedürfnissen nach Nestbau, Bewegungsfreiheit, getrennten Kot-, Liege- und Fressplätzen, Raufutter, natürlichem Beschäftigungsmaterial u.v.m. auch weiterhin keinerlei Rechnung getragen wird. Die Standards und Kriterien hat sich das Unternehmen einfach selbst nach Gusto zusammengestellt, damit es möglichst leicht, kostengünstig und schnell den Verbraucher/innen mehr Geld aus der Tasche ziehen kann. Der Zeitpunkt ist geschickt gewählt, das Thema tierquälerischer Zustände in der Massentierhaltung hat in den Medien seit Monaten Hochkonjunktur. Umso verwerflicher ist es, das echte moralische Verlangen der Verbraucher/innen nach höherem Tierschutz so schamlos zur reinen eigenen Gewinnvermehrung auszunutzen. Dafür werden selbst Lügen nicht gescheut: Angeblich erhebt die Westfleisch die “physische Unversehrtheit” zum “Gesamtanspruch“, behauptet sogar “unverletzte Schwänze” als eines von sechs Leitkriterien anzuwenden. Unverletzt heißt dann wohl in der kreativen Westfleischsprache nicht unkupiert, sondern nur “nicht bebissen“ - so wie „Tierwohl“ eben angeblich nicht mit „Tierschutz“ zu verwechseln ist. Jedenfalls erklärte man uns auf Nachfrage, dass man auf absehbare Zeit leider in keinem die Westfleisch beliefernden Betrieb auf das (illegale!) routinemäßige vorbeugende Schwanzkupieren verzichten könne. Und so was schimpft sich Tierwohl, Veräppelung pur! Und wie die sog. Aktion Tierwohl die Einhaltung der gesetzlich vorgeschrieben Frist zur Abschaffung der reinen Kastenstandhaltung von Sauen bis zum Jahr 2013 befördert, wird nirgends erläutert (kein Wunder, die Antwort lautet: gar nicht!)

Von “marktgerechten Auszahlungspreisen” keine Rede

Die Erzeuger ihrerseits gucken in die Röhre: Sie bekommen weiter ca. 2 Euro pro Tier, wie schon bisher im BestSchwein-Programm, also keinen zusätzlichen Cent. Sie müssen einen Tierschutzkurs belegen. Von “Abitur in Sachen Tierwohl” und Reifeprüfung ist großspurig die Rede, als seien die Bauern dumme Schuljungen. Dabei werden sie durch die gnadenlose Preisschraube seit Jahren statt zu Tierschutz zu immer mehr Einsparungen und billiger Massenproduktion genötigt, fast immer auf Kosten des Tierwohls. So honoriert Westfleisch seit einiger Zeit Mäster, die besonders geringe Ladezeiten einhalten. Das dies dem Tierschutz nicht unbedingt förderlich ist, kann sich jeder an fünf Fingern abzählen. Auf verängstigte, verstörte Tiere, die plötzlich aus dunklen Ställen ins noch nie gesehene gleißende Tageslicht kommen wird nun noch härter eingeprügelt, um sie möglichst schnell auf die Laster für ihre letzte Reise zu verfrachten. Kleine Bauern, die häufig bessere Haltungsbedingungen als industrielle Großmastbetriebe mit Lohnarbeitern aufweisen, werden zudem durch die Regelung wegen ihrer geringeren Stückzahlen pro Abholung (bei pauschaler Anfahrtsgebühr) benachteiligt. So wird der Strukturwandel hin zu mehr Tierfabriken gefördert. Mit “sozial und nachhaltig”, wie sich Westfleisch gern selbst lobt, hat das alles gar nichts zu tun.  

Teure Mogelpackung auf Verbraucherkosten

Der Branchendritte, der in den vergangenen Jahren Marktanteile verloren hat, will sich mit dieser Aktion offensichtlich einen unlauteren Wettbewerbsvorteil erschleichen um sich die Taschen zu füllen. Die Mehreinnahmen will man bis auf weiteres allein mit dem Lebensmitteleinzelhandel teilen - eine unheilige Allianz, von der weder Tiere, noch Bauern oder gar die Verbraucher profitieren. Angeblich sind erste Abnehmer gefunden. Wer sich auf diese miese Tour einlässt, geht allerdings ein hohes Risiko ein. Im Zeitalter von Internetplattformen, Twitter und einer wachsenden Zahl von Wutbürgern, die sich nicht länger verdummen lassen wollen, gilt das Sprichwort „mitgefangen, mitgehangen“ mehr denn je. Wir werden diesen unwürdigen Selbstbereicherungsversuch nicht hinnehmen und jeden, der sich mitschuldig macht, mit an den öffentlichen Pranger stellen. Dagegen wird auch die von Westfleisch angekündigte Werbeoffensive nichts helfen.

Für das Programm wurden bisher laut Artikel der Westfleisch schon rund eine halbe Million Euro ausgegeben. Die Kosten entstehen hauptsächlich durch die umfangreichen Marketingausgaben, mit deren Hilfe den Kunden diese Mogelpackung aufgeschwatzt werden soll. Die düpierten Konsumenten sollen dafür einen zehnprozentigen Preisaufschlag zahlen, dass sie damit den Schweinen etwas Gutes tun. Dabei entsprechen etliche der wortreich in neuem Kleide präsentierte Kriterien einfach nur den Vorschriften (Fleischbeschau), oder seit Jahren branchenübliche Praxis (Rückmeldungen der Schlachthofbefunde) und betreffen mehr Tiergesundheit und Verbraucherschutz als Tierschutz. Die Schlachthofbefunde sind zwar Indizien, aber nicht als Beleg für eine am Tierwohl orientierte Haltungsform zu gebrauchen

Echtes Tierschutzlabel gefordert

Diesen_Aufkleber_koennen_Sie_kostenlos_bei_PROVIEH_bestellenPROVIEH fordert den Handel und Westfleisch auf, diese schändliche Aktion Verbrauchertäuschung sofort abzublasen und stattdessen konstruktiv in einen Dialog zur Entwicklung eines echten Tierschutzlabels, das diesen Namen auch verdient, einzutreten. Auf eine Initiative der  Ankündigungsministerin Aigner braucht man in diesem Bereich wohl nicht zu hoffen. Sie wird sich wie so oft auf den Binnenmarkt und eine wünschenswerte EU-weite Lösung berufen. Dann müsste sie in Deutschland nicht gegen den erklärten Willen von Gerd Sonnleitner, den Chef des Deutschen Bauernverbandes, aktiv werden, gegen den sie sich bisher noch in keiner Sache durchsetzen konnte. Sonnleitner will auf keinen Fall eine Tierschutzetikettierung, da dann die Verbraucher darauf aufmerksam werden könnten, wie tierquälerisch die industrielle Massentierhaltung auch in Deutschland ist. Der nun gewählte Weg der gezielten Desinformation der Verbraucher/innen durch Marketingoffensiven der Fleisch- und Lebensmittelindustrie sowie der Agrarlobby ist im Zeitalter der Information allerdings zum Scheitern verurteilt. Lügen haben kurze Beine, heute mehr denn je.

 

Prof. Dr. Sievert Lorenzen, Vorsitzender


Weiterführende Informationen:

"Aktion Tierwohl" von Westfleisch - Augenwischerei (vom 08.12.2010)