Dioxinskandal - Nur Kontrollen können Vertrauen schaffen

Jüngst erschütterte schon wieder ein Lebensmittelskandal das Vertrauen der Verbraucher. Einmal mehr ging es um Dioxin, das mit technischen Fetten ins Tierfutter gemischt und von ahnungslosen Tierhaltern an Hühner, Puten und Schweine verfüttert wurde. Tausende Hennen wurden bereits notgeschlachtet, und fast 5.000 landwirtschaftliche Betriebe wurden zumindest vorübergehend gesperrt. Die finanziellen Verluste sind sehr groß, und viele kleinbäuerliche Betriebe fürchten um ihre Existenz.

Es war einmal…

Anfang 1999 ging ein Dioxinskandal von Belgien aus. Er flog nur auf, weil im Februar 1999 die Hühner eines belgischen Geflügelbetriebes schwere Krankheitssymptome zeigten, die wie in früheren Fällen auf Vergiftung mit PCB- und Dioxingemischen hinwiesen. Zur Schadensregulierung wandte sich der Geflügelhalter an seine Versicherung, und diese beauftragte einen Experten mit der Aufklärung der Ursache. Er fand sie: Die giftigen Gemische stammten aus einer einzigen Quelle und wurden mit Futterfetten in die Futtermittel gemischt. Das Ergebnis wurde am 26. April 1999 den belgischen Behörden und erst am 26. Mai 1999 der Bevölkerung gemeldet. Da waren die meisten der hochbelasteten tierischen Produkte schon verzehrt. Der Rest, immerhin 19.000 Tonnen, dazu Tiere mit einem Gesamtgewicht von 60.000 Tonnen, wurden bei 1.400 0 C vernichtet. Der direkte Schaden für die belgische Wirtschaft wurde auf 2 Milliarden DM geschätzt, nur weil ein einzelner Panscher in unverantwortlicher Weise seinen Gewinn erhöhen wollte. Markus Grießer von der Universität Würzburg hat den Skandal in seiner Seminararbeit im Wintersemester 2000/2001 präzise nachgezeichnet.

Alle Jahre wieder …

Der deutsche Dioxinskandal, der im Dezember 2010 aufflog, weist erstaunliche Parallelen zum belgischen Skandal auf, mit einem Unterschied: Es mussten nicht erst Tiere schwer erkranken, sondern die Dioxinbelastung von Tierfutter wurde durch eine Routineuntersuchung des Lebensmittelprüfsystems QS („Qualität und Sicherheit GmbH“) entdeckt. Als Quelle der Verschmutzung wurde der Betrieb Harles & Jentzsch in Schleswig-Holstein ermittelt. Offenbar hat er jahrelang billige Industriefette aus der Biodieselherstellung in verbotener Weise mit pflanzlichen Futterfetten vermischt nach dem  Motto „Panschen bis zum Grenzwert“ (Kieler Nachrichten vom xxx), und dann hat er sie teuer an Futtermittelfirmen verkauft.

Harles & Jentzsch kaufte die Billigware bei Petrotec. Bei seiner Herstellung von Biosprit aus Raps-, Palm- und Soja-Öl fallen nicht nur technische Billigfette an, sondern auch die teureren Fettsäuren, die dem Tierfutter beigemischt werden dürfen. Es war also verführerisch, die Billigfette mit Pflanzenfetten zu mischen und dann teuer an die Futtermittelhersteller zu verkaufen. Mehr als 3.000 Tonnen dieser Mischungen sollen an mindestens 25 Mischwerke verkauft und dort zu mindestens 150.000 Tonnen fertigem Tierfutter verarbeitet worden sein. Offenbar schummelte die Firma Harles & Jentzsch auf diese Weise schon jahrelang, wie Unterlagen von Petrotec zeigen. Nun ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen Betrug, Steuerhinterziehung und Verstoß gegen das Lebens- und Futtermittelgesetz: Es drohen Haftstrafen.

Wie gefährlich sind Dioxine?

Anders als die Dioxin-ähnlichen PCB (Polychlorierten Biphenyle) wurden Dioxine nie als Produkte hergestellt. Sie fallen als Abfallprodukte aus Verbrennungen von Hausmüll und anderen Soffen mit einem hohen Chloranteil an, aber auch durch Waldbrände und Vulkanausbrüche. Dioxine sind praktisch überall in der Umwelt nachweisbar, auch in Nahrungsmitteln. Es gilt als sicher, dass wir 95 Prozent der aufgenommenen Dioxine über die Nahrung (vor allem tierische Produkte) zu uns nehmen. Dioxine lagern sich an Fett an und können sich so im Leben eines Menschen oder Tieres und in Nahrungsketten anreichern. In dieser Hinsicht gleichen sie dem Pestizid DDT, dessen Einsatz deshalb verboten ist.

Dioxine sind so giftig, weil sie sehr beständig sind, sich im Körper an spezielle Rezeptormoleküle anlagern (die Ah-Rezeptoren), mit ihnen in einen Zellkern gelangen und dessen Erbgut (die DNA) zu einer vermehrten Proteinsynthese anregen. Dadurch kommt es unkontrollierten Zellteilungen, wie sie für Krebs typisch sind. Auch das Immunsystem kann empfindlich gestört werden. Diese Schäden treten schon bei unvorstellbar winzigen Dioxinmengen auf, die in Pikogramm pro Gramm Fett gemessen werden. Zum Vergleich: 1 Pikogramm eines Stoffes entspricht 1 Gramm verdünnt in 1 Billion Gramm = 1 Milliarde Kilogramm = 1 Million Tonnen eines anderen Stoffes.

Innerhalb der Europäischen Union legen Grenzwerte fest, wieviel Dioxin in Lebens- und Futtermitteln enthalten sein dürfen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt, pro Tag nicht mehr als ein bis vier Pikogramm je Kilogramm Körpergewicht zu sich zu nehmen. Die EU möchte diesen Wert langfristig auf ein Pikogramm verringern. Aber dann wäre z.B. fettreicher Aal nicht mehr vermarktbar. Bevor jedoch ein Verkaufsverbot erteilt wird, wird in aller Regel der zulässige Grenzwert für Dioxin nach oben korrigiert.

Konsequenzen

Immer mehr Verbraucher, Politiker und Verbände fordern ein wirkungsvolleres Qualitätsmanagement für die Futter- und Lebensmittelindustrie, doch dafür fehlen die finanziellen Mittel. Doch ein abschreckendes Mittel wurde schon jetzt geschaffen: Künftig dürfen Futtermittelbetriebe schon dann namentlich erwähnt werden, wenn nur der Verdacht auf eine unzulässig hohe Dioxin-Verschmutzung besteht.

Die allgemeine Dioxinbelastung ist in den letzten Jahren vor allem durch die verbesserte Rauchgasreinigung in den Müllverbrennungsanlagen und das Verbot der Herstellung von PCB deutlich gesunken. Das nützt auch den Ökorindern, sofern sie bisher auf „falschen“ Weiden standen.

Christina Petersen

Ira Belzer

Dioxine und ihre Analyse

Es gibt 210 Dioxine, die in unterschiedlichen Mischungsverhältnissen auftreten. Jedes Mischungsverhältnis stellt so etwas wie einen Fingerabdruck dar, mit dem die Herkunft von einer Verschmutzungsquelle genau bestimmt werden kann. Das giftigste Dioxin ist das „Seveso-Gift“, das im Juni 1997 bei einem Giftunfall die Gegend um die italienische Stadt Seveso verschmutzte. Ihm wird der Faktor 1 zugewiesen. Jedem anderen Dioxin wird ein Faktor zugewiesen, der die Giftigkeit relativ zum Seveso-Gift angibt. Wird die Menge eines jeden in einer Probe gefundenen Dioxins mit seinem Faktor multipliziert und werden die Werte addiert, erhält man den Dioxinwert einer Probe.