Das Meer wird leergefischt – Aquafarming als Alternative zum Wildfang?

30.05.2011: Zahlreiche Untersuchungen zeigen: Hört die Überfischung der Meere nicht auf, wird der weltweite Fischfang bis 2050 kollabieren. Kommerzielle Aquakulturen bieten keine wirkliche Lösung.

(c)Wolcott-Henry_2005_Marine_Photobank-Workers_repair_a_purse_seine_net_aboard_their_fishing_vesselDas Problem der Aquakulturen besteht darin, dass auch Zuchtfische mit Fischen gefüttert werden, die im Meer gefangen werden. Und bei vielen Fischarten weiß man nicht, ob sie sich für ein Leben in Gefangenschaft überhaupt eignen. Fisch ist reich an Proteinen, Omega-3-Fettsäuren und Spuren-elementen. Darum sollen wir ein bis drei Mal in der Woche "fettreiche" Fische wie Hering, Makrele oder Lachs konsumieren. Das empfehlen die Ernährungswissenschaftler. Schwangere und Herzkranke sind eine dankbare Zielgruppe für Werbung der Fischerei-Industrie. Doch wo soll der Fisch herkommen? Das Meer gibt bald nur noch 20 Fischmahlzeiten pro Kopf und Jahr her, wenn weiter so gefischt wird wie bisher.
Die Lage in den Weltmeeren ist dramatisch, das geben inzwischen auch die Politiker zu. Laut UN-Welternährungsorganisation (FAO) sind 75 % der kommerziell genutzten Fischbestände bis an ihre Überlebensgrenzen überfischt. Der sogenannte Beifang spielt dabei eine nicht unerhebliche Rolle. Dabei handelt es sich um unbeabsichtigt mitgefangene Fische ohne kommerziellen Wert oder Vermarktungsmöglichkeit. 8% der ins Netz gehenden Fische sind im Durchschnitt solcher Beifang. Aber in manchen Regionen werden sogar 70 % der gefangenen Fische wieder zurück ins Meer geworfen, obwohl die meisten von ihnen dann schon tot sind. Das liegt an den festgelegten Fangquoten der EU für die Mitgliedsländer, die jeweils nur eine gewisse Menge angelandeten Fisch pro Tag und Schiff erlauben. Fängt eine Mannschaft zunächst billigere, kleinere Fische einer weniger wertvollen Art (z.B. Sardinen), dann werden diese einstweilen an Bord gelagert, falls hinterher nichts mehr gefangen wird. Geht aber später ein Schwarm hochwertigerer Fische ins Netz, werden alle Sardinen einfach über Bord gekippt. Sie zählen dann nämlich nicht für die Fangquote. Solcher Beifang macht insgesamt geschätzte 30 Millionen Tonnen Meerestiere weltweit jährlich aus, darunter rund 300.000 Delphine und Wale, ca. 250.000 Meeresschildkröten und etwa 100.000 Haie. Die meisten sterben an ihren Verletzungen durch die Netze.
In Europa sind schon 88 % der Bestände überfischt. Weil die seichten Gewässer wie das Mittelmeer fast leergefischt sind, dringen die Schleppnetzfischer schon seit Jahren immer weiter in die Tiefsee vor, wo bislang noch nicht einmal alle Arten identifiziert sind. Das hat gravierende Auswirkungen auf die gesamte Meeresflora und -fauna, da die Schleppnetze den Meeresgrund zerstören und ganze Regionen leerfischen.

Aquakultur – Alternative zum Wildfang?

Von den jährlich 100 Mio. Tonnen verzehrten Fisch kommt etwa die Hälfte aus Aquafarming, also Fischzuchtbeständen. Der Anteil an Süßwasserfischen (z.B. Forellen) liegt dort bei drei Vierteln. Aber nachhaltig schonend für die Fischbestände ist auch die Fischzucht nicht. Denn auch die gezüchteten Fische sind hungrig. Da sie größtenteils auch in freier Wildbahn Fische fressen, müssen sie mit ausreichend Eiweiß versorgt werden. Rund 70 % oder 3,7 Mio. Tonnen des weltweit produzierten Fischmehls wird bereits in Fischfarmen verfüttert. Bei Fischöl liegt der Anteil mit 835.000 Tonnen sogar bei fast 90 %. Oft sind die zu Öl verarbeiteten Fische aber mit Dioxinen, PCB und Quecksilber belastet, werden trotzdem in den Fischfarmen verfüttert, reichern sich dort an und gelangen so in die Nahrungskette. Und an den pazifischen Küsten holt die Fischmehlindustrie jedes Jahr Unmengen an Sardellen aus dem Wasser, von denen sich die Einwohner Chiles und Perus ernähren könnten. So tragen fischfressende Arten wie Lachs, Forelle, Aal und Shrimps in Fischfarmen genauso zur Überfischung der Weltmeere bei. Sie brauchen bis zu 5 kg tierisches Eiweiß, um ein Kilo Speisefisch zu erzeugen. Der Karpfen relativiert dieses Verhältnis, denn als vorwiegender Pflanzenfresser besetzt er zwei Drittel des globalen Aquafarmings. Als Alternative versucht man, Gen-Soja und Schlachtabfälle aus der Fischindustrie zur Fütterung einzusetzen. Sie Beifang_Naomi-Blinick_Marine_Photobank_1decken inzwischen ein Viertel des Futtermittelbedarfs. Wissenschaftler versuchen nun, aus Karnivoren wie Lachs und Kabeljau Pflanzenfresser zu machen – mit Getreide! Damit gelangen Fische noch stärker in Nahrungskonkurrenz zum Menschen. Auch an der Gentechnik kommt man wohl nicht vorbei. Neben Gensojafutter wurde auch schon ein Super-Genlachs produziert; der Hersteller wartet noch auf die Genehmigung, dann könnte die Zucht im ganz großen Stile schon mal in Nord- und Südamerika losgehen. Der besonders schnell wachsende Genlachs ist aber seinen nicht gentechnisch veränderten Artgenossen gegenüber in hohem Maße überlegen. Häufig passiert es, dass aus den Farmen Fische entkommen. Dann kreuzen sich die Genlachse mit den einheimischen Wildlachsen. Innerhalb kürzester Zeit würde sich der Genlachs so schnell vermehren, dass es in freier Wildbahn bald keinen gentechnikfreien Lachs mehr gäbe. Und die natürliche Lachsart wäre zum Aussterben verurteilt.
Auch aus Tierschutzsicht sind Aquakulturen höchst zweifelhafte Angelegenheiten: Immer neue exotischere Fischarten kommen auf die europäischen Speisekarten. Zum Beispiel der Pangasius: Gezüchtet in Käfigen am Mekong in Vietnam (einem der meistverschmutzten Gewässer der Welt!) ist er inzwischen einer unserer beliebtesten Speisefische. Nur bei ganz wenigen Arten weiß man etwas über deren Ethologie. Und nicht alle verhalten sich auf der Farm so wie Karpfen, Lachs und Forelle, die relativ gut gedeihen trotz der beengten Verhältnisse und dem eingeschränkten Lebensraum. Aber wie wir aus der Schweine- und Geflügelmast wissen, ist dies noch lange kein Indiz dafür, dass sich die Tiere wohlfühlen. Dass Fische viel komplexerer Gefühle fähig sind, hat sich in jüngster Zeit durch Studien belegen lassen (wir berichteten). Und für Fische wie den Thunfisch gibt es schon gar keine artgerechte Mast: Mit bis zu 80 Stundenkilometer durchkreuzt er in freier Wildbahn den Ozean. Jede Anlage, egal wie groß, wäre für ihn auf jeden Fall ein qualvolles Gefängnis. Hohe Besatzdichten vergrößern den Stress, steigern die Aggressivität und erhöhen die Verletzungsgefahr unter den Fischen. Das kennen wir ebenfalls aus Geflügel- und Schweinemastbetrieben auf dem Lande.
Und noch ein Einwand gegen Fischfarmen: Die Brut für die Zucht von Muscheln, Shrimps und Thunfisch holen sich die Züchter ohnehin aus Wildbeständen, die so weiter dezimiert werden.

EU-Positionspapier soll Überfischung beenden

Nun hat die Europäische Kommission einen Bericht über Fortschritte in der vergangenen Fischereipolitik und Empfehlungen für die Zukunft vorgelegt. Maria Damanaki, EU-Kommissarin für Fischerei, will Rückwürfe ins Meer künftig verbieten. Ihr Ziel ist eine Reform der Gemeinsamen Fischereipolitik (GFP). Eine nachhaltige Fischerei soll "langfristig größtmöglichen Durchschnittsfänge ermöglichen". Damit würde nicht nur der Zustand der europäischen Fischbestände verbessert, sondern auch der Treibstoffverbrauch reduziert. Sie bemängelt in ihrem Bericht, dass es noch viel zu wenig Studien gibt, die eine Überfischung wissenschaftlich belegen. Das gibt wenig Hoffnung für die für Juli 2011 von ihr geplanten Gesetzesreformvorschläge. Nachhaltige Fischereipolitik wurde vom für Fischereifragen zuständigen Bundeslandwirtschaftsministerium (BMELV) bisher leider meist beim üblichen Geschacher im EU-Kuhhandel geopfert: Fischereiflottenstarke Nationen wie Spanien, Frankreich und Portugal sagten im Gegenzug für Deutschlands Unterstützung für weiterhin lasche Fangquotenbegrenzungen ihre Unterstützung bei für Deutschland wichtigeren Themen zu. Ob dies künftig anders wird, bleibt abzuwarten.
Ratsam wäre auf jeden Fall, anstatt auf neue Studien zu warten, damit zu beginnen, die guten Vorsätze umzusetzen. "Ocean12" macht einen Anfang: Der Zusammenschluss von über 70 Initiativen und Organisationen setzt sich seit einigen Jahren für nachhaltige Nutzung der Fischbestände ein. Mit der Europäischen Fischwoche im Juni 2010 hat die Initiative erstmalig ein Zeichen zur Umkehr gesetzt. Noch stößt sie bei der Fischerei-Lobby auf erbitterten Widerstand. Das BMELV sollte sich darum in Brüssel für den Erhalt der bedrohten Fischbestände einsetzen. Dazu kann man Frau Aigner auch im Rahmen des Charta-Prozesses des BMELV auffordern (unter www.bmelv.de/Charta).

Susanne Aigner und Sabine Ohm

Fotos: © Wolcott Henry / Marine Photodatenbank; © Naomi Blinick /Marine Photobank


Quellen und Weiterführende Informationen:

Proplanta, "Fangmöglichkeiten in EU-Gewässern 2012": http://www.proplanta.de/Agrar-Nachrichten/Tier/Fangmoeglichkeiten-in-EU-Gewaessern-2012-ausgewogener-Abbau-der-Ueberfischung_article1306431372.html

Beifang Meerestiere: www.wwf.de/fileadmin/fm-wwf/pdf-alt/arten/Beifang_CMS_05.pdf

Bericht der EU-Kommissarin für Fischerei, Maria Madanaki, vom 25.05.2011: http://europa.eu/rapid/pressReleasesAction.do?reference=IP/11/638&format=HTML&aged=0&language=DE&guiLanguage=en

EU Fischereipolitik: http://www.bmelv.de/SharedDocs/Standardartikel/Europa-Internationales/Fischereipolitik-Meeresschutz/Reform-Gemeinsame-Fischereipolitik.html

Fair-fish-Infos: www.fair-fish.ch/files/pdf/feedback/facts-5.pdf; www.fair-fish.ch/files/pdf/feedback/facts-7.pdf

Fair-fish-Blog: http://www.fair-fish.ch/blog/archive/2011/05/13/fischen-tut-weh.html

Greenpeace: http://oceans.greenpeace.org/de/unsere-ozeane/beifang

Greenpeace-Einkaufsratgeber: www.greenpeace.de/fileadmin/gpd/user_upload/themen/meere/Fischratgeber_Web_01.pdf

PROVIEH-Veröffentlichungen:

PROVIEH-Magazin 3/10 Massentierhaltung unter Wasser (S. 6-13):

https://provieh.de/downloads_provieh/provieh_magazin_2010_03.pdf

provieh.de/fische

provieh.de/node/10663 

provieh.de/node/10259