Neue Massenkeulungen wegen Vogelgrippe

09.06.2011: Während EHEC alle Aufmerksamkeit von Medien und Öffentlichkeit fesselt, finden die jüngsten Massenkeulungen von Geflügel in Nordrhein-Westfalen kaum Beachtung. Dabei handelte es sich gar nicht um den gefährlichen Vogelgrippeerreger H5N1, sondern die für den Menschen harmlose Variante H7N1.

Erst waren es nur drei, später fünf Betriebe im Landkreis Gütersloh (Ostwestfalen), auf denen sich der Verdacht des Erregers bestätigte. Dann wurden es immer mehr. Betroffen war ein Putenmastbetrieb mit 6.000 Mastputen in Rheda-Wiedenbrück. Bereits Ende Mai waren hier auf einem weiteren Hof 20.000 Tiere getötet worden. Am 30. Mai liefen die Vorbereitungen für die Tötung von 9.300 in Rietberg an. Dem sollten 3.600 Legehennen folgen. Weitere Massenkeulungen wurden auf einem Betrieb mit 25.400 Enten, Gänsen, Wachteln und Perlhühnern vorgenommen. Und auf einem weiteren Betrieb bei Delbrück tötete man Anfang Juni prophylaktisch 12.000 Legehennen. In der Zeit vom 26. Mai bis 3. Juni 2011 wurden insgesamt rund 65.000 Tiere "gekeult".

H7N1 – ein "harmloser" Typ

Die Geflügellobby gab bekannt, dass es sich dabei aber nicht um den gefährlichen Erreger H5N1 handelte, der vor zwei Jahren im Emsland grassierte. Diesmal ist es offenbar H7N1, ein harmloser, für den Menschen ungefährlicher Typ. Bereits im März 2011 war das Virus auf einem Legehennenbetrieb in der niederländischen Provinz Zeeland aufgetaucht. Die 127.500 Hennen seien "unschädlich beseitigt" worden, hieß es. Das niederländische Agrarministerium machte für die Übertragung erneut Wildvögel verantwortlich. In Deutschland wurde H5N1 erstmalig im Februar 2006 bei einigen toten Schwänen auf der Insel Rügen gefunden. Woher die Schwäne stammten, ließ sich nie eindeutig klären. Zwar wurde noch im selben Jahr die Ausscheidungen von Wildvögeln untersucht – mit negativem Testergebnis: In 25.000 Kot-Proben konnten keinerlei Spuren von H5N1 nachgewiesen werden. Doch verbreitet die Geflügellobby weiter hartnäckig die Behauptung, wilde Vögel würden das Virus in die Mastbetriebe einschleppen. Für alle im Freiland gehaltenen Hühner, Enten und Gänse wurde darum vorsorglich die Stallpflicht eingeführt.

Von einer Übertragung durch Wildvögel wird diesmal nicht gesprochen, denn betroffen ist ausschließlich Geflügel in Stallhaltung. Diese Tiere sehen in ihrem ganzen kurzen Mastleben kein Tageslicht. Politiker und Veterinäre verweigern sich bis heute der Einsicht, dass sich der hoch pathogene Vogelgrippeerreger H5N1 schon immer vor allem über kommerzielle Transporte von lebendem Geflügel und verseuchten Geflügelprodukten ausgebreitet hat und eben nicht über Wildvögel. Das zeigte sich auch wieder an der Reaktion der Diskutanten und Teilnehmer/innen des Europäischen Tierärztekongresses am 19. Mai 2011 in Brüssel, an dem auch PROVIEH teilnahm. Stur wurde auch dort auf unsere Nachfrage an der Mär von der Verbreitung durch Wildvögel festgehalten. Die grausamen, vorbeugenden Massenkeulungen wurden als notwendig akzeptiert. Über Tierschutzaspekte während der Tötungsaktionen sprach man erst gar nicht, obwohl das Thema der 150jährigen Jubiläumsveranstaltung der Tierärzteschaft gerade das Krisenmanagement war. Und die Stallpflicht in Deutschland wurde schon gar nicht in Frage gestellt. Dabei hat Professor Lorenzen, Vorsitzender von PROVIEH, schon 2008 in einer wissenschaftlichen Arbeit eindeutige Belege für die Ausbreitung der Vogelgrippe über die Handelswege durch den Kommerz mit verseuchten Tieren nachgewiesen (Fachartikel siehe unten).

Fette Prämien für Geflügelmäster

Indizien aus der täglichen Praxis gibt es aber auch so genug. Fast immer sind intensive Mastregionen und -betriebe betroffen, diesmal Rheda-Wiedenbrück, Rietberg, Delbrück. Diese Orte liegen am Rande des Münsterlandes, das bekannt ist für seine Intensivmastanlagen. Auch das Emsland (Niedersachsen/NRW) gehörte schon zu den betroffenen Regionen: An der Jahreswende 2007/2009 geriet die Geflügelhochburg Deutschlands wegen Vogelgrippe in die Schlagzeilen: 560.000 Puten wurden damals wegen des harmlosen Vogelgrippe-Virus H5N3 getötet, die meisten prophylaktisch. Jetzt dagegen sind es "nur" 65.000 getötete Vögel. Die betroffenen Mäster trauern zwar um ausbleibende Gewinne. Zu ihrem Glück springt die Tierseuchenkasse ein: Bei Geflügel zahlt sie bis zu 51 Euro je Tier, bei Legehennen natürlich viel weniger.

Massentötung als Marktregulierung

Unverständlich ist auf den ersten Blick, dass kein Unterschied zwischen hoch pathogenen Varianten (H5N1) und niedrig pathogenen, für den Menschen ungefährlichen und auch beim Geflügel oft gar nicht tödlich verlaufenden Varianten wie H7N1 gemacht wird. Die Geflügelpest-Verordnung vom 18. Oktober 2007 schreibt die Tötung von allem Geflügel vor, das von H5- oder H7-Viren befallen ist, seien diese niedrig- oder hochpathogen. Doch es gibt einen zweiten Gesichtspunkt: Bei einer Versorgung von mehr als 100% mit Geflügel in Deutschland können die Preise leicht in den Keller rutschen. Eine Massenkeulung reduziert dann ganz nebenbei auch das Überangebot an Geflügelfleisch. Wird das Angebot nach unten reguliert, steigen die Preise automatisch. Unter dieser Art der Marktregulierung leiden besonders ökologische und andere tiergerechte Betriebe sowie Hobbyhalter (oftmals von gefährdeten alten Nutztierrassen), die ihr Geflügel im Freiland halten und dies sogar noch rechtfertigen müssen, denn für Geflügel besteht generelle Stallpflicht. Sie wurde inzwischen in "Vogelgrippe-freien" Gebieten teilweise wieder aufgehoben, doch in bestimmten Regionen Deutschlands, besonders im Südwesten, gilt sie bis heute.

Unterdessen rühren Rothkötter und Wiesenhof weiter die Werbetrommel, um auch die restlichen Regionen in Niedersachsen mit Hähnchenmastbetrieben zu beglücken, bevor dort weitere Baustopps wegen mangelnder Brandschutzvorkehrungen, zu hohen Umweltbelastungen wie im Landkreis Emsland oder zu enger Zufahrtsstraßen wie in Etelsen (Verden) erlassen werden. Ein dreitägiger Transportstopp für Geflügel in Gütersloh und Paderborn soll in NRW die weitere Verbreitung des H7N1-Erregers verhindern. Ob sich das Virus an das Verbreitungsverbot hält, bleibt ungewiss. Eins aber ist sicher: Je größer die Geflügelbestände einzelner Betriebe und je höher die Dichte industrieller Geflügelmastanlagen ist, umso höher ist die Anzahl der - meist voreilig und sinnlos - gekeulten Tiere.

Susanne Aigner, Fachreferat Witzenhausen und Sabine Ohm, Europareferentin


Quellen und weiterführende Informationen:

Prof. Sievert Lorenzen: "Evolution und Ausbreitung des Vogelgrippe-Virus H5N1 Asia …" https://provieh.de/downloads_provieh/voelorenzeninternet.pdf

Geflügel: Keine Aufhebung der Stallpflicht in Sicht provieh.de/node/10665

Entschädigungen Tierseuchenkasse: http://www.ndstsk.de/index.php?bereich=6&topic_id=131

Meldungen zu aktuellen Massenkeulungen im Mai und Juni 2011: www.animal-health-online.de/gross/2011/03/25/h7-vogelgrippe-in-niederlaendischem-legehennenbetrieb/16662/

http://www.animal-health-online.de/gross/2011/05/30/weitere-toetungen-wegen-h7-gefluegelgrippe-in-ostwestfalen/17174/

http://www.agrarheute.com/vogelgrippe-01-06-11

Meldungen zur Vogelgrippe aus dem Jahr 2006: http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,400997,00.html

http://www.huehner-info.de/infos/krankh_gefluegelpest_06_aufstallung1.htm