Anständig essen. Ein Frühstück mit Karen Duve

25.02.2011: Verführerischer Duft nach frisch gebackenem Brot zieht durch die Duve_Karen_Foto_Thomas_MuellerBundesgeschäftsstelle von PROVIEH. Selbst-gemachte Marmeladen, süßes Obst und knackiges Gemüse, kerniges Müsli, verschiedene Brotaufstriche, eine Auswahl an Käsesorten sowie an Getränken laden zu einem „anständigen“  Frühstück ein. Die Autorin Karen Duve macht bei ihrer Lesereise Station in Kiel und ist heute zu Gast bei PROVIEH. Die Spannung und Freude beim ganzen Team ist groß. Das Buch „Anständig essen – ein Selbstversuch“ ist eine hochwillkommene Unterstützung für alle Nutztierschützer und hält sich seit Wochen in den Bestsellerlisten. Was liegt da näher als bei einem guten Essen mit der Autorin ins Gespräch zu kommen?

In der Frühstücksrunde herrscht Einigkeit: Die Art und Weise, wie in der industriellen Intensivtierhaltung mit den Tieren umgegangen wird, ist skandalös und muss uns als Gesellschaft beschämen. Doch "wenn der Skandal alltäglich ist, ist es verführerisch, zu denken, man bräuchte ihn deshalb nicht zu beachten. In Wirklichkeit heißt das aber, dass unser Alltag ein Skandal ist und dass etwas grundsätzlich falsch ist an der Art, wie wir leben.", sagt Karen Duve. Über ein Jahr hat sie sich eingehend mit den alltäglichen Gräueln in der „Massentierhaltung“ beschäftigt. Und sie hat versucht, ihr Wissen nicht länger beim Essen auszublenden. Wie aber isst man „anständig“? Was sind wir bereit, unseren Mitlebewesen, unserer Umwelt und uns anzutun, um selbst ein gutes Leben zu führen? Humorvoll und selbstironisch erzählt die Autorin in ihrem Buch und beim Frühstück von ihren Erfahrungen und Konsequenzen.

Der Eierbecher bleibt leer

Auf unserem gemeinsamen Frühstückstisch sucht man vergeblich nach Frühstückseiern. Denn selbst in der Biohaltung sind die Herden meist zu groß, um eine tragfähige soziale Ordnung zwischen den Hennen aufzubauen. Auf vielen Biobetrieben werden die Turbohühner der Industrie eingesetzt. Und auch für die Biolegehennenproduktion werden Jahr für Jahr Millionen männlicher Eintagsküken als „wirtschaftlich unattraktiv“ vernichtet. Karen Duve konnte sich bei den Recherchen für ihr Buch von den Zuständen auf einem großen Biohennenhof selbst überzeugen. Der Hühnerfreundin kommen, wenn überhaupt, nur noch Eier ins Haus, deren Herkunft sie genau kennt und wo sie die Haltungsbedingungen für akzeptabel hält. Ganz im Sinne der Kampagne „Bauernhahn statt Turbohuhn“, findet der Vorsitzende von PROVIEH, Prof. Sievert Lorenzen.

Und was ist mit Fleisch? Eine „Grillhähnchenpfanne“ spielt eine wichtige Rolle im Buch der Autorin, die wie die meisten Menschen als Kind selbstverständlich zum Fleischkonsum erzogen wurde. Karen Duve winkt ab, der Appetit auf Fleisch ist ihr nachhaltig vergangen. "Sich mit den Tatsachen der Mastanlagen und Schlachthöfe auseinanderzusetzen, ist kein Ausflug, von dem man zurückkommen kann, um am Kamin von seinen Abenteuern zu erzählen und anschließend sein vorheriges Leben wieder aufzunehmen.“

Beleidigte Leberwürste

Karen_Duve_und_die_Ferkel-Arche_Warder

Eine einsame Leberwurst auf dem Frühstückstisch bleibt unangetastet, obwohl sie von einem regionalen Biohof mit besonders vorbild-licher Tierhaltung und Hausschlachtung stammt. Sie bietet willkommenen Anlass zu einem Gespräch über „ganze Tiere“ und dass die Wertschätzung für Produkte aus artgemäßer Haltung nicht beim Filet enden darf. Wer Fleisch essen will, dem muss nicht nur bewusst sein, dass dafür Tiere gehalten und geschlachtet werden. Selbst aufgeklärte Bio-Kunden greifen zu oft nur zum Filet und lassen Innereien oder andere „weniger edle“ Teile liegen. Die gehören aber zu jedem Tier dazu, das für den menschlichen Genuss sein Leben lassen musste.

Über den Minimalkonsens zum Thema Fleisch sind sich am Tisch alle einig: Fleisch aus qualvoller Haltung und Schlachtung gehört auf keinen Speiseplan. Wie „beleidigte Leberwürste“ reagierten dagegen Vertreter des Bauernverbands auf den Bucherfolg von „Anständig essen“. „Schon wieder ein Veganerbuch!“ stöhnten sie auf einer Veranstaltung im Januar 2011, bei der PROVIEH als Diskussionsteilnehmer geladen war. Dabei sollte ihnen klar sein, dass die Wut in der Bevölkerung allein in ihrer eigenen Gülle gewachsen ist. Wer Tiere als Produktionsmittel missbraucht und ihre arteigenen Bedürfnisse missachtet, wird immer weniger Freunde im Land finden.

Macht Milchkonsum Kopfschmerzen?

Die Käseplatte auf dem Frühstückstisch erfreut sich allgemeiner Beliebtheit. Zu jedem Käse lässt Die_Halbstarken:Jeder_will_was_abhabensich eine Geschichte erzählen. Die Milch für den Ziegenkäse stammt von einem Bioziegenhof, der von PROVIEH in der Kampagne gegen den Bau von Europas größter Ziegen-massentierhaltung als lobenswertes Alternativmodell vorgestellt wurde. Ein Stück „Milbenkäse“ hat seinen besonderen Geschmack dadurch erhalten, dass spezielle Milben die Käsekruste abgefressen haben. Milben als Nutztiere sind wohl nur wenigen Menschen bekannt. Und ein weiterer Käse stammt von einem regionalen Biohof, der sich für die Ammenkuhhaltung einsetzen will. Beim Stichwort „Ammenkuhhaltung“ horcht unser Gast auf. Ganz mag sie nicht auf Käse und Jogurt verzichten. Das scheidet auch zwischen Vegetariern und Veganern die Geister. Karen Duve weiß, dass für die Milcherzeugung die Kälber von der Mutter getrennt werden. Und auch das Schicksal der männlichen Nachkommen von Milchziegen, Kühen oder Schafen ist ihr bewusst. Den Kälbern zumindest die Möglichkeit zu bieten, als Säugetiere verhaltensgerecht von einem Muttertier groß gezogen zu werden, hält sie für eine sehr anstrebenswerte Haltung. Doch das Thema Milchkonsum macht nicht nur Vegetariern Kopfschmerzen. PROVIEH trifft sich noch am selben Tag mit Bauern aus dem „Bund Deutscher Milchviehhalter“ (BDM), um über faire Preise für faire Haltung zu sprechen. Denn ohne Geld kann selbst der gutwilligste Bauer keine Verbesserungen einführen.

Besuch auf der Arche

Nach dem Frühstück fahren wir die Tiere besuchen, um die es bei der Arbeit von PROVIEH und auch in dem Buch von Karen Duve geht. Der Archepark Warder kümmert sich um seltene Rinder, Schweine und Hühner. Unterstützt wird der Mitgliedshof der „Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen“ (GEH) von Greenpeace und einem wachsenden Kreis engagierter Menschen. Besonders angetan ist Karen Duve von den Poitou-Eseln und ihrem Nachwuchs. Die Stuten und der Hengst tragen zottelige Dreadlocks, das Fell der Fohlen dagegen ist unfassbar weich und lädt zum Kraulen ein. Sehr angenehm für die Finger, denn der klare Februartag ist bitterkalt. Auch die Schweine ziehen es vor, sich im Stroh zu einem Sauhaufen zusammen zu kuscheln. Ich mache die Autorin mit unseren „Kampagnenschweinen“ bekannt, den Turopoljern. Sie bieten für extensive Schweinehalter eine interessante Möglichkeit zum Verzicht auf die Ferkelkastration, weil sie erst sehr spät geschlechtsreif werden (siehe auch Bericht in diesem Heft). PROVIEH hat sich an den Kosten für den Ausbau eines verhaltensgerechten Freigeheges mit Teich im Archepark beteiligt. Doch ausgiebige Regenfälle gefolgt von starkem Frost haben den Schweineteich zu einer einzigen Eisbahn gemacht, die Turopoljer mussten in den Strohstall umquartiert werden. Dort lassen sie sich die Rüsselscheibe kraulen, mit dem nötigen Respekt auf unserer Seite, denn ein Saubiss kann ordentlich schmerzhaft sein.

Der_Poitou-Esel_hat_es_ihr_angetan

Den Wasserbüffeln im Freiland macht die Überschwemmung weniger aus. Karen Duve erzählt, dass ein solches Rind beinahe einmal Mitglied der tierischen Gemeinschaft bei ihr zuhause geworden wäre. Wir unterhalten uns über schonende Schlachtverfahren auf der Weide und welche Steine solchen fortschrittlichen Methoden durch die Behörden in den Weg gelegt werden. Es scheint geradezu absurd, dass der Agrarindustrie dagegen seitens der Politik der rote Teppich ausgerollt wird, wo immer es geht. Mit einem Besuch bei den Bunten Bentheimer Ferkeln endet unser Rundgang. Die Ferkel interessieren sich viel mehr für den Inhalt des Picknickkorbs als für die beiden Menschen. Und die Autorin muss zur nächsten Station ihrer Lesereise nach Bremen aufbrechen.

In der Fruchtallee

Auf dem Weg zum Bahnhof fahren wir durch Hamburg. Karen Duve hat exzellente Ortskennnisse, immerhin ist sie hier jahrelang Taxi gefahren und hat das in einem Buch verarbeitet. Ich frage nach ihren Erfahrungen mit der fruktarischen Ernährung. Gerade kommen wir durch die Fruchtallee, das passt ja bestens. Nur Pflanzenbestandteile zu nutzen, die als Frucht oder ohne Verletzung der lebenden Pflanze geerntet werden können, war die weitreichendste Phase aus ihrem Selbstversuch. Aus ihren Erzählungen wird deutlich, wie viel Respekt sie dieser ethischen Haltung entgegen bringt. Doch auch wenn ich mich auf studentischen Exkursionen tageweise nur von „Studentenfutter“, also Nüssen und Rosinen ernährt habe, muss ich ihr zustimmen, dass eine solche Ernährung auf Dauer sicher nicht jedermanns Sache wäre. Selbst eine vegane Lebensweise verlangt dem Menschen ein sehr hohes Maß an Disziplin, Wissen und Willensstärke ab. Diesen Anspruch an alle Menschen zu erheben, unabhängig vom Lebensalter, von der persönlichen Situation und der individuellen Handlungsfähigkeit, wäre sicher nicht fair.

Die Politik muss handeln!

Wie weit reicht nun aber die Verantwortung der Verbraucher, anständig zu essen? Und was muss eigentlich noch alles passieren, damit sich etwas grundlegend ändert in der Ernährungswirtschaft? Karen Duve antwortet scharf. Nicht allein die Verbraucher müssten ihr Verhalten ändern, sondern vor allem diejenigen, die an qualvoller Tierhaltung verdienen. Und an allererster Stelle sei die Politik in der Pflicht. „Es entspricht dem gesellschaftlichen Konsens, dass für die Produktion von Lebensmitteln keine Tiere unnötig gequält werden sollen.“, fordert sie die Verordnungsgeber auf, endlich die geltenden Haltungsvorschriften dem Verfassungsauftrag und dem Mehrheitswillen anzupassen. Verhaltensgestörte Schweine, verstümmelte Hühner, an der eigenen Milchproduktion leidende Kühe oder aus Profitinteressen vernichtete Küken dürfen nicht länger billigend in Kauf genommen werden. Jeder einzelne Mensch muss seine Konsequenzen daraus ziehen, nicht nur bei der Ernährung. PROVIEH-Mitglieder wissen, was das bedeutet: Gemeinsam dafür einzutreten, dass sich die Lebensbedingungen der Tiere in der Landwirtschaft zumindest gewaltig verbessern, solange unsere Gesellschaft für sich das Recht in Anspruch nimmt, Fleisch und andere tierische Erzeugnisse zu nutzen. Das verbindet alle bei PROVIEH aktiven Menschen - vom Hühnerbauern bis zur Veganerin.

Möge das Buch von Karen Duve in den Bestsellerlisten bleiben, bis seine Botschaft in jeder deutschen Essensrunde angekommen ist.

Stefan Johnigk