Molly

Halb flatternd halb laufend erreichte Puttelchen den Hühnerstall. Sie hatte sich verspätet und die Tür zum Stall war schon verschlossen. Was nun? Schnell lief sie zum Pferdestall, schlüpfte durch das Katzenloch und stand vor der Box des kleinen Shetlandponys Molly.“Hallo Molly, darf ich bei dir schlafen?“fragte sie. „Natürlich“, antwortete Molly, und das Hühnchen flatterte über die Boxentür und plumpste ins weiche Heu neben der Stute, die genüsslich daran knabberte.“Darf ich dich etwas fragen Molly?“ Das Shetlandpony senkte seinen Kopf mit der dicken Mähne hinunter zu Puttelchen. Molly_Janet-StrahlDie Henne sah in die großen dunklen Augen des Pferdes und spürte den warmen Atem aus den Nüstern auf ihrem Gefieder. „Du siehst immer so zufrieden aus Molly, warst Du immer so glücklich in deinem Leben?“ „Nein, ganz gewiss nicht. Auch ich habe, wie alle Tiere hier auf dem Hof, eine schreckliche Vergangenheit. Ich lebte und arbeitete bei einem kleinen Wanderzirkus. Wir zogen von Ort zu Ort und meine Aufgabe war es, Tag für Tag Kinder im Kreis auf mir reiten zu lassen. Abends war mir immer ganz schwindelig und ich bekam nur das Nötigste zu essen. Wenn ich nachts in meiner engen Box stand, träumte ich von einer Weide mit grünem Gras und der Sonne, die mein Fell wärmte und von anderen Pferden mit denen ich frei über die Weide galoppierte. Der Zirkus war ständig in Geldnot und der Zirkusdirektor konnte häufig das Futter für die Tiere nicht kaufen. Hier in diesem Dorf jedenfalls verkaufte mich der Zirkusdirektor an einen Landwirt. Mein schöner Traum von einem besseren Leben erfüllte sich aber nicht. Im Gegenteil meine Lage verschlechterte sich noch. Fortan stand ich unbeachtet auf einer viel zu nassen Weide, niemand kümmerte sich um mich und ich war aus Einsamkeit ganz verzweifelt. Im Zirkus hatte ich wenigstens Gesellschaft und die kleinen Kinder waren meistens sehr freundlich zu mir gewesen. Nun fing meine Haut ganz furchtbar an zu jucken und ich musste mich scheuern bis viele Stellen an Mähne und Schweif blutig waren. Der Zustand war ganz unerträglich und die Sonne brannte auf meiner kahlen Haut. Ich sah ganz krank und elend aus. An einem Morgen kam der Bauer mit einem fremden Mann auf die Weide. Bestimmt ein Tierarzt, dachte ich, und das mein neuer Besitzer doch meine Not erkannt hatte und sie nun lindern wollte. Hier ist das kranke und hässliche Pony, hörte ich ihn sagen. „Ja, da kriegst Du nur noch den Schlachtpreis für. Am besten ich hole es nächste Woche ab“, war die Antwort des Anderen. Eine eisige Hand drückte mir das Herz zusammen. Sollte so mein Ende sein? Ich war doch noch so jung. In der dunklen Nacht überfiel mich Panik. Gab es noch Rettung für mich? Wohin sollte ich fliehen? Sollte mein Leben wirklich im Schlachthof enden? Jeden Tag zitterte ich vor Angst, sobald sich ein Auto der Weide näherte. Holen sie mich jetzt ab? Es gab keine Hoffnung. Ich stand nur da mit geschlossenen Augen und träumte von einem schöneren Leben. Eine sanfte Stimme sprach zu mir, zarte Hände streichelten mich und eine süße Möhre roch köstlich vor meiner Nase. Doch was war das? Ich schmeckte die Möhre, ich hörte die Stimme und fühlte das Streicheln auf meiner Haut. Wie durch ein Wunder war alles Wirklichkeit. Eine Frau stand vor mir, drückte sich an mich und führte mich dann von der Weide. Sie hatte mich freigekauft und so kam ich statt zum Schlachter hier auf diesen Hof. Hier habe ich echte Gefährten gefunden und mein Fell wuchs wieder nach, da nun ein schönes und glückliches Leben für mich begann. Puttelchen hatte gebannt zugehört. Sie konnte sich gar nicht vorstellen, dass die hübsche Molly einmal so hässlich ausgesehen hatte. Aber wie kahl und zerrupft hatte sie selbst ausgesehen nach ihrer Flucht aus der Legebatterie? Sie kuschelte sich dichter an Molly und beide versanken in einen tiefen und glücklichen Schlaf.

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