Hartung rudert zurück

28.06.2011: Die im Herbst 2010 veröffentlichte Studie der Tierärztlichen Hochschule Hannover (TiHo) wird von ihrem Autor Jörg Hartung ein halbes Jahr später offenbar völlig ignoriert. In einem aktuellen Beitrag der ARD erklärt sich der Leiter des Instituts für Tierhygiene, Tierschutz und Nutztierethologie mit den Missständen in der Hühnermastindustrie im Großen und Ganzen einverstanden.

Im Rahmen einer zeitaufwändigen Studie waren zwei Ställe des TiHo-Forschungsguts Ruthe von Hartung und seinen Mitarbeitern untersucht worden. In Wort und Bild haben Hartung und seine Mitarbeiter die Missstände in den eigenen Mastställen genau dokumentiert. Die Ergebnisse, veröffentlicht in einem 130-seitigen Dokument auf der Homepage des Niedersächsischen Landwirtschaftsministeriums, sind alarmierend:

So leiden 58 bis 100 Prozent aller Masthühner nach Erreichen ihres Schlachtgewichtes von 2,2 kg unter entzündeten Fußballen. Das sind allein 28,5 Millionen Tiere in Niedersachsen. Ursache hierfür sei die Einstreu, die durch den Kot zur Mitte der Mast erst matschig werde und dann krustige, feste Klumpen bilde. Mit Besatzdichten von 39 kg/m² in den letzten 5 Tagen der Mast steht den Hühnern in Deutschland weniger Platz zur Verfügung als Legehennen in der Kleingruppenhaltung. Eine schematische Darstellung aus dem Jahr 2007 von Herrmann Focke verdeutlicht, dass sich Hühner schon bei 33 kg/m² kaum noch bewegen können. Die Platzabmessung in der EU-Richtlinie (max. 42 kg/ m²) sei neu zu überdenken, meint Hartung in der oben genannten Studie. Den Tieren müsse „ein zusätzlicher Raum für die Ausübung arttypischer Verhaltensweisen und für Fortbewegung gewährt“ werden. Damit widerspricht er seiner Rede im Fernsehbeitrag der ARD. Hier findet er nämlich, dass 39 kg Hühnerkörper je Quadratmeter in der letzten Mastwoche eine vertretbare Besatzdichte sei.

In Hartungs Bericht werden auch die hohen Verluste am Schlachthof kritisiert: Viele Hühner mit Verletzungen überlebten den Transport nicht und kämen bereits tot dort an. Zudem wiesen die Hühner regelmäßig Kratzer und Hämatome am Rücken auf sowie Unterhautblutungen, vermutlich verursacht durch  Krallen von Artgenossen, durch herausgerissene Federn beim „Handling“ oder während des Schlachtprozesses noch lebender Tiere. Im Filmbeitrag kommen diese Verletzungen überhaupt nicht zur Sprache: Die Tiere werden im Akkord mit dem Kopf nach unten an das Fließband gehängt, dass sie zum Elektrobad befördert und in dass sie zwecks Betäubung hineingetaucht werden. Zwar wird kurz die Alternative der CO² -Betäubung erwähnt, wegen der Erstickungsgefühle, die bei den Tieren auftreten, jedoch wieder verworfen. Hartung räumt ein, dass die Tiere Stress empfinden, ähnlich den Schweinen, die vor ihrer Schlachtung erwiesenermaßen Stresshormone ausschütten. Doch seien diese bei Hühnern „noch nicht hinreichend untersucht“. Dabei wird bereits in einer Studie des European Food Safety Authority (EFSA) aus dem Jahr 2004 das elektrische Wasserbad als äußerst kritisch beurteilt. Die Behörde empfiehlt aus Tierschutzgründen, das Elektro-Wasserbad abzuschaffen (Studie siehe unten).

Bleibt die Frage, welche Schlussfolgerungen Herr Hartung persönlich aus seinen eigenen wissenschaftlichen Untersuchungen zieht? Warum spricht er nicht Klartext auch vor der Kamera? Hat ihn die Mastindustrie zurückgepfiffen? Sein Verhalten weist einmal mehr darauf hin, dass auch der kürzlich veröffentlichte „Tierschutzplan Niedersachsen“ im Prinzip eine Farce ist. Er war von Anfang an nur ein „Arbeitsprogramm“: Die darin enthaltenen laschen Tierschutzziele sind unverbindlich und können jederzeit widerrufen werden.

Susanne Aigner, Fachreferat Witzenhausen


 

Weiterführende Quellen:

ARD-Sendung „Massenware Hühnerfleisch“ vom 9. Juni 2011: http://www.ardmediathek.de/ard/servlet/content/3517136?documentId=7412272

J. Hartung u. B. Spindler: Abschlussbericht Untersuchungen zur Besatzdichte bei Masthühnern und Tierschutzplan Niedersachsen: www.ml.niedersachsen.de/live/live.php?navigation_id=1312&_psmand=7

Tierschutznutztierverordnung: http://bundesrecht.juris.de/tierschnutztv/__19.html

Focke, Herrmann: Tierschutz in Deutschland - Etikettenschwindel? Berlin, 2007 (271-272)

Das „Animal Welfare Council“  zum elektrischen Wasserbad vor der Schlachtung: http://www.guardian.co.uk/uk/2008/aug/17/animalwelfare.ruralaffairs

EFSA-Studie (2004) “Welfare aspects of the main systems of stunning and killing the main commercial species of animals”: www.sancotraining.izs.it/2008/news/training%20material%20course%202/course%202-5%20march/LEGISLATION/EFSA%20Scientific%20opinion%20welfare%20aspect.pdf

Geflügelmast-Studie: http://www.haz.de/Nachrichten/Politik/Niedersachsen/Neue-Gefluegelmast-Studie-deckt-Tierschutzmaengel-auf   

Geflügelverband weist Missstände zurück: http://www.landundforst.de/gefluegelverband-weist-missstaende-zurueck-kritik-an-studie-bild-geplant