Besetzung und Räumung – eskalierende Gewalt durch die Agrarindustrie

29.06.2011: In Teplingen bei Lüchow im Wendland soll der Bau einer Hähnchenmastanlage mit 40.000 Mastplätzen durchgepeitscht werden. Um eine Bebauung zu verhindern, hielten Gegner der Anlage das betreffende Baugelände besetzt. Dabei soll es auch zu körperlichen Angriffen und Verletzungen gekommen sein.

Der Maststall soll ein Zulieferbetrieb des geplanten Schlachthofes in Wietze werden, in der 2,5 Millionen Tiere pro Woche sterben sollen. Dieser wird allerdings nur dann vollständig in Betrieb gehen können, wenn sich 420 Vertragsmäster finden, die den Schlachthof am laufenden Band mit Hähnchenfleisch beliefern. Die Gegner wollen darum beides verhindern – den Schlachthof in Wietze und die Mastanlage in Teplingen. Und der Widerstand wächst, wie die stetig wachsende Anzahl der Bürgerinitiativen eindrucksvoll belegt.

Am Sonntag, den 26. Juni 2011 besetzten Demonstranten die Anlage einer geplanten Hähnchenmastanlage in Teplingen. Sie errichteten einen dreibeinigen Turm aus Baumstämmen (Tripod) und übernachteten auf dem Gelände. Ein Räumungsversuch der Polizei wurde abgebrochen. Daraufhin übten Befürworter der Intensivmastställe und Agrarindustrie Selbstjustiz, indem sie am Abend des 27. Juni die Besetzung gewaltsam mit Hilfe von schwerem Gerät räumten. Dabei zerstörten sie den Tripod, und es kam zu gewalttätigen Auseinandersetzungen. Einer Besetzerin zu Folge überfuhren die Agrarindustriellen mit ihren Treckern die Zelte, ohne sich vorher vergewissert zu haben, dass keine Menschen darin sind. Kritik gab es auch an der Polizei, die laut Angaben der Besetzer zwar rechtzeitig informiert war, jedoch erst sehr verspätet kam, um den Streit zu schlichten. Nun hagelt es Anzeigen von beiden Seiten.

Ein Vergleich zwischen der Besetzung fremden Eigentums und der konkreten Ausübung von Gewalt an Menschen und deren Eigentum spricht allerdings für sich.

Dieser Vorgang erinnert an so viele Bauprojekte, die hierzulande gewaltsam durchgesetzt werden: Ähnliches ereignete sich beispielsweise auf dem Baugelände in Wietze, das im Sommer 2010 für drei Monate besetzt wurde, um den Bau des Geflügelschlachthofes zu verhindern. Die Vorfälle finden immer nach demselben Muster statt: Die Agrarindustriellen entscheiden, wo es langgeht und setzen ihre Interessen durch, egal, wie die Mehrheit denkt. Dabei lassen sie die Menschen glauben, sie handelten in deren Interesse. Das Gegenteil ist der Fall. In der Mastindustrie werden die Tiere in viel zu hohen Besatzdichten und zu kurzer Lebensdauer auf engsten Raum eingesperrt. Durch zu hohe Gülle-Mengen wird das Grundwasser verseucht, weil die Flächen für ihre Entsorgung nicht ausreichen, und die Anwohner sind ständigen Geruchsbelästigungen ausgesetzt. Das spielt in der Argumentation der Mastindustrie aber keine Rolle. Ihre Entscheidungen begründet sie am liebsten mit Arbeitsplätzen, die angeblich in großer Anzahl in der Region entstünden. Ist das Projekt dann einmal realisiert, ist von den vielen Arbeitsplätzen jedoch keine Rede mehr.

Auch die angeworbenen Mäster werden von den Konzernen (Wiesenhof, Rothkötter, Stolle) an der Nase herum geführt. Leider begreifen sie das oft erst, wenn der Hähnchenpreis wieder im Keller ist und die Erlöse aus der Mast nicht mehr ausreichen, um die Kredite für den Stallbau zurückzuzahlen. Dann erst erkennt der Eine oder Andere den großen Irrtum in dem Glauben, mit der Hähnchenmast das schnelle Geld verdienen zu können. Oft genug kommt für ihn die Erkenntnis dann aber zu spät.

Susanne Aigner, Fachreferat Witzenhausen


http://wendland-net.de/

http://www.taz.de/1/nord/artikel/1/angriff-der-maesterwehr/

http://www.taz.de/1/nord/artikel/1/gekommen-um-zu-bleiben-2/                       

http://wendland-net.de/index.php/artikel/20110628/abl-verurteilt-gewaltsame-bauplatz-raeumungfuer-masthuehn-21905                                                                    

http://www.bauernhoefe-statt-agrarfabriken.de/node/125

http://stopteplingen.blogsport.de/

Frühere PROVIEH-Artikel zu Hähnchenmast und Schlachtindustrie:

1.12.2010: https://provieh.de/s3335.html 

29.09.2010: https://provieh.de/s3412.html                                                                            

PROMA 3/2010, S. 26 – 27:

https://provieh.de/downloads_provieh/provieh_magazin_2010_03.pdf