"Tierwohl" darf weder Worthülse noch Nischenprodukt sein

07.07.2011: Immer mehr Menschen legen Wert darauf, dass Nutztiere ein ihrer Art gemäß akzeptables Leben hatten, bevor sie am Schlachthof enden. Auch für Schweine ist das Leben vor dem Schnitzel aber meist ein Schweineelend. Wer nun für seine Produkte mit mehr "Tierwohl" wirbt, muss sich gefallen lassen, dass man sich genau anguckt, was für Verbesserungen für die Schweine tatsächlich drin sind. Das schmeckte der "ISW - Interessensgemeinschaft der Schweinehalter Wirtschafts-GmbH" nicht.

PROVIEH sollte "endlich anerkennen, dass es neben dem ohnehin schon hohen Tierschutzniveau in Deutschland in der Branche durchaus Bemühungen für zusätzliche Tierschutzprogramme gibt", lautete die Reaktion der ISW auf die unverhohlene Kritik von PROVIEH an der "Aktion Tierwohl" der Firma Westfleisch. Es dürfe nicht sein, dass pauschal alle Landwirte mit zusätzlichen Auflagen belastet würden und gleichzeitig nur den Standardpreis bei der Schlachtschweinevermarktung erzielten.

PROVIEH beschränkt sich nicht auf Kritik, sondern hat mit Westfleisch einen konstruktiven Dialog aufgenommen, wie sich Verbesserungen in der Schweinehaltung erzielen lassen und wie Bauern fairere Preise für bessere Haltung erzielen können. Es wurden die Westfleisch-Schlachthöfe in Coesfeld und Lübbecke besucht, und es wurde vereinbart, in einem ersten Versuch fünf Schweinehalter fachlich bei den Bemühungen zu begleiten, künftig auf das Schwanzkupieren zu verzichten. Das Projekt soll gemeinsam mit dem Agrarministerium Nordrhein-Westfalen (NRW) durchgeführt werden. Denn fast allen Ferkeln - auch denen innerhalb der Aktion "Tierwohl" - wird in der konventionellen Haltung weiterhin vorbeugend und ohne Betäubung der Schwanz kupiert, was einen Verstoß gegen geltenden deutsches und EU-Recht darstellt. Dagegen hat PROVIEH Beschwerde bei der EU eingelegt. NRW hatte darauf bereits mit einem ab Januar 2011 in Kraft getretenen Erlass reagiert und möchte nun seiner Vorreiterrolle weiter gerecht werden.

Aus Tierschutzsicht ist auch sinnvoll, dass männliche Schweine, die unter dem Label der "Aktion Tierwohl" vermarktet werden, nicht mehr kastriert werden. Die Ebermast bedeutet nicht nur einen Verzicht auf den schmerzhaften Eingriff zum Entfernen der Hoden, sondern muss auch bei Transport und Schlachtung deutliche Verbesserungen nach sich ziehen aus dem einfachen Grund, dass Leiden und Stress bei Jungebern häufig zu einer höheren Rate von Geruchsauffälligkeiten führt. Diese zu vermeiden ist nun auch für Westfleisch ein erklärtes Ziel. PROVIEH sieht das als begrüßenswerten Sinneswandel an, denn in den ersten Jahren nach Beginn (im Juni 2008) der Kampagne zur Abschaffung der Ferkelkastration lief die Westfleisch öffentlich in allen Foren Sturm gegen die Ebermast.

Beim Besuch des Schlachthofes in Coesfeld zeigte sich, wie wichtig der Dialog zwischen Tierschutzorganisationen und Fleischerzeugern ist. Rund 630 Schweine pro Stunde werden dort geschlachtet. Die Entblutung (nicht die Betäubung) wird durch eine Kombination aus Stichblutmengenmessung und Wärmebildkamera kontrolliert. So soll sichergestellt werden, dass kein Schwein noch am Leben ist, wenn es in die weitere Verarbeitung gelangt. Das Verfahren ist zum Patent angemeldet. PROVIEH wurde vor Ort Zeuge von praktischen Schwierigkeiten und machte konkrete Verbesserungsvorschläge, wie das System sicherer gegenüber menschlichen Fehlern und Pannen gemacht werden könne. Diese Anregungen wurden von Westfleisch umgehend umgesetzt.

Mehr Tierschutz in der Nutztierhaltung von der Geburt bis zum Schlachthof geht nur, wenn die Bauern für den Aufwand einer faireren Haltung auch fairere Preise erzielen können. Das ist für PROVIEH ein Schlüsselthema in jeder Kampagne. Westfleisch zeigt in dieser Hinsicht noch Defizite und wurde deshalb von PROVIEH kritisiert. Begründung: Bei der "Aktion Tierwohl" sollen die  beteiligten Schweinebauern einen Teil des um zehn Prozent höheren Vermarktungserlöses erhalten. Üblich ist ein durchschnittlicher Endverkaufspreis von 4,50 Euro pro kg Schweinefleisch. Bei der "Aktion Tierwohl" steigt der Preis also auf 4,95 Euro. Von jedem Schwein landen rund 30 kg des Schlachtgewichts im Frischfleischverkauf. Das bedeutet pro Schwein in der Summe einen Mehrerlös von 30 x 0,45 Euro = 13,50 Euro. Westfleisch zahlt den auditierten Erzeugern im Schnitt drei Cent mehr pro Kilo und behält nach eigenen Angaben selbst weitere 3 Cent (also ca. 3 Euro pro Schwein), so dass von den 13,50 Euro Mehrerlös 7,50 Euro - mehr als die Hälfte - beim Lebensmitteleinzelhandel landen. Westfleisch begründet den geringen Anteil für die Bauern damit, die Kosten für die Projektentwicklung erst wieder einspielen zu müssen, und stellt für die Bauern eine höhere Gewinnbeteiligung erst zu einem späteren Zeitpunkt in Aussicht. Das ist nicht fair, weil die Schweinebauern auf ihre Weise auch an der Projektentwicklung beteiligt sind.

Entlarvend ist, wie der ISW die "Aktion Tierwohl" einstuft: Das Programm bediene ähnlich wie "Bio" nur eine Marktnische. Damit sagt der ISW indirekt: Allein schon die Einhaltung von deutschem und EU-Recht führe zur Bedienung einer Marktnische. Entgegen deutschem und EU-Recht ist es in der konventionellen Schweinemast – anders als bei der Bio-Schweinehaltung – noch immer üblich, gegen gesetzliche Mindestbestimmungen wie der Bereitstellung von natürlichem Beschäftigungsmaterial und dem oben erwähnte Verbot des vorbeugenden Schwanzkupierens zu verstoßen. Das geschieht auch bei der "Aktion Tierwohl". Der Begriff "Tierwohl" ist zudem bei Agrarwissenschaftlern und Tierethologen schwergewichtig belegt und steht in seinen Anforderungen keineswegs unterhalb des Tierschutzes. Er impliziert nämlich neben dem Schutz der Tiere vor unnötigen Schmerzen und Leiden (Tierschutz) auch die Möglichkeit, alle angeborenen Verhaltensweisen weitgehend ausleben zu können. Das lustvolle Stöbern und Wühlen nach Nahrung, das ungestörte Ruhen im separaten Liegebereich fernab vom Kotplatz oder die notwendige Bewegungsfreiheit sind auch für Schweine in konventioneller Haltung angeborene Bedürfnisse. Sie zu befriedigen würde das Tierwohl fördern, und das darf nicht länger mit dem Begriff der Nische besetzt werden. Dafür setzt PROVIEH sich konstruktiv ein, auch im Dialog mit Fleischerzeugern und Fleischvermarktern.

Stefan Johnigk, Geschäftsführer