Das Geschäft mit dem Schwein - ein Geschäft, das zum Himmel stinkt!

14.07.2011: In einigen Regionen Deutschlands sind durch die Industrialisierung der Landwirtschaft im Allgemeinen und der Schweinehaltung im Besonderen die Grenzen der Vertretbarkeit längst überschritten, aber die Politiker in Deutschland gebieten keinen Einhalt.

Über die Hälfte der fast 27 Millionen in Deutschland gehaltenen Schweine werden in nur zwei Bundesländern gehalten - in Niedersachsen mit über 8 Mio. und Nordrhein-Westfalen mit 6,4 Mio. Tieren. Kräftige Zuwächse gerade in der Schweinehaltung gibt es vor allem in nördlichen und östlichen Bundesländern wie Sachsen-Anhalt mit plus 5,5 % innerhalb eines halben Jahres.

Bürgerwiderstand formiert sich allenthalben, aber die Bemühungen, der wuchernden Massentierhaltung Einhalt zu gebieten, sind längst nicht immer von Erfolg gekrönt. Die Kommunen werden einfach nicht tätig, obwohl sie z.B. für die Einhaltung der Brandschutzvorgaben zuständig sind, die bei den Bauvorhaben fast immer völlig unzureichend sind. Im Brandfalle könnten die Ställe niemals rechtzeitig evakuiert werden – wie auch bei zigtausend Schweinen pro Stalleinheit ohne Fenster mit nur einer Tür? Und das Bauprivileg erlaubt es den Landwirten und Investoren sogar, fast hemmungslos neue Stalleinheiten zu errichten – mit wenigen Einspruchsmöglichkeiten für die Anwohner. So hat die Bürgerinititive in Alt Tellin in Mecklenburg-Vorpommern inzwischen die Segel gestrichen, denn dem Vorhaben der Schweinezucht Alt Tellin GmbH, die zur Firmengruppe des niederländischen Schweinzüchters Adrian Straathoff gehört, steht nichts mehr im Wege.

Der Baubeginn der brandneuen Schweinezuchtanlage in Alt Tellin, die mit einer Gesamtkapazität von 46.000 Schweinen eine der größten Europas werden wird, ist bereits für Juli 2011 geplant. 10.500 Muttersauen in sechs Ställen sollen dort jährlich 250.000 Ferkel produzieren, die in anderen Anlagen bis zur Schlachtreife gemästet werden. Anders als in den Niederlanden muss Straathoff in Deutschland nicht für Verschmutzungsrechte zahlen und bekommt für den Bau neuer Stalleinheiten weniger strenge Auflagen. In Deutschland haben bisher nur eine Handvoll Landkreise (wie das Emsland) die Auflagen verschärft und verlangen insbesondere die Einhaltung von Brandschutzvorgaben. Werden diese nicht erfüllt, wird Baustopp für neue Anlagen verhängt.

Großanlagen wie die in Alt Tellin erhöhen die ohnehin schon über 110 % liegende deutsche Eigenversorgung mit Schweinefleisch noch weiter und drängen kleinere, familiäre Bauernbetriebe aus dem Wettbewerb in den Ruin, da die Großanlagen durch ihre schiere Größe NOCH effizienter arbeiten: Mit wenig Personal und einigen Maschinen werden zehntausende Schweine gleichzeitig „versorgt“. Kein Wunder also, dass es inzwischen nur noch 31.700 schweinehaltende Betriebe in Deutschland gibt (Stand: Mai 2011), weniger als die Hälfte im Vergleich zu den 90er Jahren, dafür aber mit immer mehr Tieren pro Betrieb, im Bundesdurchschnitt inzwischen 844, in Sachsen-Anhalt aber 4.800 Schweine.

Wie gravierend die Auswüchse vielerorts bereits sind, wurde jüngst in der ARD-Panoramasendung vom 4. Juli 2011 eindrücklich am Beispiel Niedersachsen dargestellt. Trinkwasser und Böden werden zunehmend durch Nitrat und Antibiotika aus Schweinegülle verseucht. Die Geruchsbelastung für die Anwohner wird immer schlimmer. Und Interviews mit Schweinehaltern verdeutlichen die gnadenlos ökonomische Sicht auf das Schwein als reinem Produktionsfaktor in der industrialisierten Landwirtschaft. Die Schweine-„Erzeuger“ sind im Überlebenskampf nur noch mit Effizienz und Optimierung beschäftigt. Ob und welche Bedürfnisse das Tier hat, kann über das zur Produktion notwendige Minimum hinaus nicht berücksichtigt werden. Dabei bleiben Umwelt, Gesundheit und das Tierwohl auf der Strecke.

Prof. Dr. Sievert Lorenzen, Vorsitzender von PROVIEH


Sehen Sie den gesamten Beitrag der ARD und lesen Sie mehr dazu unter:
http://www.ndr.de/regional/niedersachsen/oldenburg/schweine149.html

Quellen und weiterführende Informationen

Zahlen des Statistischen Bundesamts: http://www.pressemitteilungen-online.de/index.php/zahl-der-landwirtschaftlichen-betriebe-mit-schweinehaltung-sinkt/

Bauernhöfe statt Agrarfabriken:
www.bauernhoefe-statt-agrarfabriken.de