Gemeinsam gegen das Schnabelkürzen

Kupierter_Hennenschnabel_JohnigkElvira wird gemobbt. Ihre Kolleginnen hacken auf ihr herum, wohin sie auch flüchtet. Nirgends findet sie Ruhe. Elvira ist eine Legehenne und lebt mit tausenden Artgenossinnen dicht gedrängt in einem Stall. Mobbing ist für Menschen und für Hühner eine Qual. Doch unter Hühnern ist „Mobbing“ – anders als beim Menschen – kein bloßer Ausdruck von Gemeinheit. Es wird vor allem durch Stress ausgelöst und ist eine ernste Verhaltensstörung. Nicht nur das Zusammenleben auf engstem Raum stresst die Hennen. Auch Beschäftigungsmangel, falsches Futter, Krankheiten, ungünstige Bedingungen bei der Aufzucht der Junghennen oder genetische Gründe können Verhaltensstörungen wie Federpicken und Kannibalismus auslösen. Statt jedoch das Problem an der Wurzel zu packen, wird den Legehennen in konventioneller Intensivhaltung die empfindsame Schnabelspitze amputiert. PROVIEH kämpft seit langem für ein Ende dieser Verstümmelungspraxis. Jetzt haben die Nutztierschützer dafür entschlossene Partner bei Erzeugern und Handel gefunden.

Federpicken und Kannibalismus

Hühner untersuchen alles, was interessant erscheint, mit dem Schnabel. Er ist ihr wichtigstes Tastorgan, und seine Spitze steckt voller sensibler Nervenenden. Mit dem Schnabel werden Nahrungsstückchen als solche erkannt und gefressen, wird das Gefieder gepflegt und Wasser zum Trinken geschöpft. Unter Stress wird das natürliche Verhalten jedoch gestört. Gestresste Hühner zupfen, picken und zerren auch am Gefieder von Nachbarinnen. Das wirkt ansteckend. Und wenn Freilaufhuehner_brauchen_Deckung_Johnigkeine Henne erst einmal damit begonnen hat, verbreitet sich die Verhaltensstörung schnell im ganzen Bestand. Je zerzauster das Federkleid der Nachbarhennen ist, desto größer wird der Reiz, daran zu zupfen. Manche Mobbingopfer werden völlig kahl gerupft. Weil ihnen dann das wärmende Federkleid fehlt, frieren sie. Deshalb fressen sie mehr, um die Wärmeverluste auszugleichen, legen weniger Eier und erkranken leichter. Federpicken im Hühnerstall führt also auch zu wirtschaftlichen Einbußen für den Hühnerhalter.

Federpicken und Kannibalismus werden oft im selben Atemzug genannt, aber sie sind grundlegend verschieden. Hühner sind Allesfresser. Sie fressen gerne Fleisch, selbst wenn es von anderen Hühnern stammt. Auf die Farbe Rot und auf den Geschmack von Blut reagieren sie besonders lustvoll. Ein blutig gepicktes Huhn fällt daher schnell den scharfen Schnäbeln seiner Artgenossen zum Opfer, wenn es sich nicht in Sicherheit bringen kann. Besonders empfindlich ist das Hinterteil, die Kloake. Legt ein Huhn ein Ei, wird diese Körperöffnung weit gedehnt und hervorgestülpt. Ist das Ei herausgedrückt, ruht sich die Henne für einige Minuten im Nest aus. In dieser Zeit kann sich die Kloake wieder zusammenziehen. Wird das Huhn dabei gestört oder von einem ranghöheren Tier aus dem Nest gescheucht, lädt die rosig glänzende Kloake andere Hennen zum Picken ein. Das kann zu schweren Verletzungen führen, die allzu oft zum Tode führen. Kannibalismus ist für die betroffenen Hennen grausam und für den Halter ein empfindlicher Verlust.

Um die schwerwiegenden Schäden durch Federpicken und Kannibalismus und damit auch die wirtschaftlichen Verluste für die Halter zu verhindern, wird den Legehennen im Kükenalter meist die Schnabelspitze amputiert.  Das geschieht mit einer heißen Klinge oder einem Laserstrahl und tut sehr weh. Englische Wissenschaftler konnten belegen, dass die Amputationsstelle ein Leben lang schmerzt. Mit dem verstümmelten Schnabel können die Hühner ihr Gefieder nicht mehr ausreichend pflegen. Sie verlieren den Tastsinn, haben oft große Schwierigkeiten beim Fressen und manchmal auch beim Trinken.  Solche Amputationen sind nach § 6 Tierschutzgesetz in Deutschland grundsätzlich verboten.  Aber eine Ausnahmeregelung führt dazu, dass heutzutage fast alle Legehennen diesen schmerzhaften Eingriff erleiden müssen. Können der Tierhalter oder die Brüterei nämlich glaubhaft darlegen, dass die Amputation unerlässlich sei, um Schäden abzuwenden, erteilen die Behörden auf Antrag eine Erlaubnis. So wurde eine Ausnahme zur Regel gemacht.

Der Kampf gegen das Schnabelkürzen hat begonnen

Das Land Niedersachsen hat im Februar 2011 angekündigt, das Schnabelkürzen bei Legehennen bis 2015 auf politischem Weg beenden zu wollen. Für die konventionellen Eiererzeuger ist das eine große, nicht einfach zu erfüllende Herausforderung, denn die Ursachen für die Verhaltensstörungen sind vielfältig. Zu ihnen zählen Haltung und Fütterung, Aufzucht der Junghennen, Gesundheitsvorsorge und Zucht. Praktische Erfahrungen aus Österreich zeigen jedoch, dass das Schnabelkürzen bei Legehennen innerhalb von wenigen Jahren beendet werden kann. Hierzu schufen die Österreicher einen Solidarfonds: Wer noch immer kupierte Hennen einsetzte, zahlte pro Legehenne eine Abgabe. Mit dem Erlös wurden Betriebe bei der Umstellung unterstützt. Die Albert-Schweitzer-Stiftung hat dieses Modell in Deutschland bereits beim „Verein für kontrollierte alternative Tierhaltungsformen e.V.“ (KAT) ins Gespräch gebracht, KAT ist die vielleicht wichtigste Kontrollinstanz in der Hennenhaltung.

PROVIEH als Fachverband beschreitet einen weiteren Weg und sucht die direkte Zusammenarbeit Kupierte_Hennen_Bodenhaltung-(c)Johnigkmit Erzeugern und Handel. Im Sommer 2011 werden drei Betriebe einer bäuerlichen Erzeugergemeinschaft am Bodensee – zunächst versuchsweise – unversehrte Hennen einstallen. Hühnerbauer Christoph Hönig ist zuversichtlich: „Wir versuchen seit Jahren, die Haltungsbedingungen für unsere Hühner stetig zu verbessern und haben schon sehr viel erreicht.  Mein persönliches Ziel ist, in drei bis fünf Jahren komplett auf das Schnabelkürzen verzichten zu können.“ Hierzu sei nötig, Kriterien wie Federpicken und Sozialverhalten stärker in der Zucht zu berücksichtigen statt sie sie zu vernachlässigen, wie dies in den letzten 30 Jahren geschah, weil allein eine hohe Leistungsausbeute im Vordergrund stand.

Das Projekt ist der „Einstieg zum Ausstieg“, darin sind sich Nutztierschützer und die Bauern vor Ort einig. PROVIEH berät und begleitet die Versuche. Weitere Betriebe der Erzeugergemeinschaft und aus vier weiteren bäuerlichen Gemeinschaften sollen folgen. Hönig und seine Kollegen starten mit guten Voraussetzungen. Die Legelinie, mit denen sie arbeiten, gilt als wenig anfällig für Verhaltensstörungen. Und die Hennen bekommen vom ersten Tag an verschiedene Einstreu in ihren Stall und in den Wintergarten, damit sie nicht aus Langeweile mit dem Federpicken beginnen.

Hühnerglück ist kostbar

Aus Tierschutzsicht ist heikel zu beurteilen, was schlimmer ist: die Amputation der Schnabelspitze oder die Schäden, die sich Hennen mit intakten Schnäbeln zufügen. Einfach nur das Schnabelkürzen zu unterlassen wird das Tierschutzdilemma nicht lösen. Selbst in Biohennen-Betrieben, die nach EU-Recht grundsätzlich nur Hennen mit ungekürzten Schnäbeln einsetzen dürfen, treten Schäden durch Federpicken auf. Doch es gibt eine Haltungsform, die den Legehennen ein artgemäßes Leben ohne Verhaltensstörungen ermöglicht: die mobile Freilandhaltung, bei der die Hennen in einem „Hühnermobil“ untergebracht werden, das problemlos von einem Weideauslaufs zum nächsten gefahren werden kann.

Parallel zu den Versuchen am Bodensee begleitet PROVIEH daher eine Schar von 225 unkupierten PROVIEH_Mitarbeiterin_Verena_Stampe_hilft_beim_Einzug_ins_HuehnermobilHennen, die Ende Mai 2011 in ein Hühnermobil eingestallt wurden. Drei Stunden dauerte ihre Anreise von einer Aufzuchtstation. Am Ziel angekommen, stillten sie zunächst ihren Durst, nahmen einen Imbiss am Futtertrog und untersuchten dann neugierig den Rest ihres modernen Mobilstalls. Über 140 € pro Stallplatz hat Biobauer Frank Wintermann aus Flarup in Schleswig-Holstein investiert, weil er seine Hennen verhaltensgerecht unterbringen will. Er weiß, wie wichtig Grünfutter für Hennen ist. Das lustvolle Zerzupfen von Halmen beschäftigt die Hühner und beugt Verhaltensstörungen wie Federpicken und Kannibalismus vor. In dänischen Ställen sind deshalb oft Grünfutterraufen im Wintergarten installiert. Doch um die Qualität des Auslaufs ist es in festen Hühnerställen meist schlecht bestellt, weil er nach wenigen Wochen nur noch zum Staubbaden taugt und bei Regen verschlammt. Das Hühnermobil dagegen wird immer auf eine frische Fläche versetzt, wenn die vorherige abgefressen ist. Für die Hennen ist das ein wahres Glück.

PROVIEH wünscht sich, dass alle Legehennen so gut gehalten würden wie im Hühnermobil. Das wird auf absehbare Zeit ein Traum bleiben, solange die Wertschätzung bei Handel und Verbraucher fehlt. Längst nicht alle sind bereit, mehr als 35 Cent pro Ei zu bezahlen, erst Recht nicht die verarbeitende Industrie. Zurzeit zahlt diese nämlich nur 3 bis 4 Cent pro Ei. Doch Tierschutz ist kostbar und nicht für „'nen Apfel und ein Ei“ zu haben. Für einige Handelsunternehmen ist Tierschutz jedoch längst zu einem Qualitätszeichen geworden ist, mit dem guten Gewissens geringere Gewinnspannen gerechtfertigt werden können. Solche Partner brauchen wir beim gemeinsamen Kampf gegen das Schnabelkürzen.

Stefan Johnigk

Fotos: PROVIEH