Das Leben sterben sehen – Rinderbotulismus und Glyphosat

Ein schleichendes Problem geht um in der deutschen Milchviehhaltung: Rinderbotulismus. Seit 1996 wurde die Krankheit schon auf über tausend Betrieben nachgewiesen, von denen die meisten in Nordwestdeutschland liegen. Die Dunkelziffer ist vermutlich hoch, denn die Krankheit breitet sich in einem Betrieb schleichend aus und wird zunächst leicht übersehen. Je weiter die Erkrankungsrate an Fahrt aufnimmt, desto mehr Kühe leiden an Leistungsabfall, Muskel- und Pansenlähmung, Labmagenverlagerung, Bewegungs- und Schluckbeschwerden und an gestörten Lid-, Ohr- und Zungenreflexen – alles Folgen von Rinderbotulismus. Auf dessen Ursachengeflecht fällt erst allmählich Licht und offenbart schon jetzt dessen Gemeingefährlichkeit. „Das Leben sterben sehen“ – mit diesen Worten überschrieb ein Milchbauer aus Schleswig-Holstein die Tragödie, als der Rinderbotulismus viele seiner Milchkühe elendig dahinraffte.

An_Botulismus_erkrankte_Kuh-Achim_Gerlach

Akuter und chronischer (= viszeraler) Botulismus

Botulismus wird erzeugt durch das Gift des Bakteriums Clostridium botulinum. Alle rund 200 Clostridium-Arten sind Anaerobier (nur unter Sauerstoffausschluss aktiv) und spielen in der Natur eine wichtige Rolle bei der Zersetzung toter organischer Substanz. 35 dieser Arten sind pathogen (krankheitserregend), und von ihnen können 15 starke Gifte bilden. Als Dauerstadien werden Sporen gebildet, die hitze- und trockenresistent sind und für viele Jahre oder Jahrzehnte in der Erde und im Wasser überleben können. Geraten sie in einen geeigneten Zersetzungsherd, werden sie aktiv und starten einen neuen Vermehrungszyklus.

Das Gift von C. botulinum ist ein Neurotoxin (Nervengift), das als BoNT bezeichnet wird. Es ist stärker als jedes andere von Lebewesen gebildete Gift. Rein theoretisch lässt sich mit 40 Gramm die gesamte Weltbevölkerung vernichten (Kritischer Agrarbericht 2001). Es verhindert an den Synapsen zwischen Nervenfasern und Muskeln die Ausschüttung des Botenstoffs Acetylcholin und legt so die Muskulatur lahm. Zum Glück kann das Immunsystem Antikörper gegen das BoNT bilden, weil es als Eiweiß von partikulärer Natur ist.

Wird das BoNT mit verdorbener Nahrung aufgenommen, wird akuter Botulismus erzeugt. Werden dagegen Sporen von C. botulinum aufgenommen, die erst im Darmtrakt auskeimen und einen Vermehrungszyklus starten, der zur chronischen Bildung von BoNT führt, spricht man von chronischem (= viszeralem) Botulismus. Er macht das betroffene Rind zum Dauerausscheider von Sporen von C. botulinum und damit zu einem chronischen Infektionsrisiko für die gesamte Herde. Je kranker das Rind schon geworden ist, desto besser kann sich C. botulinum in ihm noch mehr vermehren und so die Gift- und Sporenfracht erhöhen. Dem Teufelskreis können außer Rindern auch Menschen zum Opfer fallen – bei Säuglingen eine Ursache für den plötzlichen Kindstod (siehe Advisory Committee on Microbiological Safety of Food 2006).

Pionier der deutschen Forschung über chronischen Rinderbotulismus ist Prof. Dr. Helge Böhnel aus Göttingen. Seit einigen Jahren nimmt sich auch die private Agrar- und Veterinär-Akademie (AVA) in Horstmar-Leer im Münsterland des Themas an und setzt im Rahmen ihrer Tagungsveranstaltungen wichtige Forschungsimpulse. Doch die Bundesregierung bekundete noch 2011 „Zweifel, dass der ‚chronische’ Botulismus als Krankheitsbild existiert. Es handelt sich um eine Hypothese zur Erklärung eines unspezifischen Krankheitsbildes.“ Diese Aussage ist sehr arrogant, denn wie in guter Wissenschaft üblich, wurde die Hypothese auf einer handfesten Datenlage erarbeitet und hat schon mehrere Prüfungen bestanden. Wenn der Eindruck nicht täuscht, ist die Hypothese ein Dorn im Auge von Agrarindustriellen und politisch Verantwortlichen, weil sie die Gemeingefährlichkeit mancher üblich gewordener Gepflogenheiten der industriellen Landwirtschaft offenbart.

Rinderbotulismus im Spiegel der Agrarindustrie

Je schwächer das Immunsystem und je höher die Belastung mit Sporen von C. botulinum, desto eher können Rinder an chronischem Botulismus erkranken. Prof. Dr. Monika Krüger von der Universität Leipzig erkannte, dass vor allem Milchkühe mit hoher Milchleistung einem weiteren Schadfaktor ausgesetzt sind: Glyphosat, Wirkstoff des Totalherbizids Roundup und in zu starker Konzentration in gentechnisch veränderter (GV) Soja enthalten, die Glyphosat verträgt. Seit einigen Jahren werden Getreide- und Kartoffelfelder kurz vor der Ernte mit Glyphosat gespritzt, um alle grünen Pflanzenteile abzutöten (Sikkation, siehe PROVIEH-Magazin 1-2012). Mit GV-Soja und sikkiertem Getreide im Kraftfutter nehmen Milchkühe auch Glyphosat auf. Es gelangt aus dem Darmtrakt in alle durchbluteten Körperteile, wie eingehende Analysen bewiesen. Außer im Harn von Rindern wurde Glyphosat auch im Harn von Großstädtern nachgewiesen, ein Zeichen, dass es in der Nahrungskette weitergegeben wird.

Geographische_Verteilung_der_1108_betroffenen_landwirtschaftlichen_Betriebe_gruppiert_nach_Postleitzahlenbereichen_im_Untersuchungszeitraum_1996-2010_Quelle_Boehner_und_Gessler-Tieraerztliche_Umschau_67_Juli_2012

Wie vielfältig die von Glyphosat angerichteten Schäden sind, hat Prof. Krüger am 30. Juni 2012 auf einer AVA-Tagung angeführt. Bei ausreichender Konzentration führt Glyphosat zu Störungen der Fruchtbarkeit, zu Fehl- und Missgeburten, Nekrosen an Ohren und Schwanz und zu Leber- und Nierenschäden. Glyphosat bindet Spurenelementen wie Kupfer, Mangan und Kobalt und macht sie so unverfügbar für Lebewesen, dass diese Opfer von Mangelkrankheiten werden können. Schon in äußerst geringen Konzentrationen hemmt Glyphosat die Vermehrung von Enterokokken und anderen Bakterien, die zu einer gesunden Darmflora gehören und potente Gegenspieler von C. botulinum sind. Zu den Abbauprodukten von Glyphosat gehört die Substanz AMPA, die im Pansen die Anheftung der Pansenbakterien an das aufgenommene Futter behindert. Dann kann die Kuh das aufgenommene Futter nur noch mangelhaft verwerten. Auf vielfältige Weise also stresst Glyphosat die Kuh, schwächt ihr Immunsystem und macht sie zu einem leichten Opfer von chronischem Botulismus, aber auch von Rausch- und Gasbrand, die von anderen Clostridium-Arten verursacht werden.

Außer Glyphosat gibt es noch ein zweites Botulismusrisiko für Rinder. So werden Fleisch-Knochenmehle nicht nur an die Zementindustrie geliefert, sondern fein gemahlen auch als Dünger ausgebracht. Das schafft ideale Bedingungen für die Vermehrung von Clostridium-Arten. Außerdem können sich diese Arten auch in den Biogasanlagen vermehren, weil in ihnen Gärung unter Sauerstoffausschluss stattfindet und kleinräumig auch andere Lebensbedingungen erfüllt sind. Neben Gülle werden dem Gärsubstrat oft auch Nachgeburten und Geflügelkot beigegeben. Selbst wenn nach der Gärung die Gärreste erhitzt werden, bleiben die Sporen keimfähig. Die Gärreste werden als Dünger geschätzt. Werden Grasäcker mit einer oder beiden der genannten Düngersorten gedüngt, gelangen die Sporen in die Silage, die an die Rinder verfüttert wird.

Dem Rinderbotulismus liegt mit Glyphosat und angereicherten Mengen von Clostridium-Sporen also ein hochgefährliches Ursachengeflecht zugrunde. Gegenmaßnahmen gegen diese Risiken erwiesen sich in der Praxis als überraschend erfolgreich, wie Tierarzt Achim Gerlach aus Burg (Dithmarschen, Schleswig-Holstein) auf der AVA-Tagung 2012 berichtete. Auch Schweinebauern erlebten, wie die Gesundheit ihrer Schweine aufblühte nach Umstellung auf glyphosatfreies Futter. PROVIEH wird die noch ziemlich neuen Erkenntnisse über die Gemeingefährlichkeit der erörterten agrarindustriellen Gepflogenheiten verstärkt in seine Arbeit einbringen.

Sievert Lorenzen 


 

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