Hilfestellung für Schweinehalter: Broschüre über Beschäftigungsmaterial für Schweine

Stangenbeißen_pigs-0070_freeanimalpix06.09.2011: PROVIEH gibt zusammen mit seiner britischen Partnerorganisation „Compassion in World Farming“ eine Erläuterung der europäischen Richtlinie und Vorschläge für angemessene Beschäftigungs-materialien auf Deutsch heraus.

Seit 2001 schreibt die EU vor, dass Schweinen ausreichend angemessenes Beschäftigungsmaterial zur Verfügung gestellt werden muss. Deutschland setzte die entsprechende EU-Richtlinie 2001/93/EG in der deutschen Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung bisher allerdings nur unzureichend um. Dadurch wurden die deutschen Schweinehalter in die Irre geführt und glaubten, mit der Installation von Ketten, oder Kettenkreuzen und der Gabe von Bällen oder Gummireifen den gesetzlichen Anforderungen Genüge getan zu haben. Dem ist aber mitnichten so.

Die bereitzustellenden Materialien müssen beweglich und zerkaubar sein und sollen den Wühl- und Erforschungsinstinkt der Schweine befriedigen, damit sie so zumindest teilweise ihr Bedürfnis nach arttypischer Nahrungssuche ausleben können. In der Richtlinie werden -anders als im deutschen Gesetzestext - deshalb ausschließlich natürliche Materialien wie Stroh, Sägespäne und Torf  aufgezählt. Falls Schweinehalter andere Materialien benutzen wollen, müssten diese mindestens ebenso wirkungsvoll wie die in der Richtlinie aufgezählten Stoffe sein. Dies wird auch durch die wissenschaftlichen Berichte der Europäischen Lebensmittelaufsichtsbehörde (EFSA), Grundlage des Richtlinientextes, untermauert. PROVIEH führt seit 2009 Klage bei der EU-Kommission über diese unzureichende Umsetzung in deutsches Recht und ihre Folgen:

Der Mangel an adäquaten Beschäftigungsmaterialien in den Schweineställen führt nämlich zu gravierenden Verhaltensstörungen, die der Gesundheit und dem Wohlbefinden der Tiere stark schaden können. Denn in der reizarmen Umgebung auf den gängigen Betonvollspaltenböden langweilen sich die neugierigen, erkundungsbegierigen Schweine zu Tode. Die natürliche Futtersuche erstreckt sich beim Schwein normalerweise über 70 bis 80 Prozent der gesamte Wachzeit eines Tages. Dies ist nicht nur bei Wildschweinen so, sondern auch in der Freilandhaltung (selbst bei Zufütterung!). Der Futtersuchinstinkt lebt auch in den heute ausschließlich im Stall gehaltenen hochgezüchteten Edel- und Landrasseschweinen weiter. Das zeigten Forscher in verschiedenen Feldversuchen mit Hausschweinen in Schweden, Großbritannien und der Schweiz eindrucksvoll.

Schweine-mit-Ball_229_0_Schulze-BremerIn der reinen Stallhaltung, die in Deutschland vorherrscht, bekommen die Tiere ihr Fressen in Portionen vorgesetzt und brauchen nur wenige Minuten zum Verschlingen der Mahlzeiten. Die kahlen Buchten bieten keine Abwechslung und die spärlich vorhandenen künstlichen Spielzeuge verschaffen kaum Ablenkung vom öden Tagesverlauf. Die Tiere müssen sich also den Rest der Wachzeit irgendwie anders beschäftigen. Sie stoßen dabei zwangsläufig auf ihre Artgenossen, mit denen sie auf engstem Raum die Bucht teilen. Auch schlechte Stallluft und Krankheiten können zusätzlich dazu beitragen, dass die Tiere aggressiv werden und schließlich ihre Artgenossen an den Ohren und / oder am Schwanz anknabbern (sog. „Schwanzbeißen“). Da Schweine Allesfresser sind, aber in der modernen Tierhaltung - anders als in der Natur - kein tierisches Eiweiß zu fressen bekommen, können der Geruch und Geschmack von Blut schnell zu ausuferndem Kannibalismus führen. In der Folge können sich Nekrosen an Schwänzen und Ohren bilden. Deshalb hat es sich eingebürgert, den Ferkeln gleich vorbeugend den Schwanz und die Eckzähne zu kürzen - letzteres auch zur Schonung der Gesäuge der Sauen, die inzwischen pro Jahr im Schnitt 2,3 Mal werfen müssen. Die systematischen Verstümmelungen stellen aber einen Verstoß gegen die EU-Richtlinie dar, die die routinemäßige Kürzung von Ringelschwanz und Eckzähnen verbietet. An diesem Missstand hat sich nach der Beschwerde von PROVIEH bei deutschen und EU-Behörden vor zwei Jahren nichts geändert. Eine Vielzahl unabhängiger wissenschaftlicher Studien belegt unzweifelhaft, dass der Mangel an geeignetem Beschäftigungsmaterial die Hauptursache für das Schwanzbeißen ist. Die Lösung dieser Haltungsprobleme bzw. Belange des Tierschutzes müssen also Hand in Hand gehen.

PROVIEH belässt es nicht bei Beschwerden, sondern engagiert sich als Deutschlands ältester und größter Fachverband für Nutztierschutz aktiv auch für die Umsetzung der Tierschutzvorschriften in der Praxis. Mit der neuen Broschüre, die wir gemeinsam mit unserer britischen Partnerorganisation Compassion in World Farming herausgeben, bekommen die Schweinehalter praktische Anregungen für den Einsatz erprobter Beschäftigungsmaterialien. Für weiterführende fachliche und praxisnahe Beratung steht PROVIEH interessierten Schweinehaltern jederzeit zur Verfügung. Leider scheiterte ein zunächst mit dem Genossenschaftsunternehmen Westfleisch geplanter Versuch, unter Bereitstellung unterschiedlicher Beschäftigungsmaterialien auf das Schwänzekupieren zu verzichten, an der Illoyalität des Unternehmens. Nachdem PROVIEH sich dagegen wehrte, als Feigenblatt für die unwürdige „Aktion Tierwohl“ missbraucht zu werden, wurde der Versuch von Westfleisch gleich ganz abgesagt. Das ist bedauerlich, aber PROVIEH engagiert sich weiter in Kooperation mit anderen Landwirten sowie Schlacht- und Verarbeitungsunternehmen vernünftige Fortschritte in Sachen Tierschutz zu erzielen.

 

Sabine Ohm, Europareferentin

 

Foto oben: PROVIEH; Foto unten: Schulze Bremer


 

Weiterführende Quellen und Informationen:

Broschüre Beschäftigungsmaterial

Schweinezucht und Schweinefleischerzeugung - Empfehlungen für die Praxis

http://d-nb.info/982372450/34

"Tierwohl" darf weder Worthülse noch Nischenprodukt sein

https://provieh.de/node/10732

Kreative Luftnummer – kein Schwein lacht

https://provieh.de/node/10676