Wiesenhof sucht Feigenblatt

08.09.2011: Was macht ein Unternehmen, wenn es unbequeme Veränderungen vermeiden will? Es wälzt die Last der Verantwortung auf andere ab. Der Wiesenhof-Konzern zeigt nach den negativen Medienberichten  der jüngsten Zeit wieder einmal, wie gut das funktioniert. Schuld am ganzen Elend in der industriellen Intensiv-Geflügelmast seien die Pächter der Elterntierhaltungen, die Vertragsmäster oder die Greiftrupps der Ausstallkolonnen. Wenn überhaupt, werden Konsequenzen bei den „Fremdfirmen“ und dann auch nur auf Mitarbeiterebene gezogen. Der milliardenschwere Konzern selbst wäscht seine Hände in Unschuld. Der Chef des Broilerimperiums lügt unbeeindruckt in die Fernsehkameras.

He, hallo Wiesenhof-Rechtsabteilung, Verleumdung! Paul Heinz Wesjohann würde doch niemals offen in ein Mikrofon lügen? Doch, tut er. In einer ARD-Reportage vom 31.08.2011 behauptete er frech, nur gesunde Masthühner würden von Wiesenhof bezahlt. Damit wollte er wohl den Eindruck vermitteln, die Anforderungen für die Abnahme von Masthühnern am Wiesenhof-Schlachthof seien so hoch, dass dadurch qualvolle Zustände und Erkrankungen in den Mastbeständen vermieden würden. Doch wissenschaftliche Studien belegen, dass mehr als Zweidrittel aller Masthühner am Schlachttag unter schmerzhaften Entzündungen der Fußballen leiden. Auch solche von Wiesenhof.

Rund 4.500.000 Masthühner schlachtet Wiesenhof Woche für Woche. Mit einer einfachen Maßnahme könnte das Leben all dieser Hühner spürbar verbessert werden: Wenn entzündete Fußballen am Schlachtband amtlich erfasst und konsequent geahndet würden. Dann könnten die Mäster ein wenig mehr nach Qualität ihrer Tierhaltung als nach Masse bezahlt werden – und massenweise Probleme der Massentierhaltung ließen sich auf einen Streich vermeiden.  Doch eine routinemäßige Erfassung der Fußballengesundheit am Schlachtband, wie sie PROVIEH einhellig mit Vertretern der Veterinäre fordert, findet nicht statt. Weder bei Wiesenhof noch bei anderen Profiteuren der Massentierhaltung von Geflügel. Nicht einmal stichprobenweise. Denn dann müssten wohlmöglich so viele Tiere als krank zurückgewiesen werden, dass der Preis für das Billigbrustfilet dramatisch stiege. Oder aber die Haltungsbedingungen in den Ställen müssten derart verbessert werden, dass die Hühner erst gar keine entzündeten Füße mehr erlitten. Die Konsequenz: Hühnchenfleisch Marke Wiesenhof wäre nicht mehr billiger als Katzenfutter im Discount zu verkaufen. Schlimm, schlimm, schlimm – für die Aktionäre.

Biohühner als Feigenblatt für Kritiker

Statt dem millionenfachen Übel an die Wurzel zu gehen, flüchtet Wiesenhof wieder einmal in die Lieblingsstrategie: Verantwortung verlagern. Diesmal auf die Schultern der Kunden. Denn wer ist so dumm und kauft Hühnchenfleisch, das noch billiger ist als Schlachtnebenerzeugnisse für die Katz? Eben, die Verbraucher! Auf die ist Verlass, weiß Wesjohann. Er würde nämlich viel lieber Biohühner verkaufen, wird er nicht müde zu erzählen. 10.000 Stück davon lässt er wöchentlich schlachten. Die bösen Verbraucher aber lassen den gutherzigen alten Hühnerbauern mit seinem hehren Wunsch verhungern – sie kaufen ihm nur die billigen Filets der intensiv gemästeten Turbobroiler ab.Sowas_gibt_es_nicht_bei_Wiesenhof-Johnigk_PROVIEH

Dem ungeliebten Feigenblatt Biohuhn schiebt Wiesenhof nun das Projekt „Privathof-Geflügel: Hähnchen aus alternativer Haltung“ hinterher – quasi als Apfel im Maul der Tierschützer. Für die Betreuung des Vorhabens hat sich der Konzern einen Tierschutzexperten der tierärztlichen Fakultät von der chronisch klammen Ludwig-Maximilian-Universität München auf die Gehaltsliste geholt. Prof. Michael Erhard hat noch im Frühjahr 2011 die Elterntierhaltung bei Wiesenhof öffentlich als Qualzucht bezeichnet. Nun hilft er dem Konzern bei der Lösung seiner Tierschutzprobleme – nicht etwa bei der Qualzucht, nein, bei den Problemen mit dem Tierschutzimage. Als Referenz für die medial gut aufgesetzte Aktion dient dem Konzern der Deutsche Tierschutzbund.

PROVIEH findet die Theorie hinter dem Projekt gar nicht verkehrt: „Eine langsamer wachsende Rasse, längere Aufzuchtdauer, geringere Besatzdichte und Auslauf in einem überdachten Wintergarten kennzeichnen das neue Konzept. Strohballen, Picksteine und Sitzstangen im Stall sollen dazu beitragen, dass die Tiere ihre natürlichen Verhaltensweisen besser ausüben können“, steht im Newsroom bei Wiesenhof zu lesen. Oh, was wäre das für eine Erleichterung gewesen für die 234 Millionen Wiesenhof-Hähnchen, die im Jahr 2010 für 1,228 Milliarden Euro Jahresumsatz ihr elendes kurzes Dasein fristen mussten! Doch für sie wird sich auf absehbare Zeit nichts ändern. Lediglich eine Handvoll Versuchstiere werden vorerst der Marketingmaßnahme geopfert. Wesjohann darf also beruhigt weiter schlafen: Ein Renner wird sein Privathof-Geflügel nie, dafür wird die Billigkonkurrenz aus dem eigenen Haus schon sorgen.

Ein Gedankenspiel mag das erläutern. In vielen Schulen werden in der Pause Getränke und Snacks an die Schulkinder verkauft. Was glauben Sie, findet besseren Absatz, wenn es gemeinsam angeboten wird: Schokoriegel für 50 Cent oder Vollkornstullen für 2,99 Euro? Eben. Paul Heinz Wesjohann geriert sich wie der Betreiber eines Schulkiosks, der neben Bergen von billigem Junkfood auch ein einsames Vollkornbrot zum Akademikerpreis anbietet – und sich dann bei den Eltern über die schlechten Kaufgewohnheiten ihrer Kinder beklagt. Die Macht der Verbraucher zu beschwören und sich hinter den Wünschen ihrer Kunden zu verschanzen ist eine der beliebtesten Rechtfertigungsstrategien aller Drogendealer, Waffenhändler und Zuhälter. Die Verantwortung dagegen bei denen zu suchen, die an etwas verdienen, ist unbeliebt. Auch in der Massentierhaltung.

Wenn jedem Wiesenhofprodukt ein Foto der Masthühner am Tag ihrer Ausstallung beiliegen würde, würde sich das ungleiche Verkaufsverhältnis der Millionen unterprivilegierten Massenstallhühner zu den wenigen Tausend privilegierten Biobroilern sicher verschieben. Doch daran ist dem reichen Konzern gar nicht gelegen. Besucher, TV-Teams und Promis dürfen nur dann zum Schnupperbesuch in die Mastställe, wenn darin die „Kacke noch nicht am Dampfen ist“, wie es ein Bauer treffend auf den Punkt brachte. Denn wenn die Tiere kurz vor der Schlachtung richtig feist sind, sich gegenseitig den Platz streitig machen und im eigenen Kot hocken müssen, ist jeder Intensivhühnermaststall ein trauriger, unappetitlicher Ort. Für die Hühner noch mehr wie für Besucher.

Das Projekt „Privathof-Geflügel“ dagegen wird mit Videokameras im Stall überwacht. PROVIEH hatte dem Seniorchef von Wiesenhof, Paul Heinz Wesjohann, bereits im April 2009 aufgefordert, die Zustände in allen seinen konventionellen Intensivmastställen per Webcam konsequent zu veröffentlichen. Er hätte ja nach eigenem Bekunden nichts zu verbergen. Darauf erfolgte bis heute keinerlei Reaktion. Offenbar sind die Haltungsbedingungen in den "Fremdfirmen", den konventionellen Wiesenhof-Vertragsmästereien, immer noch wenig kameratauglich. In den neuen Versuchsställen hängen dagegen nun Kameras unter dem Dachfirst und schauen von hoch oben herab auf die Tiere. Ob zur Produktionsmittelüberwachung oder als Abschreckung für menschliche Eindringlinge von PETA und Co. – das bleibt offen.

Doch auf Augenhöhe mit den Hühnern und ihren Bedürfnissen zu sein ist bei Wiesenhof offenbar noch immer unerwünscht. Kein Feigenblatt wird jemals groß genug sein, das grauenhafte Elend in der industriellen Intensiv-Hühnermast zu überdecken. Also, Wesjohann, runter vom "chicken Privathof" und ran an die entzündeten Hühnerfüße in der Massentierhaltung! Sonst zupfen wir Tierschützer weiter am Feigenblatt, bis es fällt.

Stefan Johnigk, Diplom-Biologe

Foto: PROVIEH


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