Die verheerenden Folgen der Fleischexporte aus Deutschland und der EU

18.05.2011: Fleischexporte aus der Europäischen Union (EU) behindern die Agrarentwicklung in den sogenannten Entwicklungsländern und bedrohen dort das Leben und die Gesundheit der Menschen. In seiner Lobby- und Förderarbeit setzt sich der Evangelische Entwicklungsdienst (EED) seit seiner Gründung 1999 für die Beendigung dieser Fehlentwicklung ein. Er fördert weltweit zahlreiche Entwicklungsprojekte und -programme (ca. 1.500 im Jahr) für die Bewahrung der Schöpfung, für ein Leben in Würde und für Gerechtigkeit und Frieden. PROVIEH interviewte Stig Tanzmann vom EED, der sich seit April 2010 mit den Problemen der ländlichen Entwicklung befasst.

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PROVIEH: Bei “Fleischexporten” denkt man spontan an Qualitätsprodukte wie argentinisches Rindfleisch, Serrano-Schinken oder ungarische Salami. Was für Fleisch exportiert Deutschland und sind wir da auch wieder “Exportweltmeister“?

Tanzmann: Diese Qualitätsprodukte kommen einem natürlich als erstes in den Sinn. Das ist von der Ernährungsindustrie und dem Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz auch so gewollt. Die Bürger sollen denken, aus Deutschland und der EU werden Premium-Produkte exportiert. Aber bei einer Exportmenge von 1,3 Millionen Tonnen Geflügel und 2,7 Millionen Tonnen Schweinefleisch, die die EU 2010 in alle Welt exportiert hat, geht es ganz offensichtlich vor allem um Massenware und Reste.

Und bei diesen Resten wird es unappetitlich! Es geht um Stücke vom Geflügel und Schwein, die in Europa niemand mehr isst und die dann zu Schleuderpreisen, 70 Cent das Kilo für Geflügel, als Tiefkühlware auf den Märkten Afrikas landen. Es sind buchstäblich die letzten Reste. Gerade habe ich Bilder von Schweinewirbelsäulen auf Märkten in Liberia gesehen. Die Qualitätsprodukte – die Geflügelbrust und das Filet – bleiben bei uns in Europa. Deutsche und Europäer essen nur noch das Beste.

Diese Reste aber verdrängen die lokalen Produzenten von den Märkten und nehmen ihnen so die Möglichkeit, ein Einkommen zu erwirtschaften. Mit den Exporten zementiert die EU letztlich die Armut in Afrika. Deutschland ist in diesem Fall zwar nicht „Exportweltmeister“, hat aber in den letzten Jahren stark aufgeholt.

PROVIEH: In welche Länder exportieren Deutschland und die EU am meisten Fleisch?

Tanzmann: Wichtigste Märkte sind weiterhin der Nahe und der Ferne Osten, die auf Importe angewiesen sind, weil sie häufig nicht genug Fläche haben, um sich selbst zu versorgen. Aber auch der afrikanische Markt spielt eine wachsende Rolle. Bei Geflügelfleisch gingen 2010 schon 23 Prozent der EU Gesamtexporte nach Afrika. Benin importierte 115.000 Tonnen Geflügelfleisch, das reiche Saudi Arabien 118.000 Tonnen. Afrika ist kein Nischenmarkt mehr.

PROVIEH: Sind die Fleischexporte wichtig für das Überleben unserer hiesigen Landwirtschaft, ähnlich wie es oft von der Automobilbranche gesagt wird?

Tanzmann: Nein, überhaupt nicht. Die Landwirtschaft der EU wurde 2010 mit über 50 Milliarden Euro subventioniert. Mit diesem Geld ließe sich die Landwirtschaft der EU so ausrichten, dass jeder Bauer sein Einkommen erwirtschaften könnte. Stattdessen zielen die Subventionen immer mehr in Richtung Produktion für den Weltmarkt. So wird ein harter Verdrängungskampf im Sinne „wachse oder weiche“ erzeugt, dem viele kleine Betriebe zum Opfer fallen, während große Betriebe profitieren.

PROVIEH: Sind die Fleischexporte wichtig für die ärmeren Länder?

Tanzmann: Auch nicht, weil viele Menschen dieser Länder durch unsere Exporte ihre Beschäftigung verlieren. Das gilt nicht nur für Bäuerinnen und Bauern, die Tiere mästen. Auch andere Arbeitsplätze gehen verloren, zum Beispiel beim Futteranbau, im Transportwesen, auf den Märkten, in den Schlachtereien und beim Rupfen. Automatisierte Schlachtketten gibt es dort nicht. Die heimisch gezogenen Tiere werden in Afrika immer noch lebend in geflochtenen Körben vermarktet, weil es an geeigneten Kühlvorrichtungen mangelt. Unsere Partnerorganisation ACDIC (Association Citoyenne du Défense des Intérêts Collectifs), eine Bürgerinitiative in Kamerun, hat einmal ausgerechnet, dass die Fleischimporte dort 100.000 Arbeitsplätze zerstört hätten, wenn sie nicht 2005 auf Druck der Kampagnenarbeit von ACDIC von der Regierung verboten worden wären. Die Zahlen für Kamerun sind auch auf andere Länder Afrikas übertragbar. Durch diese Zerstörung von Arbeitsplätzen entsteht letztlich Armut. Nicht zu vergessen die Umweltprobleme: Der Dünger aus der Tierhaltung fehlt auf den Äckern Afrikas, während Europa wegen der industriellen Tierhaltung dank Einfuhr von Soja aus Südamerika Überdüngungsprobleme hat.

PROVIEH: Sehen Sie Handlungsspielräume für die Bundespolitik, solche negativen Entwicklungen zu vermeiden?

Tanzmann: Deutschland kann handeln und ist gefragt, dies zu tun. Das würde natürlich Geld kosten, aber wir erleben gerade bei der Atomkraft, dass die Bereitschaft zum Wandel in der Gesellschaft vorhanden ist. Zum Wandel würde auch gehören, den Import von Soja zu reduzieren, denn der Sojaanbau zerstört zurzeit die Umwelt und die bäuerliche Produktion in Südamerika und ermöglicht unsere Exporte von Billigfleisch, mit denen wir in Afrika den Aufbau der dortigen Landwirtschaft behindern.

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PROVIEH: Es ist öfter von der “Kohärenz der EU-Politik” die Rede, zu der auch die Handels-, Entwicklungs- und Agrarpolitik gehören. Gibt es schon Anzeichen, dass die EU-Institutionen den schönen Worten auch sinnvolle Taten folgen lassen?

Tanzmann: Leider sieht es bei der Reform der EU-Agrarpolitik düster aus. Eine Kohärenz von Agrar- und Entwicklungspolitik ist nicht zu erkennen. Die Probleme, die durch die Exporte entstehen, werden schlicht geleugnet, und einseitig werden die Interessen der Exportindustrie berücksichtigt. Um dies zu ändern, beteiligt sich der EED aktiv an der Kampagne „Meine Landwirtschaft – Unsere Wahl“ und zeigt auf dem evangelischen Kirchentag vom 2. bis 5. Juni 2011 in einer Ausstellung noch einmal die komplexen Konsequenzen des Ausbaus der industriellen Tierhaltung in Deutschland auf.

PROVIEH: Wäre es besser und machbar, dass sich alle Länder weitgehend selbst mit Fleisch aus inländischer Produktion versorgen?

Tanzmann: Wenn die Flächen hierzu fehlen, ist eine Selbstversorgung mit Fleisch nicht möglich. Aber wenn Entwicklungsländer über die notwendigen Flächen verfügen, sollten sie sich selbst mit Fleisch versorgen und sich nicht von Importen abhängig machen. Dann hätten die Kleinbauern auch den Dünger, den sie für die Kreislaufwirtschaft brauchen.

PROVIEH: Wie können die Probleme der Fleischexporte durch die Handels- und Agrarpolitik der EU gelöst werden?

Tanzmann: Die Agrar- und Handelspolitik muss grundsätzlich nach dem Prinzip „do no harm“ reformiert werden. Dies würde bedeuten, in ein Land nicht mehr zu exportieren, wenn dort dadurch die Bauern und Bäuerinnen geschädigt werden. Mit unserer Kampagne „Meine Landwirtschaft“ wollen wir in diese Richtung gehen.

PROVIEH: Was können wir als Verbraucherinnen und Verbraucher in der Zwischenzeit tun?

Tanzmann: Sie können mit dem Geldbeutel abstimmen und die alternative Tierhaltung unterstützen. Die Bioanbau-Verbände und Neuland zeigen ja eindeutig, dass es andere Produktionsmöglichkeiten gibt. Dieser Ansatz muss von den Verbrauchern honoriert werden. Dies führt ganz natürlich auch dazu, dass Fleisch wegen seines höheren Preises zum Luxusprodukt wird, von dem nicht mehr so viel produziert, gegessen und exportiert wird.

 

Das Interview führte Sabine Ohm