Groß – größer – am größten - Betriebsgröße versus Tierwohl

20.09.2011: Vertreter der Agrarindustrie beteuern immer wieder, dass Tiere in großen Tierhaltungsanlagen nicht leiden müssen. Angeblich sei die Größe einer Anlage für das Tierwohl nicht entscheidend. Auf der Brandenburger Bauernversammlung im Juni 2011 applaudierten rund 500 Landwirte einem entsprechenden Statement der Agrar-ministerin.

Den Tieren gehe es gerade in den modernen, großen Kuhställen viel besser, freut sich Udo Folgart, Vizepräsident des Bauernverbandes. In den großen, modernen Ställen bekämen sie nämlich mehr Licht, Luft und Liegekomfort als früher. In neuen, frisch eingestreuten Ställen mag das so sein. Doch in den Mega-Kuhställen mit 800 bis 1.000 Kühen geht es in der Regel nicht ums Tierwohl, sondern um reines Profitinteresse – auf Kosten der Tiergesundheit. Weil alle Arbeitsvorgänge automatisiert sind, fehlt der persönliche Kontakt zum Menschen. Die Tiere stehen ihr Leben lang auf rutschigen Spaltenböden. Niemals sehen sie eine Weide mit frischem Gras. Stattdessen müssen sie Gras- und Maissilage und Kraftfutter fressen, bestehend aus Soja und Getreide. Das Melken erledigt ein Roboter.

In der Hühnermast sollen immer mehr Betriebe mit 40.000 bis 100.000 Mastplätzen gebaut werden. Drei Prozent Verlust werden vom Unternehmer von vornherein einkalkuliert. Das bedeutet bei einem 100.000er Maststall: Bis zu 3.000 Masthähnchen dürfen verhungern, verdursten oder zerquetscht werden, ohne dass der Betrieb in die roten Zahlen kommt. Große Betriebe rechnen sich, keine Frage. Doch kann man Tiere in diesen Mengen wirklich artgerecht halten? Nach der politischen Wende 1990 entstanden im Osten zahlreiche Agrargenossenschaften die das Erbe der ehemaligen Landwirtschaftlichen Produktions-Genossenschaften (LPGs) übernahmen. Bis heute halten sich dort die Betriebe mit den größten Strukturen, was Fläche und Tierzahl angeht. Da sind 6.000 Schweine und 2.000 Rinder auf einem Betrieb keine Ausnahme.

Der Trend zum Wachstum hört auch bei den Biobetrieben nicht auf. Immer mehr Biobetriebe halten bis zu 20.000 Legehennen. Wie kann man bei dem täglichen Kontrollgang hier ein einzelnes krankes Tier erkennen? – Dass Kühe keine Namen haben, sondern nur noch Nummern, daran haben wir uns gewöhnt. Aber wie steht es mit der Einzeltierkontrolle, wenn nur noch der Melkroboter regelmäßig Kontakt zur Kuh hat? Wie schnell merken der Bauer oder seine Angestellten, wenn es von 1.000 Kühen einer nicht gut geht?

Auch die Kontrolle wir zunehmend automatisiert. Der Betriebsleiter gibt somit die eigene Verantwortung an Lüftungs-, Alarm- und Telefonanlagen ab. Doch die Automatisierung der Betriebsabläufe birgt etliche Risiken, weil technische Anlagen ab und zu komplett ausfallen. Bei solchen Störfällen sterben die Tiere am häufigsten an erhöhter Ammoniakkonzentration und akutem Sauerstoffmangel. Schweineställe sind davon besonders häufig betroffen; je nach Herdengröße sterben auf einmal bis zu 1.000 Schweine. Manchmal bricht auch ein Feuer aus, wie am 22.07.2011 in Wolfsburg-Sülfeld. Dort verbrannten 1.000 Mastschweine in ihren Boxen. Auch Masthähnchen müssen gelegentlich dran glauben: Ende Juli 2010 erstickten in Holthusen (Landkreis Uelzen) 40.000 Tiere, weil die automatische Kühlung ausgefallen war und der Handy-Alarm nicht funktionierte. Bedauert werden die Betreiber, die den wirtschaftlichen Schaden erleiden, nicht aber die Tiere, die als „Produktionseinheiten“ immerhin einen qualvollen Tod erlitten.

Nicht zu vergessen ist, dass sich Krankheitserreger in industriellen Massentierhaltungen besonders gut zu tödlichen Varianten entwickeln können, die anschließend durch die vielen Transporte von Tieren und Tierprodukten wirksam in andere Betriebe eingebracht werden können. Bei bestimmten Seuchenerregern muss der gesamte Bestand getötet werden. Je größer die Betriebe sind, desto mehr Tiere werden dann vernichtet. Durch prophylaktische Behandlungen mit Antibiotika versucht man, jedenfalls die bakteriellen Krankheitserreger vorsorglich auszuschalten, doch auf diese Weise wurden schon viele Bakterienstämme „gezüchtet“, die resistent gegen die eingesetzten Antibiotika sind.

Man kann es drehen und wenden, wie man will, die industrielle Massentierhaltung ist in vielerlei Hinsicht sehr problematisch und bietet auf keinen Fall einen nachhaltigen Nutzen.

Der Agrarausschuss des Europäischen Parlamentes hat sich kürzlich für betriebliche Obergrenzen bei den Agrarsubventionen ausgesprochen. Bisher kassieren die Bauern Agrarprämien zum Ausgleich für die Preisschwankungen. Obwohl diese unabhängig von der Betriebsgröße sein sollen, bekommen große Betriebe mehr Geld als kleine.  Auf diese Weise erfreuen sich große industrielle Tierhaltungsanlagen hoher finanzieller Zuwendungen. Andererseits müssen jedes Jahr tausende kleine Milchbauern aufgeben, weil sie mit den Großen nicht mehr konkurrieren können. 55 bis 58 Milliarden Euro bringt die EU jährlich für ihre gemeinsame Agrarpolitik auf. Etwa 5 Milliarden gehen nach Deutschland. Der Löwenanteil des Geldes landet regelmäßig bei Geflügelkonzernen, Großmolkereien und der sich aufblähenden Agrarindustrie, die sich auf Kosten der Kleinbauern gesundstoßen. Die Kleinbauern sehen von dem EU-Geld viel zu wenig und haben nur noch die Wahl zwischen Wachsen oder Weichen. Etliche Bauern entscheiden sich fürs Wachsen, um nicht aufgeben zu müssen. Doch wo hört das Wachstum auf? Gibt es irgendwann nur noch zwei, drei Oligarchen, die die gesamte Tierproduktion übernehmen? Dann würde nicht nur das Tierwohl, sondern auch die Demokratie auf dem Spiel stehen. Internationale Saatgut- und Chemiekonzerne sitzen bereits in den Schaltzentralen von Landwirtschaft und Lebensmittelindustrie. Sie zeigen uns, wo die Reise hingeht, wenn der Wachstumswahn nicht bald gestoppt wird.

Susanne Aigner, PROVIEH-Fachreferat


 

Weiterführende Quellen:

Agrarministerin auf Bauernversammlung (Juni 2011):

www.maerkischeallgemeine.de/cms/beitrag/12100168/485072/Bundesagrarministerin-Aigner-bei-Brandenburger-Bauernversammlung-Reichlich-Lob-im.html   

Bau von Kuhställen:                                                                                   

www.nordsee-zeitung.de/Home/Nachrichten/Startseite/Bauern-fuerchten-Bau-Bremse-_arid,575925_puid,1_pageid,52.html

NDR-Beitrag "Arme Schweine" vom 02.09.2011:

http://www.ndr.de/regional/mecklenburg-vorpommern/armeschweine101.html

Medikamente im Hühnerstall: 

http://taz.de/Medikamente-im-Huehnerstall/!74172/

Brand im Schweinestall (25.07.2011):

http://www.ndr.de/suche10.html?query=Brand+im+Schweinestall

Schweine in Agrarfabrik erstickt (06.06.2011):

www.proplanta.de/Agrar-Nachrichten/Tier/Tausend-Schweine-in-Agrarfabrik-erstickt_article1307355659.html

Hähnchentod in Holthusen (28.07.2010):

www.haz.de/Nachrichten/Panorama/Uebersicht/40.000-Huehner-sterben-im-Kreis-Uelzen-nach-Ausfall-der-Stallkuehlung

Antrag der SPD für klare Regelungen der Intensivtierhaltung:

http://dipbt.bundestag.de/dip21/btd/17/060/1706089.pdf